Aids Muttermilch enthält Hemmstoffe gegen HI-Viren

Wenn aidskranke Mütter ihre Kinder stillen, dann werden die nicht in jedem Fall angesteckt. Warum das so sein könnte, wollen Forscher jetzt herausgefunden haben. Ein Tierversuch legt nahe, dass Substanzen in der Muttermilch dem Erreger zusetzen können.

Stillende Prostituierte in Kinshasa (2007): Gefahr durch HI-Viren in der Milch ausgesetzt
AFP

Stillende Prostituierte in Kinshasa (2007): Gefahr durch HI-Viren in der Milch ausgesetzt


San Francisco - Wie lässt sich verhindern, dass aidskranke Mütter ihre Neugeborenen anstecken? Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommt nur etwa jede zweite betroffene Schwangere antiretrovirale Medikamente. Nun haben Forscher gefunden, dass ausgerechnet die Muttermilch eine gewisse Schutzwirkung haben könnte.

Angela Wahl und ihre Kollegen vom Center for Aids Research der University of North Carolina berichten im Fachmagazin "PLoS Pathogens" von Substanzen in der Milch, die gegen eine Infektion mit HI-Viren schützen. Die Wirkung der Substanzen reiche aus, so die Forscher, um die Übertragung des Erregers in den meisten Fällen zu verhindern.

Die aktuellen Erkenntnisse stammen allerdings nur aus dem Versuch mit Mäusen. Die Forscher hatten mittels Genmanipulation die Abwehr der Tiere außer Kraft gesetzt und sie mit Vorläuferzellen von menschlichem Knochenmark, Leber - und Thymusgewebe geimpft. Dadurch entwickelten die Mäuse sowohl die Abwehrzellen als auch andere Komponenten des menschlichen Immunsystems. Sie reagierten dadurch auf HIV genauso sensibel wie ein Mensch.

In verschiedenen Tests spritzten sie den Tieren Lösungen mit Aidsviren und mit infizierten Abwehrzellen ins Blut, in den Magen oder in den Mund. Alle Tiere erhielten dabei jeweils nur eine Dosis der Virenlösung. In allen Fällen steckten sich dadurch 100 Prozent der Tiere mit HIV an. Spritzten die Wissenschaftler den Tieren die gleiche Virenmenge in Muttermilch gelöst in den Mund, infizierte sich keine der Mäuse.

Das Ergebnis zeige erstmals, dass Muttermilch die orale Übertragung von HIV durchaus verhindern könne, schreiben die Forscher. So ließe sich auch erklären, warum sich 85 Prozent der Kinder von HIV-positiven Müttern trotz monate- und teilweise sogar jahrelangem Stillen nicht infizierten. "Offenbar stecken sich Säuglinge nur dann über die Muttermilch an, wenn sie über längere Zeit immer wieder den Aidsviren in der Milch ausgesetzt sind", schreiben Wahl und ihre Kollegen. Immerhin trinke ein Säugling im Durchschnitt rund 250 Liter Muttermilch pro Jahr.

Dilemma für infizierte afrikanische Mütter

Vor allem HIV-infizierte Mütter im südlichen Afrika stecken in einer fatalen Zwickmühle: Wenn sie ihre Kinder stillen, riskieren sie, diese mit dem tödlichen Virus anzustecken. "65 Prozent der infizierten Säuglinge sterben ohne antivirale Therapie schon vor ihrem ersten Lebensjahr", berichten die Forscher.

Geben die Mütter ihren Kindern aber keine Muttermilch, gefährden sie ebenfalls deren Überleben. Denn das Stillen schützt die Säuglinge vor Durchfall, Lungenentzündung und Sepsis, den häufigsten Todesursachen kleiner Kinder in Afrika. "Wenn wir verstehen, warum sich einige Säuglinge über die Muttermilch anstecken, obwohl diese die HIV-Übertragung hemmt, dann könnten wir dieses Dilemma lösen", schreiben Wahl und ihre Kollegen.

Möglicherweise unterscheide sich die hemmende Wirkung der Muttermilch bei den Frauen, die ihre Kinder anstecken von der, bei denen dies nicht geschehe, mutmaßen die Wissenschaftler. Es sei daher nun wichtig, zu ermitteln, welche Inhaltsstoffe der Milch gegen die Infektion schützen.

Die Forscher hoffen, dass die Inhaltsstoffe der Muttermilch zudem neue Ansatzstellen liefern könnten, um Hemmstoffe gegen das Aidsvirus zu entwickeln. Sie vermuten, dass bestimmte langkettige Fettsäuren in der Muttermilch die Übertragung des Virus stören. "Diese Fettsäuren könnten die Virenhülle beeinträchtigen oder die Freisetzung neuer Virenpartikel aus den befallenen Wirtszellen stören", schreiben Wahl und ihre Kollegen. Aber auch von einigen Proteinen in der Muttermilch wisse man, dass sie die Aktivität von Aidsviren hemmen.

Nach WHO-Statistiken sind weltweit rund anderthalb Millionen Schwangere mit dem HI-Virus infiziert, die ihre Kinder möglicherweise anstecken könnten. Nur gut 700.000 von ihnen bekommen effektive Medikamente, um den Erreger in Schach zu halten.

chs/dapd



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