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Aids-Statistik: Zahl der HIV-Neuinfektionen geht zurück

Immer weniger Menschen stecken sich mit dem Aidserreger an. Seit 2001 ist die Zahl der Neuinfektionen weltweit um 17 Prozent gesunken, heißt es in einem Bericht der Vereinten Nationen. Die Erfolge im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit werfen allerdings auch neue Probleme auf.

Aids-Patienten in Uganda (2008): "Wir wissen, dass Kondome wichtig sind." Zur Großansicht
REUTERS

Aids-Patienten in Uganda (2008): "Wir wissen, dass Kondome wichtig sind."

Shanghai - Die Vereinten Nationen dürften die Statistik als Erfolg feiern: Vorsorgeprogramme gegen die Immunschwächekrankheit hatten Erfolg, heißt es im neuen Bericht " Aids Epidemic Update". Und in der Tat: Die Zahl der Neuinfektionen mit dem HI-Virus ist in den vergangenen acht Jahren um 17 Prozent gesunken.

Weltweit haben 33,4 Millionen Menschen den Aidserreger HIV im Blut - mehr als je zuvor. Dank moderner Therapien würden viele Patienten länger leben und daher die Zahl der Erkrankten steigen lassen, berichten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS). "Die zunehmende Zahl HIV-positiver Menschen stellt die Weltgemeinschaft aber auch vor immer größere Herausforderungen", sagt Ulrich Heide, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Aidsstiftung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Sie müssen mit Medikamenten versorgt, medizinisch betreut und gesellschaftlich integriert werden."

Im vergangenen Jahr haben sich 2,7 Millionen neu infiziert, berichten die Vereinten Nationen. Zwei Millionen Menschen seien 2008 an der Krankheit gestorben. Die am Dienstag vorgestellten Zahlen basieren wie üblich auf mathematischen Modellen. Der Fehlerspielraum ist dabei nicht zu unterschätzen - und macht global gesehen mehrere Millionen Fälle aus. Heide schreckt das nicht: "Die Zahlen werden nach bestem Wissen und Gewissen bestimmt", sagt er.

HIV-Neuinfektionen nach Weltregionen (geschätzt)
Region Neuinfektionen 2008 Neuinfektionen 2001
Afrika südlich der Sahara 1,9 Millionen 2,3 Millionen
Nordafrika und Naher Osten 35.000 30.000
Süd- und Südostasien 280.000 310.000
Ostasien 75.000 99.000
Ozeanien 3900 5900
Lateinamerika 170.000 150.000
Karibik 20.000 21.000
Osteuropa und Zentralasien 110.000 280.000
West- und Mitteleuropa 30.000 40.000
Nordamerika 55.000 52.000
Gesamt 2,7 Millionen 3,2 Millionen

"Die gute Nachricht ist, dass der Rückgang, den wir sehen, zumindest teilweise auf Vorbeugung zurückgeht", sagte UNAIDS-Chef Michel Sidibé. Allerdings gingen die Programme häufig auch am Ziel vorbei und müssten effektiver werden. Zwar sei in Afrika südlich der Sahara die Zahl neuer Ansteckungen im Vergleich zu 2001 um 15 Prozent gesunken. Trotzdem bleibt die Region ein Aids-Brennpunkt: Im vergangenen Jahr entfielen 72 Prozent aller neuen HIV-Fälle weltweit auf das Gebiet südlich der Sahara. Für Kinder sieht es sogar noch problematischer aus: 91 Prozent aller Neuinfektionen in dieser Altersgruppe passierten im Süden Afrikas.

"Berechtigte Forderung, auch überleben zu wollen"

Immerhin: Weltweit hätten im Jahr 2008 rund 45 Prozent aller HIV-infizierten Mütter Medikamente erhalten, um die Übertragung an ihr Kind zu unterdrücken. Im Jahr zuvor seien es nur 33 Prozent gewesen. Auch aus anderen Teilen der Welt gibt es zumindest eingeschränkt positive Signale: In Ostasien gingen die neuen HIV-Infektionen innerhalb von acht Jahren um 25 Prozent zurück, in Süd- und Südostasien um 10 Prozent.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts derzeit 67.000 HIV-Infizierte. Im vergangenen Jahr habe es etwa 3000 Neuansteckungen gegeben. Die Zahl ist seit etwa drei Jahren stabil.

Für die Folgen der Aids-Epidemie sind im vergangenen Jahr 15,6 Milliarden Dollar aufgewendet worden, berichtet die Uno. Nötig seien im kommenden Jahr idealerweise 25 Milliarden Dollar. Die Behandlung von Aids wird nicht zuletzt deswegen immer teurer, weil immer mehr Menschen lebensverlängernde Medikamente erhalten. "Die Menschen sehen weltweit in den Medien, dass ein Überleben mit HIV und Aids in Industrieländern möglich ist", sagt Heide. "Sie melden ihre berechtigte Forderung an, auch überleben zu wollen."

Das Geld und das Fachwissen dafür bereitzustellen ist ein Problem, aber bei weitem nicht das einzige. Der Uno-Bericht weist nämlich auch darauf hin, dass dort, wo eine Behandlung möglich ist, die HIV-Raten stabil sind oder sogar leicht steigen - siehe Deutschland. Es müsse deshalb noch viel mehr in der Aids-Prävention getan werden. Heide sieht das ebenso: "Wir wissen, dass Kondome wichtig sind - aber zum Beispiel auch die Stärkung von Frauenrechten muss viel intensiver verfolgt und in vielen Staaten eingefordert werden."

chs/AP/dpa/AFP

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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.


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