Aidsforschung Antikörper-Bauplan schützt Mäuse vor HIV

Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach einer HIV-Impfung - vergebens. Nun bietet eine Studie an Mäusen zumindest einen Hoffnungsschimmer: Forscher schleusten eine Bauanleitung für mächtige HIV-Antikörper in die Tiere ein, danach hielten sie großen Virusmengen stand.

Labormaus: Tiere mit menschlichem Immunsystem wurden mit Antikörpern geimpft
REUTERS

Labormaus: Tiere mit menschlichem Immunsystem wurden mit Antikörpern geimpft


Hamburg - Mäuse mit einem menschlichen Immunsystem lassen sich mit Antikörpern vor der Infektion mit dem Aidserreger HIV bewahren. Damit eröffnet sich womöglich nun ein Weg zum Schutz des Menschen vor der unheilbaren Infektion. Im Wissenschaftsmagazin "Nature" verweist die Gruppe um Alejandro Balazs vom California Institute of Technology zunächst auf eines der größten Probleme der Medizin: Bisher ist es nicht gelungen, das Immunsystem des Menschen mit einer Impfung zur Produktion breit wirkender Antikörper gegen HIV anzuregen. Die Versuche befinden sich im Stadium der Grundlagenforschung, einen Test des Verfahrens am Menschen gibt es noch nicht.

Bei einer klassischen Impfung wird das Immunsystem mit den zu erwartenden Erregern konfrontiert. Die Immunzellen lernen ihren Gegner kennen und stellen Antikörper gegen ihn her. Gedächtniszellen bewahren den Bauplan dieser Antikörper über viele Jahre, so dass der Körper sie bei Bedarf schnell herstellen kann. Bei HIV hat diese Strategie keinen Erfolg: Das Virus mutiert zu schnell. Der Körper muss ständig veränderte Antikörper herstellen und kommt damit nicht nach.

Mediziner kennen aber Antikörper von HIV-Infizierten, die gegen eine Bandbreite von HI-Viren wirken, wodurch die Betroffenen weitgehend unempfindlich gegen das Virus sind. Wenn sich das Immunsystem nicht auf klassische Weise zur Produktion dieser Antikörper anregen lässt - dann vielleicht künstlich? Das war der Ansatz des Teams.

Die Forscher schleusten die genetische Bauanleitung für bekannte, breit wirksame Antikörper in ein harmloses Virus ein. Dieses sorgt für den Einbau der fremden Gene in den Körper. Die Forscher spritzten das Virus in die Muskeln spezieller Mäuse, die mit einem menschlichen Immunsystem ausgestattet sind.

Optimistische Prognose

Tatsächlich produzierten die Muskelzellen wie gewünscht die Antikörper, schreiben die US-Forscher. Sie nennen das Verfahren VIP (Vectored Immunoprophylaxis). Die Tiere bildeten die Antikörper nach nur einer Injektion ein Leben lang und in hoher Konzentration, heißt es in "Nature".

Im nächsten Schritt infizierte die Gruppe die Tiere mit HIV. Auch bei hohen Dosen des Erregers schützten die künstlich eingeschleusten Antikörper die Mäuse zuverlässig, berichten die Wissenschaftler.

Die Tiere überstanden Infektionen mit einer Dosis, die hundertmal höher war als jene, die zur Infektion anderer Tiere nötig war. Übertragen auf den Menschen könnte das bedeuten, dass das VIP-Verfahren womöglich mehr Antikörper produziert, als für einen Schutz vor HIV nötig wären. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass VIP eine langanhaltende Produktion menschlicher Antikörper in sehr großer Konzentration in den Versuchstieren zur Folge hat."

"Angesichts des Schutzes, den VIP in Versuchstieren demonstriert hat, glauben wir, dass sich eine höchst effektive Prophylaxe durch existierende Antikörper in Menschen erzielen lässt."

Ob sich diese optimistische Aussage bestätigt, wird sich jedoch erst nach diversen weiteren Studien zeigen. Die HIV-Forschung hat schon einige Rückschläge hinnehmen müssen, den letzten erst in dieser Woche: Ein Vaginalgel, das Frauen vor einer Infektion bewahren sollte, entpuppte sich in einer größeren Studie als wirkungslos. Zudem müssten auch die Risiken der Methode genau erforscht werden, ehe sie für eine Anwendung bei Menschen in Frage kommt.

wbr/dpa



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insgesamt 11 Beiträge
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JaguarCat 01.12.2011
1. Wow!
Mit dem Retrovirus X kämpfen die Forscher gegen das Retrovirus Y, in der Hoffnung, dass X weniger gefährlich ist als Y. So scheint ja auch X das Erbgut zu ändern, was zu missgebildeten Kindern oder Krebs führen kann - bedes möglicherweise Jahrzehnte später! Für einen Impfstoff ein verdammt hohes Risiko! Denkbar wäre eine solche Gen-Impfung aber für HIV-Infizierte: Hier sieht die Risiko-Abwägung anders aus, da die bisher zur HIV-Unterdrückung verwendeten Medikamente alle schwere Nebenwirkungen haben. Zwar würde auch die Gen-Impfung den Menschen nicht heilen, er hätte dann aber beides dauerhaft im Körper: Die Krankheit und die Waffe dagegen.
Christian Krippenstapel 01.12.2011
2. Vielversprechender Ansatz!
Zitat von sysopSeit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach einer HIV-Impfung - vergebens. Nun bietet*eine Studie an Mäusen zumindest einen Hoffnungsschimmer: Forscher schleusten eine Bauanleitung für mächtige HIV-Antikörper in die Tiere ein, danach hielten sie*großen Virusmengen stand. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,800931,00.html
Mal angenommen, das Verfahren ließe sich auf den Menschen übertragen - könnte man die entsprechenden Gene auch in die Keimbahn einbringen, so daß sich die Fähigkeit des Immunsystems mit HIV fertig zu werden vererbt, oder müßten wir die entsprechende Impfung dann ad infinitum beim Hersteller kaufen?
tess2 01.12.2011
3. ...
Zitat von Christian KrippenstapelMal angenommen, das Verfahren ließe sich auf den Menschen übertragen - könnte man die entsprechenden Gene auch in die Keimbahn einbringen, so daß sich die Fähigkeit des Immunsystems mit HIV fertig zu werden vererbt, oder müßten wir die entsprechende Impfung dann ad infinitum beim Hersteller kaufen?
Gene in die Keimbahn einbringen? Mit einem Transrapid in 10 Minuten, oder wie soll das gehen? Erreger die den Wirt gleichzeitig mit dem Antikörper ausstatten werden sich sicherlich nicht in der "Keimbahn" vermehren, sondern sofort wieder ausselektieren. Es sei denn sie mutieren und sind danach schlimmer als zuvor... Zum Thema: genetische Impfung ist sicherlich interessant, aber sollte meiner Meinung nach nicht prophylaktisch eingesetzt werden, sondern eher als Therapie. Die Veränderung des Erbguts ist wie schon erwähnt kein trivialer Eingriff, sondern kann auch schwere Konsequenzen haben, die auch erst langfristig auftreten können.
rni1988 01.12.2011
4. wissenschaftlicher Hintergrund
Zitat von JaguarCatMit dem Retrovirus X kämpfen die Forscher gegen das Retrovirus Y, in der Hoffnung, dass X weniger gefährlich ist als Y. So scheint ja auch X das Erbgut zu ändern, was zu missgebildeten Kindern oder Krebs führen kann - bedes möglicherweise Jahrzehnte später! Für einen Impfstoff ein verdammt hohes Risiko! Denkbar wäre eine solche Gen-Impfung aber für HIV-Infizierte: Hier sieht die Risiko-Abwägung anders aus, da die bisher zur HIV-Unterdrückung verwendeten Medikamente alle schwere Nebenwirkungen haben. Zwar würde auch die Gen-Impfung den Menschen nicht heilen, er hätte dann aber beides dauerhaft im Körper: Die Krankheit und die Waffe dagegen.
Laut dem Nature-Artikel wird fuer den Gentransfer kein Retrovirus sondern ein Adenovirus eingesetzt. Ein voellig anderer Virustyp. Ausserdem ist die Erbgutveraenderung auf die Muskelzellen beschraenkt, welche den Antikoerper produzieren sollen. Es wird also keine missgebildeten Kinder geben, weil die Keimbahn nicht betroffen ist. Das Krebsrisiko ist durch die Verwendung von Muskelzellen relativ klein, weil sie einmal ausdifferenziert sich nicht mehr teilen, was essentiell fuer die Bildung eines Tumor ist. Deshalb sind die meisten Tumore Karzinome, welche aus Epithelzellen entstanden sind. Der Ansatz der Caltechforscher ist der derzeit beste Versuch HIV/ dauerhaft zu heilen. Natuerlich ist dies keine generelle Methode um die Bevoelkerung zu schuetzen, wie eine Impfung.
hurkey 01.12.2011
5. Keimbahn
Zitat von Christian KrippenstapelMal angenommen, das Verfahren ließe sich auf den Menschen übertragen - könnte man die entsprechenden Gene auch in die Keimbahn einbringen, so daß sich die Fähigkeit des Immunsystems mit HIV fertig zu werden vererbt, oder müßten wir die entsprechende Impfung dann ad infinitum beim Hersteller kaufen?
Die Frage des Foristen Krippenstapel ist nicht ganz abwegig. Möglicherweise haben Sie ein falsches Verständnis von der "Keimbahn". Das Einbringen von Genen in Keimzellen kann dazu führen, dass diese Information vererbt wwird. Unter bestimmten Bedingungen kann das Genprodukt in somatischen Zellen exprimiert werden. Ob das allerdings im Zusammenhang mit der beschriebenen Immuntherapie sinnvoll, ist eine andere Frage.
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