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Alterskrankheit AMD: Stammzell-Therapie lässt Blinde sehen

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Embryonale Stammzellen (Archiv): Sie können sich in jeden Zelltyp verwandeln Zur Großansicht
DPA/ Uni Bonn

Embryonale Stammzellen (Archiv): Sie können sich in jeden Zelltyp verwandeln

Eine Therapie mit embryonalen Stammzellen kann die bisher unheilbare Altersblindheit AMD bekämpfen. Neue Studien zeigen: Die Mehrzahl der Patienten kann heute sehen, einer reitet sogar wieder.

Eine Stammzelltransplantation hat Blinden das Augenlicht zurückgegeben, zumindest konnten die Patienten, die zum größten Teil an altersbedingter Makuladegeneration (AMD) litten, nach der Behandlung wieder deutlich besser sehen, berichten Forscher im Fachmagazin "The Lancet". Das besondere an dem Ergebnis: Bislang gibt es keine anerkannte Methode, AMD zu heilen. Nun wächst die Hoffnung.

In Deutschland ist altersbedingter Makuladegeneration die häufigste Erblindungsursache bei Menschen über 50 Jahren. Unter ihnen ist sie für etwa ein Drittel der Neuerblindungen verantwortlich, insgesamt sind hierzulande Schätzungen zu Folge zwei Millionen Menschen betroffen. Durch die Augenerkrankung verlieren Zellen der Netzhaut im Punkt des schärfsten Sehens ihre Funktion. Die Umgebung erscheint zunehmend verschwommen. Sobald nur noch zwei Prozent des Sehvermögens vorhanden sind, gelten Betroffene als blind, auch wenn sie etwa Schatten noch wahrnehmen können.

Zur Behandlung griffen Steven Schwartz von der University of California in Los Angeles und Kollegen zu embryonalen Stammzellen, die von einem einen Tag alten Embryo aus einer Kinderwunschklinik stammten. Solche Zellen können sich zu allen wichtigen Körperzellen entwickeln. So entstehen aus ihnen Hautgewebe, Herzmuskeln oder, wie im aktuellen Fall, Zellen für das Auge.

Konkret programmierten die Forscher die Alleskönner so, dass aus ihnen Zellen des Pigmentepithels der Netzhaut entstanden. Diese Zellen sind bei AMD-Patienten zerstört. Beim Umprogrammieren wird das Erbgut der Stammzellen mithilfe von Chemikalien verändert. Die herangezüchteten Zellen pflanzten Schwartz und seine Kollegen schließlich bei 18 Patienten jeweils in ein Auge ein: Neun litten unter AMD und neun unter sogenanntem Morbus Stargardt, einer sehr seltenen Form der Makuladegeneration, die schon im Kindes- und Jugendalter auftritt.

Das retinale Pigmentepithel versorgt die Netzhaut mit Nährstoffen Zur Großansicht
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Das retinale Pigmentepithel versorgt die Netzhaut mit Nährstoffen

Über knapp zwei Jahre prüften sie den Erfolg ihrer experimentellen Therapie. Und tatsächlich: Die Stammzelltransplantation gelang bei allen Patienten und mehr als die Hälfte konnte auf dem behandelten Auge anschließend deutlich besser sehen, berichten Schwartz und seine Kollegen. Bei einem Standardsehtest konnten die AMD-Patienten nach einem Jahr 14 weitere Buchstaben erkennen, einer gar 19. Die unbehandelten Augen waren dagegen deutlich schwächer geworden.

Weg zurück in den Alltag

Das Sehvermögen eines 75-jährigen Farmers, der auf dem behandelten Auge blind gewesen war, habe sich so stark verbessert, dass der Mann wieder reiten könne, berichtet Robert Lanza von der Firma Advanced Cell Technology, die die Studie finanziert und die Zellen hergestellt hat. Andere Patienten seien nun in der Lage, Computer zu nutzen, Uhren zu lesen oder allein in Einkaufszentren zu gehen.

Die Studie sei demnach der erste Nachweis, dass von Embryonen entnommene und umprogrammierte Zellen beim Einsatz im Menschen über längere Zeit sicher und funktionsfähig sind, so Lanza. Die aktuelle ist die derzeit längste Studie, die den Einsatz von menschlichen embryonalen Stammzellen im Patienten verfolgt hat. Zuvor gab es Bedenken, dass die Zellen durch die genetische Umprogrammierung entarten und etwa Tumore verursachen könnten.

Erstmals hatten Schwartz und seine Kollegen das Verfahren 2011 bei zwei Frauen mit ADM angewendet. Damals lag ihr Fokus darauf, grundsätzlich zu prüfen, ob die Zellen vom Körper der Patientinnen angenommen werden. Gleichzeitig hatten die Frauen bei dem Pilotversuch aber auch schon von Verbesserungen ihres Sehvermögens berichtet. Über die längerfristige Sicherheit konnte die Untersuchung dennoch keine Informationen liefern.

Auch wenn es bei der nun nachgelegten Studie keine Tumore waren, einige Nebenwirkungen gab es trotzdem: Bei vier Augen entstand eine Linsentrübung (grauer Star) und zwei entzündeten sich. Die Forscher führen das auf das hohe Durchschnittsalter der behandelten AMD-Patienten von 77 Jahren oder die Nebenwirkung von Medikamenten zurück, die das Immunsystem unterdrücken, damit das implantierte Gewebe nicht abgestoßen wird.

Hürden bis zur Standardtherapie

Dusko Ilic vom Kings College London, der nicht an der Arbeit beteiligt war, hält das Ergebnis dennoch für vielversprechend, stellt aber klar, dass selbst, wenn eine größere Studie, die für dieses Jahr geplant sei, Erfolg habe, es noch Jahre dauern wird, bis die Behandlung allgemein verfügbar sein wird.

Ein Hindernis bei der Weiterentwicklung der Therapie könnte auch die ethische Debatte um embryonale Stammzellen sein. Embryonen für die Forschung und später eventuell in noch größerer Zahl für den breiten Einsatz in der Therapie zu töten, ist umstritten, zumal es inzwischen vielversprechende Alternativen gibt. So lassen sich etwa ausgewachsene Körperzellen in eine Art Embryonalzustand zurückversetzen.

Im September 2014 wurde erstmals eine AMD-Patientin mit Gewebe aus solchen IPS-Zellen behandelt, die aus Hautzellen der Frau hergestellt worden waren. Besser sehen können wird die Frau nicht, doch der Versuch soll zeigen, ob das Gewebe sicher genug für den Einsatz im Menschen ist. Auch bei IPS-Zellen besteht die Sorge, dass sie im Körper von Patienten entarten- noch stärker als bei embryonalen Stammzellen.

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Mit Material von Reuters

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Prima
lordbucki 16.10.2014
Zum Glück lässt sich der wissenschaftliche Fortschritt nicht überall in der Welt aufhalten, so wie es momentan in Deutschland an allen Ecken und Enden geschieht. Aber wenn es dann funktioniert, wollen auch all die Kritiker behandelt werden...
2. Forschung mit embryonalen Stammzellen
schnirgel 16.10.2014
in Deutschland natürlich verboten. Kauder und Konsorten "sei Dank".
3. ?was?
iesmael 16.10.2014
Was ist denn bitte ein "ein Tag alter Embryo"? Das ist doch im Prinzip nur ein Zellbündel, oder? und da spricht man schon von Embryo und hat "moralische" Bedenken? Das könnte man doch "simpel" in ner Petrischale "anrühren"??? Oder hab ich in BIO damals was total falsch verstanden? Aber Hauptsache wir retten Banken, Autobauer, Krankenkassen etc. anstatt ordentlich Forschungsgelder rauszuhauen was dem Bürger oder besser gesagt dem Personal der BRD zu Gute käme.
4. „Standarttherapie“
Doktor Weisenheimer 16.10.2014
Geht es hier um Kunst, oder warum schreibt die Autorin das Wort „Standard“ fälschlicherweise mit t am Ende!? Wäre dies die Bild, wäre es mir egal (die lese ich nicht), beim Spiegel sind solche orthografischen Klopper aber inakzeptabel. Das Wort „Standard“ wird so oft falsch geschrieben, daß man gerade als Journalist diesen Fehler nicht machen darf.
5. Gute Neuigkeit für Patienten mit Sehschwäche ...
Meineserachtens 16.10.2014
Ein gewaltiger Meilenstein für Dr. Robert Lanza und sein Team bei ACTC in Massachusetts/USA. Mittlerweile sind die guten Ergebnisse bei über 40 Patienten festzustellen. Dieses Jahr noch beginnt die Phase II mit über 50 weiteren Kliniken und hunderten von Patienten. Nur nochmal zur Klarstellung. Alle diese Stammzell-Kultivierungen basieren auf der Entnahme einer Eizelle aus einem Embryo im Jahre 2007. Durch andere Umstände ist dieses Embryo damals unbrauchbar geworden. Seit dieser Zeit wurden alle millionenfachen Weiterkultivierungen aus diesem einen entnommenen Embryo-Teil erzeugt. Es ist also nicht so, das nun millionenfach Embryonen zerstört werden. ACTC hat seit Jahren bei der NIH, der US-Gesundheitsbehörde, NED-Stammzell-Linien zu Forschungszwecken beantragt. NED heißt Non Embryo Destruction. Diese Stammzell-Linien werden aus dubiosen Gründen immer noch nicht freigegeben. Das ist wahrlich ein Skandal, wenn man sich die Ergebnisse heute zu Gemüte führt. Aber dieses Argument der Embryo-Zerstörung wabert wohl noch die nächsten hundert Jahre in allen Publikationen zu diesem Thema. Aber ich werde versuchen es bei jeder Veröffentlichung zurecht zu rücken.
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Stammzellforschung

Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

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