Vergiftetes Paar in Großbritannien Was ist Nowitschok?

In Großbritannien wurde ein Paar mit Nowitschok vergiftet - dem gleichen Stoff wie beim Anschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julija. Was ist das für eine Substanz?

Forensiker bei der Arbeit
NEIL HALL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Forensiker bei der Arbeit


Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde in ähnlicher Form bereits zum Fall Skripal veröffentlicht. Wir haben ihn aktualisiert und bieten ihn erneut an.


Am 4. März 2018 wurden der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury entdeckt. Sie waren mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden. Etwa vier Monate später gibt es nun einen zweiten Fall.

In Amesbury, elf Kilometer nördlich von Salisbury, wurde am Samstagabend ein Paar bewusstlos in einem Wohnhaus aufgefunden. Der 45-jährigen Mann und seine 44-jährige Frau schweben in Lebensgefahr. Nach einigen Stunden war klar: Auch sie wurden mit Nowitschok vergiftet.

Was ist das für ein Gift?

Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Gruppe sehr wirksamer Nervengifte. Die Nowitschok-Gifte wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt. Auch deshalb machen viele Politiker Russland für den Angriff auf die Skripals verantwortlich. Es ist unklar, ob der Giftstoff, der nun verwendet wurde, aus der gleichen Charge stammt wie im Fall des Doppelagenten.

Dass die Sowjetunion gegen Ende des Kalten Krieges eine neue Gruppe Nervengifte hergestellt hatte, sollte eigentlich niemand wissen. Der Plan war, die Substanzen so zu konzipieren, dass sie sich mit den damaligen Standardnachweismethoden nicht aufspüren lassen. So sollten internationale Waffenabkommen umgangen werden. Schließlich berichteten Anfang der Neunziger jedoch zwei Chemiker von der Entwicklung der Stoffe. Bislang ist ein militärischer Einsatz von Nowitschok nicht bekannt.

Video: Zwei Briten mit Nowitschok vergiftet

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Wie giftig ist Nowitschok?

Die Giftgruppe besteht aus ungefähr hundert verschiedenen Stoffvarianten. Einigen von ihnen wird nachgesagt, sie seien fünf bis acht Mal tödlicher als das Nervengift VX, mit dem etwa der Halbbruder des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Un ermordet worden sein soll. Im Vergleich zu VX und Sarin lassen sich die Nowitschok-Stoffe schlechter nachweisen, können aber mittlerweile trotzdem aufgespürt werden.

"Nowitschok-Gifte erweitern die Möglichkeiten des Einsatzes von Nervengiften deutlich", sagt Andrea Sella, Chemiker am University College London. Bei als Waffen eingesetzten Nervengiften handele es sich meist um farblose Flüssigkeiten, die nach der Aufnahme innerhalb von Minuten töten. Nowitschok-Substanzen sind dagegen ultrafeine Puder. "Sie wirken langsamer, dadurch hat man mehr Kontrolle", sagt Sella.

Video aus dem Archiv: Was ist Nowitschok?

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Wer kann den Stoff herstellen?

Hergestellt werden die Gifte aus zwei nicht giftigen Grundstoffen. Die Bestandteile seien recht leicht zu beschaffen, erklärt Gary Stephens, Pharmakologe an der University of Reading. "Die Chemikalien unterliegen keinen strengen Vorschriften." Sie könnten leicht geliefert werden, weil kein Risiko für die Gesundheit der Zulieferer bestehe. Erst in Kombination entfalten die Stoffe ihre Giftwirkung.

Um die Grundstoffe zu Giftsubstanzen zusammenzuführen, braucht es allerdings Fachwissen. Zudem sind Labore mit hohen Sicherheitsstandards nötig, wie sie üblicherweise nur von Regierungen betrieben werden. Ein geübter Chemiker wäre dann jedoch in der Lage, die Nervengifte herzustellen. "Die Nowitschok-Gifte sind so gefährlich, dass keine Terrorgruppe sie produzieren würde", sagt Sella. Er gehe davon aus, dass nur ein Staat dazu in der Lage wäre - theoretisch auch außerhalb Russlands.

Wie wirkt Nowitschok auf den Körper?

Der Körper nimmt Nervengifte vor allem über die Atemwege auf, manchmal auch über die Haut. Nowitschok-Stoffe können zudem über die Schleimhäute in den Körper gelangen. Sie wirken, indem sie dort ein wichtiges Enzym blockieren, das die Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln steuert. Fällt das Enzym aus, werden Muskeln überstimuliert.

Krämpfe sind die Folge. Außerdem ziehen sich die Pupillen unter dem Einfluss der Nervengifte zusammen und das Atmen fällt schwer. Auch Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall und erhöhter Speichelfluss zählen zu möglichen Symptomen. Je nach Ausmaß der Vergiftung kommt es zu Bewusstlosigkeit und Herzstillstand.

Als Gegenmittel zu Nowitschok kommen mehrere Stoffe in Betracht, die beispielsweise das blockierte Enzym reaktivieren. Ob die Rettung gelingt, hängt entscheidend davon ab, wie schnell die Gegenmittel angewendet werden. Da Nervengifte das Atmungszentrum im Gehirn beeinträchtigen, besteht die Gefahr im Wesentlichen darin, dass das Hirn durch Sauerstoffmangel dauerhaft geschädigt wird. Eine Heilung ist nicht garantiert.

Welche Informationen liefern Giftspuren den Ermittlern?

Giftspuren können Ermittlern Aufschluss geben, wer die Substanz hergestellt hat. Winzige Reste der zur Herstellung verwendeten Substanzen oder Fremdstoffe erlauben demnach zumindest grobe Rückschlüsse. Regierungen haben einen guten Überblick über die verschiedenen Prozesse, die in unterschiedlichen Staaten zur Herstellung verwendet werden, glauben Experten. Letztlich bleiben jedoch immer Unsicherheiten.

Video: Wladimir Ugljow und das Nervengift Nowitschok

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jme/AP

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