Angeblich gentechnisch veränderte Babys Der Einschnitt

Mit seiner Behauptung, Embryonen gentechnisch verändert zu haben, bringt He Jiankui sein Forschungsfeld in Verruf. So bremst er den medizinischen Fortschritt und gefährdet die Entwicklung neuer Therapien.

Alex Hofford/Epa/Rex

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Wenn der Mensch in die Natur eingreift, bekommen viele Angst. Das gilt insbesondere bei Veränderungen des Erbguts. "Wir spielen Gott" heißt es oft im Zusammenhang mit Gentechnik. Nun behauptet der Forscher He Jiankui aus China, menschliche Embryonen mit der Genschere Crispr/Cas9 manipuliert zu haben. Die Zwillinge seien vor wenigen Wochen geboren worden. Die Rede ist von "Designer-Babys".

Wenn die Geschichte stimmt, ist das ein Skandal. Das liegt allerdings nicht daran, dass Gentechnik im Menschen angewendet wurde. Das Problem ist die Art und Weise, wie das geschehen ist.

He behauptet, er habe die Mädchen von HIV-positiven Vätern durch die Erbgutveränderung resistent gegenüber einer Infektion mit dem Virus gemacht. Der Eingriff dürfte den Mädchen allerdings nur wenig nutzen. Dass sie sich beim Vater anstecken, wäre ohnehin sehr unwahrscheinlich (mehr dazu lesen sie hier).

Erhöhtes Krebsrisiko befürchtet

Dem gegenüber stehen hohe Risiken für die Kinder. Die meisten Forscher halten moderne Genscheren, wie sie He eingesetzt hat, noch nicht für sicher genug, um sie in Embryonen einzusetzen. Die Veränderungen sind anschließend in allen Zellen des Körpers zu finden und werden über Generationen weitergegeben. Experten befürchten, dass durch den Einsatz der Genschere im Menschen das Krebsrisiko steigt.

Möglich war der Versuch, weil He die Arbeit - wenn sie tatsächlich stattgefunden hat - im Verborgenen machte. Seine Uni will nichts davon gewusst haben. Sein angebliches Resultat verkündete er über ein YouTube-Video. Es gibt keine von Kollegen geprüfte Veröffentlichung. Anscheinend hat auch keine Ethikkommission zugestimmt.

Das Auftreten des Forschers ist auch eine Machtdemonstration. Denn man muss kein Genie sein, um Erbgut mit Genscheren zu schneiden. Jeder Biotechnologe ist dazu in der Lage. Auch deshalb diskutiert die Branche seit Jahren über die ethischen Grenzen der Anwendung. He hat eine solche nun einfach überschritten - und bringt damit das gesamte Forschungsfeld der Gentechnik in Verruf.

Es wäre unethisch, nicht weiter zu forschen

Dabei sind Genveränderungen per se nicht schlimm oder gefährlich. Gene verändern sich ständig auf ganz natürliche Weise - auch im Menschen. So funktioniert Evolution. Seit einigen Jahrzehnten haben Forscher die technischen Mittel, um gezielt ins Erbgut einzugreifen. Wie jede neue Technik, bergen die Verfahren Risiken, aber auch Chancen.

Mit neuen Genscheren, die auch He genutzt hat, könnten sich möglicherweise eines Tages Embryonen von tödlichen Erbgutdefekten befreien lassen. Relevant ist das vor allem für den extrem seltenen Fall, dass bei einem Paar Mutter und Vater den gleichen, schwerwiegenden Gendefekt tragen und diesen an all ihre Nachkommen weitergeben würden.

Kluge Ansätze, Gene im Sinne des Menschen zu verändern, gibt es auch, ohne dafür ins Erbgut von Embryonen und damit in jede Zelle des Körpers einzugreifen. Wissenschaftler arbeiten beispielsweise daran, Gendefekte in bestimmten Körperzellen - etwa in der Leber - zu beheben. Solche Gentherapien eröffnen ganz neue Möglichkeiten und werden bereits an chronisch Kranken erprobt.

Es wäre unethisch diese Ansätze nicht weiter zu erforschen - und einzusetzen, wenn die Risiken im Verhältnis zum Nutzen stehen. Um gleichzeitig Missbrauch zu verhindern, braucht es jedoch international verbindliche Regeln. He hat Menschenleben gefährdet. Damit darf er nicht ungestraft davonkommen.



insgesamt 13 Beiträge
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thawn 28.11.2018
1. Zustimmung auf ganzer Linie - siehe GATTACA
Ein sehr guter Artikel - ich stimme auf ganzer Linie zu! Veränderungen der Keimbahn sind ethisch höchst problematisch. Ich empfehle den Film GATTACA, der die Probleme der Genmanipulation von Menschen thematisiert.
Volker Zorn 28.11.2018
2. Find ich gut
Natürlich ist die gentechnische Veränderung des Menschen erst einmal ein Wagnis, welches mit aller Vorsicht angegangen werden muß, und es werden auch Fehler gemacht werden. Die Möglichkeiten, die sich mit dieser Technologie auf lange Sicht auftun, sind aber fantastisch. Damit meine ich nicht nur Bekämpfung von Erbkrankheiten, sondern durchaus auch die Steigerung unserer Fähigkeiten wie Intelligenz, Kraft, Ausdauer, Langlebigkeit. Wir sollten uns hier nicht von religiösen Bedenkenträgern zurückhalten lassen - die Asiaten werden das sicher nicht tun. Damit meine ich nicht "anything goes", die Leitlinie muß hier sein menschliches Leiden zu verhindern, das Leben zu verbessern und natürlich Risiken zu vermeiden. Das sollten wir mit Zuversicht angehen.
cindy2009 28.11.2018
3. @volker Zorn
Sie sprechen von "Fehlern". Das ist nicht nur zynisch, sondern verachtens wert . Und dass Sie damit " Übermenschen" schaffen wollen - das gab es schon mal. Nur die Technik war anders. Ihre dumpfe Ausrede, dass es was mit Religion zu tun haben könnte, ist Quatsch. Ihre Ausrede, dass man damit unser aller Leben besser gestalten könnte - ist ein Experiment, dessen Ausgang keiner kennt und im dümmsten Fall menschliches Leiden verursacht.
touri 28.11.2018
4.
Zitat von Volker ZornNatürlich ist die gentechnische Veränderung des Menschen erst einmal ein Wagnis, welches mit aller Vorsicht angegangen werden muß, und es werden auch Fehler gemacht werden. Die Möglichkeiten, die sich mit dieser Technologie auf lange Sicht auftun, sind aber fantastisch. Damit meine ich nicht nur Bekämpfung von Erbkrankheiten, sondern durchaus auch die Steigerung unserer Fähigkeiten wie Intelligenz, Kraft, Ausdauer, Langlebigkeit. Wir sollten uns hier nicht von religiösen Bedenkenträgern zurückhalten lassen - die Asiaten werden das sicher nicht tun. Damit meine ich nicht "anything goes", die Leitlinie muß hier sein menschliches Leiden zu verhindern, das Leben zu verbessern und natürlich Risiken zu vermeiden. Das sollten wir mit Zuversicht angehen.
Gratuliere, das was Sie hier als glorreiche Zukunft preisen ist nichts anderes als die Unterteilung der Menschheit in Übermenschen (diejenigen deren Eltern sich die Prozedur leisten können) und Untermenschen (alles die das nicht können). Herr Hitler wäre stolz auf Sie gewesen!
noalk 28.11.2018
5. Einfach mal abwarten
Warum fühlen sich jetzt viele bemüßigt, sich zum Thema Genmanipulation an menschlichem Erbgut zu äußern? Das kann doch warten, bis feststeht, ob es dieser Chinese tatsächlich getan hat, was ja noch nicht definitiv feststeht. Da wird doch nur über ungelegte Eier gegackert.
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