Gefahr durch Resistenzen Tierärzte geben weniger Antibiotika an Nutzvieh

Landwirte haben 2017 so wenige Antibiotika eingesetzt wie noch nie seit Beginn der systematischen Erfassung. In einem Bereich steigt die Abgabe jedoch. Das könnte zum Problem für den Menschen werden.

Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes (Archiv)
DPA

Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes (Archiv)


Pharmaunternehmen und Großhändler haben in den vergangenen Jahren weniger Antibiotika an Tierärzte abgegeben als zuvor. Die Mittel werden vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Ihre Menge sank im Vergleich zum Vorjahr um neun Tonnen auf 733 Tonnen, das war ein Rückgang von 1,2 Prozent, wie das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mitteilte. Von Beginn der Erfassung 2011 bis 2017 habe sich die Gesamtmenge von 1706 auf 733 Tonnen mehr als halbiert.

Während insgesamt weniger Antibiotika abgegeben werden, stieg zuletzt jedoch die Menge der Mittel an, die eine besondere Bedeutung für die Therapie beim Menschen haben. Diese sogenannten Fluorchinolone zählen zu den Reserveantibiotika.

Todesfälle durch antibiotikaresistente Keime

Der Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht ist deshalb problematisch, weil sich durch den unsachgemäßen Einsatz resistente Keime bilden können, gegen die kaum noch ein Medikament wirkt. Diese antibiotikaresistente Bakterien und Resistenzgene können auch zwischen Mensch und Tier übertragen werden. Nach Schätzungen gibt es in Deutschland zwischen 1000 und 4000 Todesfälle pro Jahr durch antibiotikaresistente Erreger.

Patienten, die sich mit einem antibiotikaresistenten Erreger infiziert haben, helfen oft nur noch Reserveantibiotika, weil diese seltener verabreicht werden und es deshalb weniger Resistenzen gegen sie gibt. Werden diese Mittel nun im großen Stil in der Landwirtschaft eingesetzt, könnten sich auch vermehrt Resistenzen gegen die Reserveantibiotika bilden.

Erst am Montag zeigten Daten des Nationalen Referenzzentrums für gramnegative Krankenhauserreger (NRZ) der Ruhr-Universität Bochum: Bei Krankenhauspatienten in Deutschland werden immer häufiger Keime gefunden, die gegen wichtige Reserveantibiotika resistent sind.

Die Grünen zeigten sich darüber besorgt: Die gestiegene Anwendung von Reserveantibiotika in Tiermast, bei denen mit gleicher Menge mehr Tiere behandelt werden könnten, sei "höchst dramatisch", erklärte der Verbraucherschutzexperte Friedrich Ostendorff. Genau diese Antibiotika seien oftmals "die letzte Chance für kranke Menschen". Reserveantibiotika müssten raus aus den Ställen.

Ob der Einsatz von Antibiotika auch deshalb zurückgeht, weil weniger Tiere gehalten werden, ist unklar. Angaben darüber, wie sich die Gesamtzahl der Tiere in der Tierhaltung im Beobachtungszeitraum entwickelte, gibt es bisher nicht.

Neben dem breiten Antibiotikaeinsatz in der Tiermast trägt auch die zu häufige Antibiotikagabe in der Humanmedizin zur Resistenzbildung bei. Besonders häufig fanden die Experten beispielsweise Resistenzen bei Reserveantibiotika aus der Gruppe der Carbapeneme, die in der Tiermast nicht zugelassen sind.

Dass Bakterien Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution: Treffen die Erreger auf Antibiotika, sollten eigentlich alle absterben. Durch zufällige Mutationen im Erbgut kann es jedoch sein, dass ein paar wenige überleben und Schutzmechanismen gegen die Antibiotika aufgebaut haben. Der viel zu hohe Gebrauch der Medikamente bei Patienten und in der Tiermast beschleunigt diesen Prozess.

Video: Superkeime - Die tödlichen Feinde

NZZ Format

jme/dpa/AFP



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