Gefährliche Resistenzen Ein Gen macht rettende Antibiotika unwirksam

In China wurden Darmbakterien entdeckt, gegen die selbst hochwirksame Antibiotika nicht helfen. Die Keime tragen zudem ein Resistenz-Gen in sich, das leicht auf andere Erreger übergehen könnte. Experten befürchten eine post-antibiotische Ära.

Schweinemast in China: E. coli außer Kontrolle
REUTERS

Schweinemast in China: E. coli außer Kontrolle


Etwa 6000 Menschen sterben nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr in Deutschland an Infektionen mit multiresistenten Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. Wenn sich die mutierten Erreger weiter derart ausbreiten, könnten weltweit bereits 2050 ähnlich viele Menschen an ihnen sterben wie an Krebs, warnte eine Forscherin der Umweltmedizin der Berliner Charité im Juni 2015. Dass solche Schätzungen keine Übertreibungen sind, haben nun Wissenschaftler aus China gezeigt. Sie entdeckten ein besonders leicht übertragbares Gen, das Krankheitserreger immun gegen hochwirksame Antibiotika werden lässt.

Aufgefallen ist den Wissenschaftlern das Gen namens MCR-1 bei Routineuntersuchungen von Schweinen und Hühnern in fünf Provinzen in Südchina. Die Tiere trugen ungewöhnlich häufig resistente Formen des Darmbakteriums Escherichia coli (E. coli) in sich, die auch nicht auf das Antibiotikum Colistin reagierten. Als die Forscher die resistenten Keime genauer untersuchten, stellten sie fest: Alle trugen Plasmide mit dem Gen MCR-1 in sich.

Resistente Keime auch beim Menschen entdeckt

So werden Bakterienstämme nicht nur gegen Colistin sondern gleich gegen eine ganze Antibiotika-Familie resistent, die sogenannten Polymyxine. Diese werden bei Patienten mit multiresistenten Keimen erst als letzter Ausweg eingesetzt.

Besonders bedenklich: Da das Resistenz-Gen auf Plasmiden sitzt, einer Art mobiler DNA, die leicht kopiert werden kann, kann es schnell von einer Bakterienart an andere weitergegeben werden. So fanden die Forscher MCR-1 später auch in Proben des Darmbakteriums Klebsiella pneumoniae.

Insgesamt trugen 20 Prozent der untersuchten Tiere E.-coli-Bakterien mit dem Resistenz-Gen in sich. Außerdem fanden die Forscher diese in 15 Prozent der Proben von rohem Fleisch. In Krankenhäusern der Provinzen Guandong und Zhejiang wurde MRC-1 außerdem bei 16 von 1322 menschlichen Proben entdeckt - das entspricht einem Anteil von einem Prozent.

Neue Debatte um Antibiotika-Einsatz in der Tiermast

"Das sind extrem besorgniserregende Ergebnisse", sagt Liu Jian Hua, Hauptautor der Studie. Weil das Gen so leicht weitergegeben werde kann, habe es "Epidemie-Potenzial", schreiben die Forscher im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases". Bisher war eine solche Resistenz nur durch Mutationen in einzelnen Organismen aufgetreten, womit ihre Übertragbarkeit extrem begrenzt war.

Der Studie zufolge kommt das Gen bisher nur in China vor, seine weltweite Verbreitung sei aber wahrscheinlich. "Wenn MCR-1 sich weltweit verbreitet, was nur eine Frage der Zeit ist, dann wird es sich unvermeidlich mit anderen Genen der Antibiotika-Resistenz verbinden. Dann werden wir sehr wahrscheinlich den Beginn der post-antibiotischen Ära erreichen", sagt Timothy Walsh von der Universität Cardiff, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Die Veröffentlichung wird die Debatte um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung weiter befeuern. Dass dort so häufig Antibiotika eingesetzt werden, trägt mit dazu bei, dass resistente Erreger entstehen. In der Nutztierhaltung in Deutschland deutet sich derzeit allerdings eine Kehrtwende an: Inzwischen werden immerhin etwas weniger Antibiotika eingesetzt als noch vor wenigen Jahren, berichtete das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Anfang November.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits vor einer "Rückkehr in Vor-Antibiotika-Zeiten" gewarnt, in denen sich schon geringfügige Infektionen oder Schnittverletzungen als tödlich erweisen könnten. In Deutschland überwacht das Robert Koch-Institut die Resistenz-Entwicklung. Demnach geht die Resistenzrate bei einem der häufigsten multiresistenten Erreger, dem MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), in Deutschland derzeit stetig zurück. Dafür treten nun bei anderen Erregern häufiger resistente Formen auf.

jme/AFP

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alemannehochdrei 19.11.2015
1. Rückblick
Im Verlauf der Menschheitsgeschichte gab es bis auf eine ganz kurze Zeitspanne der letzten 100 (!) Jahre eine völlig antibiotikafreie Aera. Trotzdem hat die Menschheit überlebt.
wind_stopper 19.11.2015
2. Einach vegatrisch
Einfach alle kommerzielle Fleischproduktion verbieten; ist gut fuer das Klima, gut fuer die Menschen und unterstuetzt den Kampf gegen multiresistente Keime = Win Win Win!
der_da1234 19.11.2015
3. Was lernen wir daraus?
Wir sollten mehr in Antibiotika investieren, gerade da die Zahlen der auf den Markt kommenden Antibiotika-Mittel seit der Erfindung zurückgehen. Auch war es zu Beginn für die Unternehmen günstiger Antibiotika herzustellen, mittlerweile ist das nicht mehr so.
manni.baum 19.11.2015
4. zu gut überlebt
Zitat von alemannehochdreiIm Verlauf der Menschheitsgeschichte gab es bis auf eine ganz kurze Zeitspanne der letzten 100 (!) Jahre eine völlig antibiotikafreie Aera. Trotzdem hat die Menschheit überlebt.
die Menschheit hat in den letzten 100 Jahren "zu gut überlebt", Steigerung von 2 auf über 7 Milliarden, deshalb "bastelt" die Natur mit Hochdruck an einem Gegenmittel, dazu gehören auch resistente Keime.
schneewolke 19.11.2015
5.
Die Hauptursache der Resistenz sind die Kinderärzte, da sie auf Druck der Eltern sofort Breibandantibiotika verschreiben, damit die Kinder wieder in den Kindergarten gehen können und die Eltern wieder ihren Bedürfnissen nach gehen können. MSRA-KEIME werden kaum Tier auf den Menschen übertragen. Siehe BfR und EFSA Gutachten. Solange in weiten Teilen der Welt Antibiotika frei Käuflich sind braucht man sich nicht wundern. Die Resententzsituation in Griechenland ist viel tramatischer als bei uns. 7n Griechenland gibt es ka Massentierhaltung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.