Antibiotikum Salinomycin Forscher erproben neuen Wirkstoff gegen Krebs

Es könnte eine vielversprechende Waffe im Kampf gegen Krebs sein. Tumorstammzellen trotzen herkömmlichen Krebstherapien - nicht aber dem Tierantibiotikum Salinomycin, das die Krebskeimlinge in den Selbstmord treibt. Forscher aus Heidelberg haben jetzt herausgefunden, warum.

Von Cinthia Briseño

Metastase: Tumorstammzellen bringen Tochtergeschwülste hervor
Corbis

Metastase: Tumorstammzellen bringen Tochtergeschwülste hervor


Monate- oder jahrelang schlummern sie unbemerkt im Körper, um dann irgendwann den als besiegt geglaubten Krebs wieder aufkeimen zu lassen. Als John Dick vom Toronto General Research Institute 1997 als Erster Krebsstammzellen entdeckte, ahnte er bereits, welches Potential für die Medizin von diesem Zelltypus ausgehen würde.

Viele Experten sind inzwischen fest davon überzeugt, dass diese Zellen den Ursprung des Bösen bilden: Tumorstammzellen bilden im Körper krebskranker Menschen ein kleines Reservoir entarteter Zellen, die den herkömmlichen Krebsmedikamenten wie Zytostatika trotzen und bei der Krebsbehandlung nicht zerstört werden. Eines Tages aber können sie Metastasen hervorbringen, was vielen Krebspatienten zum Verhängnis werden kann.

Seit ihrer Entdeckung versuchen nicht nur Forscher fieberhaft diesen resistenten Zellen beizukommen. Inzwischen investieren eine ganze Reihe von Unternehmen Riesensummen in den Forschungsbereich. Schwerpunkt ist meistens die Entwicklung von Antikörpern, die sich gegen die Tumorstammzellen richten sollen.

Salinomycin tötet Krebsstammzellen gezielt ab

Seit kurzem haben Forscher eine neue Waffe im Kampf gegen diese bösartigen Zellschläfer im Visier: Salinomycin, eine Substanz, die seit vielen Jahren in der Viehmast zum Einsatz kommt. Das Antibiotikum soll bestimmte Krebsstammzellen gezielt abtöten.

Entdeckt wurde die Wirkung der Substanz von Forschern am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Deutsche Wissenschaftler um Cord Naujokat und Dominik Fuchs vom Universitätsklinikum Heidelberg fanden später heraus, wie das Tierantibiotikum bestimmte Krebsstammzellen abtötet: Salinomycin treibt sie in den Selbstmord. Wissenschaftler sprechen von Apoptose, dem programmierten Zelltod.

Jetzt sind Naujokat und seine Kollegen noch einen Schritt weiter gekommen: Sie haben herausgefunden, dass Salinomycin zumindest in Blutkrebsstammzellen die Resistenz gegenüber Zytostatika umgeht. Diese entsteht vor allem dadurch, dass die Tumorstammzellen sogenannte ABC-Transporter produzieren, spezielle Proteine, die sich in der Zellmembran einlagern. Diese führen letztendlich dazu, dass eine Vielzahl von Wirkstoffen, also auch die Zytostatika, aus der Zelle wieder herausgeschleust werden. So können Zytostatika ihre Wirkung nicht mehr entfalten. Experten sprechen deshalb von der ABC-Transporter-vermittelten Resistenz.

Salinomycin, so berichten die Forscher im Fachmagazin "Biochemical and Biophysical Communications", scheint die Resistenz zu umgehen. Salinomycin selbst ist eine chemische Substanz, die ebenfalls wie die ABC-Transporter in der Zellmembran eingebaut wird. Damit wirkt Salinomycin nicht aus dem Zellinneren heraus - und kann auch nicht von den ABC-Transportern aus der Zelle gepumpt werden.

Außerdem konnten Naujokat und Kollegen in einem experimentellen Heilversuch bei vier Patientinnen mit metastasierendem Brustkrebs die Substanz testen. Erst wenn alle Behandlungsmöglichkeiten erschöpft sind und eine Krankheit fatal enden würde, ist in Einzelfällen eine Therapie mit noch nicht zugelassenen Arzneimitteln möglich - ein sogenannter individueller Heilversuch. In diesem zeigte sich zumindest eine sehr gute Verträglichkeit des Salinomycins: Schrittweise hatten die Mediziner die Dosierungen des Wirkstoffs als Infusion erhöht - bis zur zweifachen Dosierung, die bei Hunden verträglich ist. Heilen konnten die Forscher die Patientinnen jedoch nicht.

Jetzt versuchen die Forscher um Naujokat, erste klinische Studien zu beantragen. Bis zu einem möglichen Einsatz des Antibiotikums in der Krebstherapie ist es aber noch ein weiter Weg.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
mitbürger 13.04.2010
1. Medikamentenfindung durch Zufall.
Das ist ein sensationelles Ergebnis. Der Zufall und aufmerksame Forscher scheinen immer noch der beste Weg zu sein, um neue Medikamente bzw. alte Medikamente mit unerwarteter positiver Nebenwirkung zu finden. Da hat sich die letzten 100 Jahre wohl nicht viel geändert. Aber mit Entschlüsselung des Genoms und den teuren Computern wird da bald die Post abgehen. Eine gute Nachricht für die Menschheit, eine schlechte für das Budget der Krankenkassen.
lmra 13.04.2010
2. ABC Transporter und die Membran
Leider ist da im Artikel etwas schiefgegangen, denn ABC Transporter sind sehr wohl dafür bekannt, Substrate direkt aus der Membran aufzunehmen und aus der Zelle herauszupumpen (z.B. P-glycoprotein in eukaryotischen Zellen oder MsbA, Sav1866, LmrA, etc in Bakterien). Ausserdem sind dies beiweitem nicht die einzigen "multiresistenz" Proteine, die ihre Substrate aus der Membran erkennen (siehe z.B. EmrE, wahrscheinlich auch AcrB und MexB, ...). Es wird allerdings durchaus kontrovers diskutiert, ob ABC Transporter überhaupt der Hauptgrund für Resistenzen in Tumorzellen sind, bzw. ob sie nur einen Faktor darstellen. So wurde zB vor kurzer Zeit publiziert, dass der Doppel-knockout von P-glykoprotein und Cyp3A in Mäusen zu einer mehr als additiven Sensitivität gegenüber Chemotherapeutika führt, als der jeweilige Einzel-knockout.
lmra 13.04.2010
3. ABC Transporter und die Membran
Leider ist da im Artikel etwas schiefgegangen, denn ABC Transporter sind sehr wohl dafür bekannt, Substrate direkt aus der Membran aufzunehmen und aus der Zelle herauszupumpen (z.B. P-glycoprotein in eukaryotischen Zellen oder MsbA, Sav1866, LmrA, etc in Bakterien). Ausserdem sind dies beiweitem nicht die einzigen "multiresistenz" Proteine, die ihre Substrate aus der Membran erkennen (siehe z.B. EmrE, wahrscheinlich auch AcrB und MexB, ...). Es wird allerdings durchaus kontrovers diskutiert, ob ABC Transporter überhaupt der Hauptgrund für Resistenzen in Tumorzellen sind, bzw. ob sie nur einen Faktor darstellen. So wurde zB vor kurzer Zeit publiziert, dass der Doppel-knockout von P-glykoprotein und Cyp3A in Mäusen zu einer mehr als additiven Sensitivität gegenüber Chemotherapeutika führt, als der jeweilige Einzel-knockout.
LJA 14.04.2010
4. Jubiläum !
Das war jetzt vermutlich die 100. Substanz die in den letzten 25 Jahren als potentiell wirksames Krebsmedikament identifiziert wurde. Sollte sich jemals eine dieser Substanzen auch als effektiv wirksam erweisen, so könnte es durchaus lohnend sein, sich diese zu merken. Leider war das bisher nie der Fall und so wird wohl auch Salinomycin auf dem großen Haufen der Wirkstoffe landen, von denen unsere vielen Krebsforscher auch nach Milliarden und Abermilliarden von rausgeschm..., pardon, ausgegebenem Geld leider nicht verstehen, warum diese denn, verdammt noch mal, einfach nicht wirken wollen.
sverris 14.04.2010
5. naja
sensationell ist daran garnichts. solange man nicht mit studien zeigen kann, dass etwas praktisch funktioniert, koennen sich die massenmedien dergleichen meldungen sparen.
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