Antikörper Tysabri MS-Medikament verursacht gefährliche Infektionen

Die Meldungen über schwere Nebenwirkungen durch das Medikament Tysabri häufen sich: Die hoch wirksame Arznei kann bei Patienten mit Multipler Sklerose eine gefährliche Infektion im Gehirn auslösen. Nach SPIEGEL-Informationen traten bereits mehrere Fälle in Deutschland auf - derzeit liegt eine kranke Frau in der Uni-Klinik Bochum.

Hersteller Biogen Idec: Das Unternehmen produziert den Antikörper Tysabri, der bei MS-Kranken schwere Nebenwirkungen auslösen kann
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Hersteller Biogen Idec: Das Unternehmen produziert den Antikörper Tysabri, der bei MS-Kranken schwere Nebenwirkungen auslösen kann


Die Muskeln werden immer schwächer, die Haut schmerzt, die Sicht ist verschwommen: Wer an einer besonders aggressiv und schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose (MS) erkrankt ist, kann mit dem Medikament Tysabri behandelt werden. Doch nach Einnahme der Arznei häufen sich lebensbedrohliche Infektionen des Gehirns. Mittlerweile sind 13 bestätigte Fälle der sogenannten Progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML), einer aggressiven Viruserkrankung im Gehirn, beobachtet worden - seltsamerweise die Hälfte davon in Deutschland.

Wie der Direktor der Neurologischen Klinik der Ruhruniversität Bochum, Ralf Gold, dem SPIEGEL sagte, leidet nun auch eine 40-jährige MS-Patientin in seinem Krankenhaus an PML. "Ihr Zustand ist stabil", so Gold, bei anderen Patienten hinterlasse diese Infektion schwere Schäden im Gehirn.

Dabei habe man mit Tysabri enorme Erfolge bei der Behandlung von MS erzielt, vor allem bei schweren Verlaufsformen. "Das Pharmazeutikum hemmt das Immunsystem besonders im Gehirn - was beabsichtigt ist gegen die zerstörerischen Folgen von MS", sagte Gold. "Es begünstigt damit aber auch, dass Viren sich vermehren." Der Hersteller Biogen gebe das Risiko für eine PML-Erkrankung mit 1:1000 an. Bei Anwendung über zwei Jahre könnte es auch bei 1:900 liegen. "Wir müssen das sehr sorgfältig beobachten, weil wir sonst nach zwei Jahren eine andere Therapie prüfen müssten."

"Wir wollen das Medikament behalten"

Bei dem Wirkstoff Natalizumab handelt es sich um einen monoklonalen Antikörper, der weiße Blutkörperchen daran hindert, die für MS typischen Entzündungsprozesse im Zentralen Nervensystem zu beschleunigen. Nachdem die Arznei 2004 von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) für spezielle MS-Fälle zugelassen worden war, musste Tysabri schon drei Monate später wieder vom Markt genommen werden. Der Grund: Drei Patienten waren an PML erkrankt, zwei von ihnen starben.

2006 ließ die FDA das Medikament jedoch wieder zu, auch in Europa ist es seit drei Jahren anerkannt für die Therapie von MS-Kranken, die auf andere Behandlungen nicht reagieren.

Doch immer wieder kam es zu unerwünschten Nebenwirkungen und Zwischenfällen, so auch im vergangenen Jahr. Hersteller Biogen Idec und dessen irischer Geschäftspartner Elan berichteten 2008 über zwei neue Fälle von PML - die Aktienkurse der Unternehmen brachen daraufhin ein. Zudem wurde der Verdacht laut, das Medikament könne schwarzen Hautkrebs auslösen. Bislang konnte diesbezüglich allerdings kein ursächlicher Zusammenhang bestätigt werden.

Die Zulassungsbehörden untersuchen derzeit, ob das Risiko den Nutzen des Medikamentes überschreitet. Biogen weigert sich allerdings, PML-Fälle zu vermelden. Offiziell geschehe das, weil die Gesetze das nicht vorschreiben. Aber bei jedem neuen Fall sinke der Aktienkurs des Unternehmens, weil das Mittel ein großer Gewinnbringer sei, erklärt Gold und fordert im SPIEGEL: "Wir wollen das Medikament behalten, müssen aber von neuen Fällen wissen. Sicherheit geht vor Finanzinteressen des Herstellers."



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