Apotheker-Lobbyist Bellartz: "Eine Lüge am Tag geht immer"

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Der Mann, der verdächtig ist, Datenklau im Gesundheitsministerium initiiert zu haben, arbeitete auf eigene Rechnung. Thomas Bellartz gilt als Tausendsassa der Lobbyisten-Szene. Schon als Pressesprecher der Apothekerschaft baute er einen eigenen Branchendienst aus.

Spion im Gesundheitssystem: Apotheken-Lobbyist in doppelter Funktion Fotos

Hamburg - Diesmal hat Thomas Bellartz sich verzockt. Als die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) den Berliner 2007 überredete, ihr Pressesprecher zu werden, bekam er die Erlaubnis, nebenbei ein eigenes, gerade gestartetes Projekt weiter zu betreiben. Bellartz, ein Brecher von einem Mann, aber durchaus charmant, hat die Gelegenheit offenbar genutzt: Er wurde oberster Sprecher der Apotheker und baute nebenbei den Branchendienst Apotheke adhoc weiter auf.

Um dem Online-Portal den nötigen Informationsvorsprung zu verschaffen, scheint dem 43-Jährigen nicht nur seine gute Position in der ABDA nützlich gewesen zu sein. Wie am Montag bekannt wurde, ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft seit September, ob ein "freiberuflicher Vertreter der Apothekerschaft" einen Maulwurf ins Gesundheitsministerium eingeschleust hat. Wie aus Dokumenten hervorgeht, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, soll dieser Maulwurf - ein IT-Mitarbeiter eines externen Dienstleisters, der seit Jahren für das Gesundheitsministerium arbeitet - sensible Daten gestohlen haben, darunter E-Mails zu Gesetzentwürfen. Laut den Unterlagen ignorierte der Mann seit 2010 einmal in der Woche die Sicherheitsschranken, kopierte Inhalte und verkaufte diese für 500 oder 600 Euro weiter, an einen Lobbyisten.

Immer auf eigenem Ticket gefahren

Auf Rückfragen zur Identität des Drahtziehers der mutmaßlichen Spionage im Ministerium verweist die Staatsanwaltschaft zwar auf laufende Ermittlungen. Der verdächtige Lobbyist stehe aber nicht mehr in Diensten der Pharmazeuten, sondern habe sich selbständig gemacht, teilte man mit. Dass damit Thomas Bellartz gemeint sein kann, war Kennern der Szene schnell klar. Denn Bellartz war es, der nach vier Jahren im Dienst der ABDA 2011 plötzlich sein Amt niederlegte, um kurz darauf zu verkünden, eine PR-Agentur gegründet zu haben: Neuspree Medien, stark in Markenführung und Kampagnen - und mit gleicher Adresse wie die Firma El Pato Ltd. (spanisch für "die Ente" - d. Red.), Betreiber von Apotheke adhoc. Zu den Geschäftsführern zählt Bellartz' Ehefrau. Alles Zufall?

2007 sei das Onlineportal ja am Anfang gewesen, man habe das unterschätzt, sagte der designierte Präsident der Apothekerschaft, Friedemann Schmidt, am Mittwoch vor Journalisten. Derartige Nebentätigkeiten würde man nie wieder so ermöglichen. Heute ist Apotheke adhoc eine erfolgreiches Unternehmen. Der Online-Auftritt gilt zwar als Skandalblättchen der Gesundheitsszene - doch der Kampf um den täglichen Informationsvorsprung mit dem Branchenblatt Deutsche Apotheker Zeitung wird erbittert geführt.

Schon länger hatte man sich in der Branche allerdings gewundert, dass Apotheke adhoc immer öfter und schneller Entwürfe zu Gesetzesvorhaben aus dem Gesundheitsministerium veröffentlichte, teilweise direkt zum Herunterladen - bevor der Minister diese selbst kannte, wie Daniel Bahr am Dienstag vor Journalisten berichtete. Wie das möglich sein konnte, dazu hat sich die Geschäftsführung von Apotheke adhoc gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht geäußert. Dafür veröffentlichte die Redaktion am Donnerstagnachmittag eine Stellungnahme, in der mögliche Vorwürfe zurückgewiesen werden.

Kampagne mit "Riesenpenis verkauft Viagra"

Gesundheitsexperten, Lobbyisten und Politiker diskutierten seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den "Spion im Ministerium" aufs Heftigste über die Motive für den möglichen Datenklau. Thomas Bellartz sei sehr begabt, aber skrupellos, heißt es. Sein angebliches Motto: "Eine Lüge am Tag geht immer." Der Kommunikator sei immer auf sein eigenes Ticket gefahren, die ABDA habe ihn nicht wirklich interessiert.

Tatsächlich pflegte Bellartz einen rustikalen Kommunikationsstil, Journalisten hat er gern beschimpft - direkt, oder auch am Telefon. Kommuniziert hat er lieber über große Kampagnen. Er produzierte zotige Comic-Filmchen fürs Kino, die vor Medikamentenpiraterie warnen sollten, Titel "Riesenpenis verkauft Viagra". Viele Apotheker mochten den Krawall nicht, den er betrieb. Warum Apotheker paralympische Sportler fördern sollten, verstanden sie auch nicht.

So richtig unglücklich war keine Seite, als Bellartz 2011 den Job bei der ABDA beendete. Über die offiziellen Gründe wurde bis heute nichts bekannt, aber das Unbehagen über ihren obersten Kommunikator war den deutschen Apothekern zu übermächtig geworden. Damals endeten auch die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen ABDA und Apotheke adhoc. Bellartz habe zu Apotheke adhoc eine "dienstliche Verbindung" unterhalten, sagte der designierte Präsident am Mittwoch, er habe beispielsweise den Faxversand der ABDA ebenso gegen Bezahlung übernommen und den Versand von Pressemitteilungen.

Nach seinem Ausstieg bei der ABDA gründete Bellartz im gleichen Jahr das Unternehmen Neuspree Medien, das er seitdem als Geschäftsführer betreibt. Zeitgleich ist er Gesellschafter von El Pato Ltd., dem Betreiber von Apotheke adhoc.

Geschickt vermied Bellartz bei Telefonaten, Mails und Nachfragen des SPIEGEL bislang konkrete Aussagen: "Ich kann zu dem allen nichts sagen, weil ich keine Akteneinsicht habe." Für Donnerstagnachmittag und -abend hatte er mehrfach eine Erklärung angekündigt. Stattdessen kam um 20.34 Uhr lediglich eine Erklärung seines Anwalts mit dem Satz: "Der Verteidigung liegen keine Verfahrensakten der Staatsanwaltschaft vor."

Erhärtet sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft gegen Bellartz und den IT-Mann aus dem Ministerium, könnten die beiden wegen des "Ausspähens von Daten" und eines "Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz" belangt werden. Darauf steht eine Geldstrafe und ein Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren.

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1. Der eigentliche Skandal....
Erwinthal 13.12.2012
...ist, dass es in einem Ministerium unverschlüsselte Mails, und offensichtlich auch unzureichende Schutzmassnahmen gibt (keine "Data Loss Prevention", http://de.wikipedia.org/wiki/Data_Loss_Prevention). Erschreckend.......
2. Am besten wär's:
snobody2 13.12.2012
Zitat von Erwinthal...ist, dass es in einem Ministerium unverschlüsselte Mails, und offensichtlich auch unzureichende Schutzmassnahmen gibt (keine "Data Loss Prevention", http://de.wikipedia.org/wiki/Data_Loss_Prevention). Erschreckend.......
...die FDP frisst sich selber auf. Das wären mehrere Fliegen mit einer Klappe.
3. Immer wieder interessant
freemind2010 13.12.2012
wie es die Staatsanwalten schaffen, daß interne Unterlagen zuerst bei der Presse und dann beim Betroffenen Anwalt vorliegen. Und jetzt sage mir bitte niemand, daß die "Quelle" kein Geld erhält. Also genauso wie bei Herrn Bellartz, wenn er einen IT Mann als Quelle anzapft.
4. Das scheint ja auch Motto
heinihuckeduster 13.12.2012
der finanziell notleidenden Apotheker zu sein: Thomas Bellartz angebliches Motto: "Eine Lüge am Tag geht immer".
5. Der Kodex in der IT
alterknacker 13.12.2012
Zitat von Erwinthal...ist, dass es in einem Ministerium unverschlüsselte Mails, und offensichtlich auch unzureichende Schutzmassnahmen gibt (keine "Data Loss Prevention", http://de.wikipedia.org/wiki/Data_Loss_Prevention). Erschreckend.......
Wer in der IT arbeitet und Daten verwaltet, hat große Macht und wer kein Gewissen bei seiner Arbeit hat (gilt eigentlich für alle sicherheitsrelevanten Bereiche), wird sich fast immer auf die eine oder andere Weise schuldig machen, weil die Gier wohl einfach stärker ist. Da ich selbst als IT-Supporter 10 Jahre gearbeitet habe, traue ich kaum noch meinen 'eigenen Kollegen'.
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