SPIEGEL ONLINE: Eine Hamburger Krebsmittel-Firma hat mit 65 Apothekern "Beraterverträge" geschlossen. Warum sind Apotheker so gefragte Berater?
Graue: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich dabei um echte Beratung handelt. Solche Verträge sind in der Branche ein beliebtes Mittel, um Rückvergütungen an Apotheker zu bezahlen. Vor allem im Bereich der Chemotherapien scheint dieses Modell weit verbreitet.
SPIEGEL ONLINE: Die Apotheker haben in diesem Fall zwischen 1000 und 3000 Euro pro Monat "Beratungshonorar" kassiert.
Graue: Ich kenne solche Modelle, dabei handelt es sich häufig um Kick-back-Zahlungen, bei denen der Apotheker ein Chemotherapie-Präparat zum Listenpreis einkauft und anschließend eine Rückvergütung bekommt, die mehr als 50 Prozent betragen kann, zum Beispiel beim Wirkstoff Paclitaxel. Es ist eine Art Provision dafür, dass der Apotheker die Präparate bei einer bestimmten Pharmafirma bestellt.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind diese Praktiken vor allem bei Krebsmedikamenten so verbreitet?
Graue: Die Wurzel des Übels liegt im Herstellerabgabepreis. Die Pharmafirmen müssen gemäß Paragraf 78 Arzneimittelgesetz dafür sorgen, dass ihre Medikamente zu einem einheitlichen Preis in der Apotheke landen. Das Problem ist nur: Die Vorschrift ist nicht strafbewehrt. Wir haben also die absurde Situation, dass etwas gesetzlich geregelt ist, aber wer dagegen verstößt, wird nicht bestraft. Das muss der Gesetzgeber dringend regeln, dann wären viele Probleme gelöst.
SPIEGEL ONLINE: Aber was ist so schlimm daran, dass Apotheker von Pharmafirmen Rabatte bekommen?
Graue: Ein Arzt oder Apotheker sollte sich bei der Auswahl eines Medikaments ausschließlich von medizinischen Gründen leiten lassen und nicht von finanziellen. Darum ist das Honorar, das ein Apotheker für die Abgabe eines Medikaments erhält, genau geregelt. Für die Abgabe eine Packung Tabletten bekommt er 6,05 Euro, für die Zubereitung einer Chemo-Infusion 79 Euro.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt nur 400 Apotheker in Deutschland, die Chemotherapien zubereiten dürfen. Ausgerechnet für sie gilt seit 2009 aber die Ausnahmeregel, dass sie ihre Preise mit den Pharmaherstellern und Großhändlern frei aushandeln dürfen.
Graue: Das ist das Ergebnis erfolgreichen Lobbyings der Zytostatika-Apotheker. Aber damit war keine gute Entwicklung verbunden. Auf dem Markt herrscht nun ein wilder Wettbewerb der Firmen, ihre Präparate an den Apotheker zu bringen. Dabei fließt auch Schmiergeld an die Ärzte, um die wertvollen Chemo-Rezepte zu bekommen. Man konnte hier in den vergangenen Jahren schon ein mafiöses Verhalten beobachten. Und die Krankenkassen wissen gar nicht, wie niedrig die Einkaufspreise der Apotheker bei bestimmten Wirkstoffen sind. Der Preismarkt heute ist völlig intransparent.
SPIEGEL ONLINE: Ein Apotheker soll eine Flasche Paclitaxel für 350 Euro einkaufen und bei der Krankenkasse für 980 Euro abrechnen können.
Graue: Es ist doch klar, wenn sie mit einem einzigen Präparat so hohe Gewinne machen können, dann nimmt auch die Neigung zur Korruption zu.
SPIEGEL ONLINE: Das Geschäft ist so lukrativ, dass mittlerweile sogar Finanzinvestoren in die Branche drängen.
Graue: Das ist eine gefährliche Entwicklung. Die Firmen nehmen den Apothekern das Geschäft der Zubereitung ab und liefern fertige Infusionen. Das halte ich für problematisch, schließlich sind manche Krebsmedikamente nur wenige Stunden haltbar und diese Zyto-Betriebe sitzen meist in Großstädten, haben also lange Anfahrtswege. Damit wird die wohnortnahe Versorgung zumindest der ländlichen Bevölkerung aufs Spiel gesetzt. Der Trend geht derzeit allerdings klar in Richtung eines solchen Oligopols von Zyto-Anbietern.
SPIEGEL ONLINE: Mehr als hundert Apotheken haben Krebsmedikamente aus Ägypten und Argentinien bestellt, die in Deutschland gar nicht verkehrsfähig sind. Die kriminelle Energie scheint bei Zytostatika-Apothekern ganz erstaunlich.
Graue: Die betroffenen Firmen und Apotheker argumentieren, dass die Importe legal waren, weil Chemotherapeutika gar keine Fertigarzneimittel seien.
SPIEGEL ONLINE: Dieses Argument hält selbst das Gesundheitsministerium für lächerlich. Seit Jahren weist das Ministerium darauf hin, dass es sich bei Chemotherapeutika trotz Verdünnung durch den Apotheker um ein Fertigarzneimittel handelt.
Graue: Deshalb haben wir ja auch selbst mitgeholfen, diese Fälle aufzuklären, zusammen mit der Techniker Krankenkasse. Solche Vorgänge schaden dem Ansehen der Apotheken insgesamt und werden von uns auch nicht toleriert. Seit dem 1. März dieses Jahres ist das übrigens auch gesetzlich ganz klargestellt, dass diese Importe nur in sehr seltenen Ausnahmefällen legal sind.
SPIEGEL ONLINE: Der Bundesgerichtshof entscheidet demnächst, ob Ärzte mit eigener Praxis auch wegen Bestechlichkeit verurteilt werden können. Wäre das ein Fortschritt?
Graue: Ja sicher. Ich erwarte, dass auch niedergelassene Ärzte, die Schmiergeld annehmen, bestraft werden können und hoffe, dass der Bundesgerichtshof das nun endlich klar stellt. Anders ist dieser Sumpf aus Rückvergütungen, Scheinstudien und Einladungen zu feinen Tagungen ins Ausland wohl kaum trockenzulegen.
Das Interview führte Markus Grill
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