Medizinskandal in Frankreich Prozess um tödlichen Appetitzügler beginnt

Mindestens 500 Menschen sollen gestorben sein, weil sie ein gefährliches Diabetes-Medikament des französischen Pharmakonzerns Servier geschluckt haben. Jetzt steht der Firmengründer vor Gericht.

Prozess um Schlankheitspillen: Firmengründer Jacques Servier vor Gericht
AFP

Prozess um Schlankheitspillen: Firmengründer Jacques Servier vor Gericht


Im Skandal um höchst gesundheitsgefährdende Schlankmacher-Pillen des französischen Pharmakonzerns Servier hat der erste Strafprozess begonnen. Im Mittelpunkt des am Montag eröffneten Verfahrens stehen der 90 Jahre alte Unternehmensgründer Jacques Servier sowie vier ehemalige Führungskräfte. Ihnen wird vorgeworfen, das Medikament Mediator zur Gewinnmaximierung als Diabetes-Mittel ausgezeichnet zu haben.

Den Angeklagten drohen wegen schweren Betrugs bis zu vier Jahre Haft und ein Berufsverbot. Mehr als 350 Geschädigte und Hinterbliebene verlangen vor dem Gericht in Nanterre bei Paris als Nebenkläger Schadensersatz.

Auslöser des Skandals ist unter anderem eine Studie der französischen Aufsichtsbehörde für Medikamentensicherheit. Sie vermutet, dass die Pillen allein in Frankreich den Tod von mindestens 500 Patienten verursacht haben. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 2000 Opfern aus. Mindestens 3500 Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Das Mittel soll unter anderem Herz- und Kreislaufschäden hervorgerufen haben.

Fünf Millionen haben Mediator eingenommen

Servier hatte das Präparat Mitte der siebziger Jahre als Diabetes-Medikament auf den Markt gebracht. Es wurde außerdem Übergewichtigen als Appetitzügler verschrieben. Schätzungen zufolge haben insgesamt etwa fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen. Mediator ist seit 2009 europaweit verboten. Vorausgegangen war eine Untersuchung der Europäischen Arzneimittelagentur. In Deutschland war das Mittel mit dem Wirkstoff Benfluorex nie auf dem Markt.

Es ist der nur erste Strafprozess gegen den Pharmakonzern; ein weiteres Verfahren wird voraussichtlich nach dem Abschluss von weiteren Ermittlungen beginnen. Dann droht Servier auch eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung.

Die Wochenzeitung "Canard Enchaîné" hatte zudem berichtet, dass zwei Berater im Gesundheitsministerium wegen enger Verbindungen zum Konzern verhindert hätten, dass Mediator früher als 2009 verboten wurde. Gesundheitsminister Xavier Bertrand sprach 2011 von einem Versagen der Pharmaaufsicht.

wbr/dpa

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