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26. Februar 2013, 09:43 Uhr

Obdachlose Einwanderer

Ansturm der Armen

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Für Wohnungslose in deutschen Städten wird es eng: Mittellose Einwanderer aus Osteuropa suchen verstärkt Notschlafstellen auf und lassen sich in den Straßenambulanzen behandeln. Kommunen warnen vor einem Verdrängungskampf am Rande der Gesellschaft.

Hamburg - "Aua! Aua!", sagt Andrej, die schwarze Wollmütze rutscht ihm ins Gesicht. Er zeigt auf den verschmutzten Verband an seiner Hand. Wortlos deutet Stanislaw Nawka, diensthabender Arzt im Krankenmobil der Caritas an diesem Hamburger Februarmorgen, auf den Unterarm. Durch Brummen und Kopfnicken signalisiert ihm der Ungar, wo es am meisten schmerzt. Weitere zwei Minuten kommunizieren die Männer weniger mit Worten als mit Händen und Füßen, dann ist die Diagnose gestellt.

Während Nawka beginnt, die Mullbinde zu wechseln, um eine stark entzündete Schnittwunde zu säubern, fragt Sozialarbeiter Yannik nach dem Ausweis des Mannes. Den Namen samt Diagnose tippt er in einen Laptop. "Nur für die interne Dokumentation", sagt er. Versichert ist Andrej nicht, nicht mehr. In seiner Heimat habe er keine Arbeit mehr gefunden, dabei sei er Ingenieur. Also ist er nach Deutschland gekommen, um hier Geld zu verdienen, für die Familie. Leider mit wenig Erfolg.

Die medizinische Hilfe des mobilen Diensts ist für Männer wie Andrej die einzige Chance, behandelt zu werden, ohne aufzufallen. Und ohne dafür bezahlen zu müssen. Alle, die in einer ähnlichen Situation sind, wissen das. Egal ob in Hamburg, Düsseldorf oder München: Zunehmend nutzen hilfesuchende Migranten aus Bulgarien, Rumänien und Osteuropa die karitativen Angebote der Städte und Kirchen. Anlaufstellen, die eigentlich für Wohnunglose gedacht sind. Der Verdrängungskampf am Rand der Gesellschaft sei im vollem Gange, heißt es beim Deutschen Städtetag, die Kommunen würden mit den Folgen der "Armutswanderung" aus Osteuropa alleingelassen

(Lesen Sie mehr zum Thema "Die neuen Gastarbeiter" im aktuellen SPIEGEL).

Die Zahl der Wohnungslosen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, nicht zuletzt weil auch immer mehr Menschen aus Osteuropa nach Deutschland kommen. Seit deren Heimatländer der EU beitraten, können deren Bewohner einreisen, ohne ein Visum oder eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Viele von ihnen sind Akademiker oder Facharbeiter, aber es kommen auch viele Tagelöhner. Wer länger bleiben will als drei Monate, beantragt ein Gewerbe. Gejobbt wird dennoch meist schwarz, der Stundenlohn liegt bei drei bis vier Euro.

"Viele der Migranten leben hier unter ganz schlechten Bedingungen, sie schlafen oft in Autos, Essen organisieren sie sich in den Suppenküchen", sagt Barbara Peters-Steinwachs, Vorsitzende des Fachausschusses Gesundheit der Bundesgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Bereits 2011 waren nach Angaben der BAGW 15 Prozent der Menschen in Obdachlosenprogrammen ausländische Staatsbürger.

Rangordnung auf der Straße hat sich verschoben

Viele Sozialarbeiter, Ärzte und Mitarbeiter in den Krankenmobilen und Nothilfepraxen reden ein wenig leiser, wenn sie von der Kehrseite des freien Europas berichten. Zitieren lassen wollen sie sich nicht. Das klinge so fremdenfeindlich, sagen sie dann. Das sei man aber nicht, jedem soll geholfen werden. Aber oftmals sei man schlicht überfordert. In den Notschlafstellen werden derweil die Betten knapp, die Stimmung ist angespannt, viele der Bewohner sind frustriert und gewaltbereit, berichten die Mitarbeiter.

Mangelnde Deutschkenntnisse der Patienten und umgekehrt mangelnde Kenntnis der jeweiligen Sprache des Migranten durch Ärzte und Helfer erschweren die medizinische Behandlung, sagt Peters-Steinwachs. Viele der Osteuropäer seien zudem suchtkrank und litten gleich an mehreren Krankheiten. Versichert sind die wenigsten, wer die Kosten trägt, ist unklar. Ärzte und Netzwerke organisierten dann Therapien und Medikamente. "Es kann aber nicht sein, dass sich der Gesetzgeber immer auf das Ehrenamt verlässt", so die Ärztin.

Wo sind die Wohnungslosen?

Die aktuelle Situation hat mit Integration nichts zu tun. "Erst haben die Polen die Deutschen verdrängt, nun verdrängen die Rumänen, Bulgaren und Ungarn die Polen," sagt Stanislaw Nawka. "Die Rangordnung auf der Straße ist längst eine andere." Seit 16 Jahren fährt er mit dem medizinischen Bus durch Hamburg, ehrenamtlich. Er hat das Angebot mit aufgebaut und für seinen Einsatz 2010 das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Aktuell treibt ihn eine neue Sorge um: Die deutschen Obdachlosen kommen immer seltener in den medizinischen Bus, der beinah täglich durch die Stadt fährt und an Suppenküchen wie dem "Herz As", dem Bahnhof oder der Unterkunft des Hamburger Winternotprogramms hält. Trauen sie sich nicht mehr? "Keiner von uns hat eine Antwort auf diese mittlerweile oft gestellte Frage", sagt Nawka. Man könne nur spekulieren und hoffen, dass sie irgendwo ein Plätzchen, einen Arzt gefunden haben.

Länger arm, früher tot

Das Leben auf der Straße ist nicht gut für die Gesundheit, keine Frage. Viele Wohnungslose leiden unter Bluthochdruck, Diabetes oder anderen chronischen Krankheiten. Die Zuckerkrankheit werde oft nicht bemerkt, andere Erkrankungen von den Wohnungslosen bagatellisiert und dem Alkohol zugeschrieben. Was oft nicht zutrifft - und wenn ein Diabetes unbehandelt bleibt, kann er schwerere Erkrankungen, etwa einen Herzinfarkt, nach sich ziehen.

Das alles hat Folgen: Untersuchungen zur gesundheitlichen Situation von Obdachlosen gibt es wenig. Doch eine Studie von Medizinern in Hamburg hat 2008 ergeben, dass Obdachlose in der Regel mit 46 Jahren sterben, deutlich früher als der Durchschnittsbürger, Männer werden hierzulande 72 Jahre alt, Frauen 80 Jahre. Und: Wohnungslose sterben oft an Krankheiten, die gut zu behandeln gewesen wären.

Es sind die Kommunen, die jetzt Alarm geschlagen haben. "Den Großstädten entstehen mit der Zuwanderung erhebliche Kosten für Notunterkünfte, medizinische Versorgung und soziale Leistungen", verkündet der Deutsche Städtetag, in dem 205 Kommunen organisiert sind, in seinem Positionspapier. "Viele der Menschen, die nach Deutschland kommen, seien bereits in ihrer Heimat benachteiligt, also auch dort ohne Arbeit und Krankenversicherung." Die Probleme setzten sich dann hier fort, im EU-Recht sei eine "Armutswanderung schlicht nicht vorgesehen" - eine Fürsorge ist nicht geplant.

Geht es nach dem Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele, soll sich das schnell ändern. Auf seine Initiative hin traf sich Anfang Februar eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe, um Lösungen für die Menschen in den Städten zu finden, vom Bund erwarte man ernsthafte Unterstützung. "Es geht nicht um Abschottung Deutschlands vor Zuwanderung", erklärt er, sondern um Lösungen für eine gelungene Integration.

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