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Arzneimittel-Schiedsspruch: Griechenland macht deutsche Pillen billig

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Wenn entschieden wird, was ein neues Medikament kosten darf, sollen ab sofort auch die Preise anderer EU-Länder zum Vergleich gezogen werden. Die Pharmafirmen haben nun Angst, Griechenland könnte ihre Wunschpreise unterbieten. Sie drohen mit Konsequenzen.

Pharmamarkt: Preisdrücker in der Länderliste Fotos
SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Die Preise für neue Medikamente in Deutschland richten sich künftig auch nach den Preisen im Ausland. Eine Liste, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigt die Referenzländer - manche könnten die Preise für Medizin erheblich drücken.

Für Pharmahersteller birgt das neue deutsche Arzneimittelgesetz seit seinem Start in 2011 immer wieder böse Überraschungen: Statt die Preise für ihre neuen patentgeschützten Arzneimittel wie bisher selbst festsetzen zu können, müssen sie ihre Innovationen nun mit Eintritt in den Markt auf ihren Zusatznutzen prüfen lassen.

Nur wenn der Zusatznutzen in Studien belegt werden kann, darf ein Höchstpreis verlangt werden. Das sorgte bereits öfter für Streit. "Es ist zu einem derart frühen Zeitpunkt gar nicht möglich, alle geforderten Belege zu bringen", sagt ein Pharma-Manager, der ungenannt bleiben möchte. Über kurz oder lang werde die Pharma-Industrie wohl andere Länder bevorzugen.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG), warnt davor, die Frage nach der Preispolitik mit der des Forschungsstandorts zu vermischen. Dieser sei nicht durch das Amnog bedroht: Unternehmen, die eben nur an der Entwicklung von "Me-toos" verdienen wollten, so nennt die Branche Nachahmerpräparate, hätten es in Zukunft schwerer. Was zähle, seien echte Innovationen.

Brisantes Paket: Länderliste enthält Preisdrücker

Und es kommt jetzt noch schlimmer für die Konzerne: Selbst wenn der Nutzen belegt ist, wird der Preis ab sofort transparent verhandelt - auf Basis der Höhe des Zusatznutzens, den das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG), gern deutscher Arzneimittel-TÜV genannt, festgestellt hat. Außerdem sollen ab sofort die Preise, die der Pharmahersteller in anderen Ländern für sein Medikament erzielt, berücksichtigt werden. Aber welche Länder dürfen es sein?

Monatelang haben die großen Verbände der Pharma-Industrie mit den Krankenkassen darüber gestritten. Da keine Einigung erzielt werden konnte, wurde die Schiedsstelle eingeschaltet. Und die hat jetzt entschieden: 15 Länder stehen auf der Liste, die an diesem Freitag per Post das Berliner Büro der Schiedsstelle verlässt, eine Art Sonderkommission im Gesundheitswesen. Empfänger sind alle Pharmahersteller, Krankenkassen und das Gesundheitsministerium.

Die Entscheidung der drei Unparteiischen enthält einige böse Überraschungen für die Arzneimittelhersteller: Ab sofort werden sich die hiesigen Preise für Innovationen unter anderem an denen aus der Slowakei sowie der Tschechien messen lassen - und an denen aus Griechenland.

Liste hat Folgen für 82 Millionen Patienten

Die nun verabschiedete Liste ist auch deshalb so brisant, da sie unmittelbare Folgen auch für Patienten hat. Sie beeinflusst ab sofort, was innovative Arzneimittel kosten werden, die die Patienten benötigen. Betroffen sind rund 82 Millionen Deutsche, denn die endgültige Preisregelung gilt - auch das ist neu - auch für Privatversicherte.

Die 15 Referenzländer sind:

Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Slowakei, Tschechien, Spanien.

Ein Pharmahersteller muss nun in Verhandlungen verraten, welchen Preis er hier jeweils für seine Produktinnovation verlangt - sofern das Medikament dort ebenfalls auf dem Markt ist oder kommen soll.

"Innovationen werden gefährdet"

Es gehe nicht um eine einfache Rechnung à la "15-Länderpreise + deutscher Wunschpreis dividiert durch 16", sagt Manfred Zipperer, Vorsitzender der Schiedsstelle. "Es wird sich ein sinnvoller Algorithmus herausbilden." Auch die Größe und die Wirtschaftskraft eines Landes sollen einbezogen werden. Zudem zählt, wie hoch die Experten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit zuvor den zusätzlichen Nutzen des neuen Medikaments bewertet haben.

Die Pharmahersteller üben dennoch deutliche Kritik. Umgehend verfassten und verschickten sie eine empörte Mitteilung - so viel Einigkeit kommt sonst selten vor. "Deutschland ist nicht Griechenland. Ein Unterbietungswettbewerb durch Vergleich mit wirtschaftlich schwachen Ländern gefährdet die Einführung von Arzneimittel-Innovationen in Europa", sagt Birgit Fischer, Geschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VfA), dem größten Verhandlungspartner auf Pharmaseite. Bei wirtschaftlich vergleichbaren Ländern in Europa würden sich auch die Preise mehr und mehr angleichen, was akzeptiert werden könnte. Die Schiedsstelle habe aber eine Länderauswahl getroffen, die aus Sicht der Herstellerverbände erhebliche Probleme aufwirft.

Der GKV-Spitzenverband, der die Preisverhandlungen stellvertretend für alle Kasse führt, wollte sich bislang nicht zu der nun feststehenden Liste äußern.

Medikamente könnten später auf den Markt kommen

Bisher verhandelten Krankenkassen und Pharmahersteller in Deutschland in der Regel hinter verschlossenen Türen über die Kosten neuer Arzneimittel, Rahmenbedingungen gab es dafür keine. Mit Start des Arzneimittelneuordnungs-Gesetzes (Amnog) im Januar 2011 sind neue Zeiten für den deutschen Pharmamarkt angebrochen - transparentere Preisverhandlungen sind ein Teil davon.

Innovative Arzneimittel durchlaufen zunächst eine sogenannte frühe Nutzenbewertung. Wenn ein Hersteller belegen kann, dass der Nutzen seines Medikaments über den bereits zugelassener Arzneimittel hinausgeht, verhandelt der Spitzenverband aller gesetzlichen Kassen mit den Herstellern den Preis.

Bislang nutzen viele Länder Deutschland als Referenzland. Dementsprechend aufmerksam beobachten internationale Konzernen die hiesige neue Preisbildung. Die Regeln können unterschiedliche Auswirkungen haben. Zum Beispiel kann die Aussicht auf einen niedrigen Erstattungspreis (Referenzland Griechenland, Slowakei, Portugal) zur Folge haben, dass Neueinführungen in Deutschland später auf den Markt kommen, um das Preisniveau in anderen Ländern nicht oder zumindest nicht sofort negativ zu beeinflussen.

Ob Deutschland nun seinen Status als Referenzpreisland verliert, will kein Pharmaunternehmen beantworten. Schiedsmann Manfred Zipperer glaubt nicht, dass Pharmakonzerne im großen Stil dazu übergehen werden, Arzneimittel nicht in Deutschland zuzulassen. Der hiesige Markt sei immerhin der größte in der EU. "Ich glaube nicht, dass ein Unternehmen das ausklammern kann."

Der erste Fall

Bei AstraZeneca sieht man den Verhandlungen im Amnog recht entspannt entgegen: Das britisch-schwedische Unternehmen ist der Pionier für das neue deutsche System der Arzneimittel-Bewertung. Das Produkt Ticagrelor, das bei akuten Durchblutungsstörungen des Herzmuskels eingesetzt wird, ist das erste Medikament, das die Nutzenbewertung des Amnog erfolgreich durchlaufen hat.

Am Montag geht die Pille, Aktennummer A11-02, als erstes Medikament in die neuen Kostenverhandlungen. "Es gibt keine Formel, aus der sich der Preis einfach errechnen lässt", sagt Sprecher Florian Dieckmann. "Im Mittelpunkt steht der Zusatznutzen für Patienten, den unser Produkt bringt." Aktuell sucht der Konzern schon die Preise für Ticagrelor in den 15 europäischen Ländern zusammen.

Preisverhandlungen haben stets empfindliche Konsequenzen für den Innovationsgrad eines Pharmamarktes - und beeinflussen somit letztlich, welche Medikamente für die Patienten zur Verfügung stehen. Die Auswirkungen des neuen Arzneimittelgesetzes bedeuten dabei keinesfalls einen Nachteil, aber mit dem Amnog wird sich der Arzneimittelmarkt verändern, da sind sich alle Beteiligten sicher.

Im Fall Ticagrelor fällt der griechische Preisvergleich übrigens nicht zu Ungunsten des Herstellers aus: In Griechenland liegen die Preise für eine Tagesdosis aktuell bei 2,26 Euro, in Deutschland ist es jetzt schön günstiger: Es kostet 2,08 Euro am Tag.

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1. Als ich mal in Schweden zum Arzt musste...
Dumme Fragen 09.03.2012
bin ich fast in Ohnmacht gefallen: die Tabletten dort kosteten weniger, als ich hierzulande an Apothekengebühr zahlen muss, und das OHNE den Kassenbeitrag, 100% Selbstbezahlung! Die saugen uns aus, diese Pharmakonzerne, so stark sie können.
2. SPON Redaktion
Polemarchos 09.03.2012
Zitat von sysopDPAWenn entschieden wird, was ein neues Medikament kosten darf, sollen ab sofort auch die Preise anderer EU-Länder zum Vergleich gezogen werden. Die Pharmafirmen haben nun Angst, Griechenland könnte ihre Wunschpreise unterbieten. Sie drohen mit Konsequenzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,820214,00.html
Welcher Nobelpreisträger hat sich den bitte diese Artikelüberschrift ausgedacht? Bei 15 Referenzländern und zig tausend Medikamenten hätte man auch jedes andere Land nehmen können. SPON bei euch müsste mal kritisch über das permanente Griechen-Bashing nachgedacht werden. Der Chef-Redakteur bzw. euere (irony) interne Ethikkommission (/irony) schlafen. You a are joke of evolution....
3. das sagt doch alles oder....
wolf-wolf 09.03.2012
Zitat von sysopDPAWenn entschieden wird, was ein neues Medikament kosten darf, sollen ab sofort auch die Preise anderer EU-Länder zum Vergleich gezogen werden. Die Pharmafirmen haben nun Angst, Griechenland könnte ihre Wunschpreise unterbieten. Sie drohen mit Konsequenzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,820214,00.html
Ich kaufe immer Terzeln Schampon es kostet um die 24 Euro. Während Urlaub in Polen habe es den gleichen für ungerechnet 12 Euro gekauft und es war in der Slowakei noch billiger 6 Euro alles von Jonsson & Jonsson, das sagt doch alles oder ???? Und wie die Konzerne drohen in andere Länder zu gehen da sollen sie doch keiner wird eine Träne verschwenden und die kommen schneller zurück als man die haben mochte!!!
4.
alocasia 09.03.2012
Mann kann sich ja denken was da alles über den Tisch wanderte wenn sich die Vertreter der Krankenkassen und Pharmafirmen zur "Preisfindung" trafen. Vor allem frag ich mich weshalb die Krankenkassen einfach so hohe Preise immer abnickten? Denen scheint das Geld ihrer Mitglieder recht egal zu sein. Es ist schon ein Witz dass dies jetzt erst geändert wird.
5.
Neurovore 09.03.2012
---Zitat von Artikel--- ...Zum Beispiel kann die Aussicht auf einen niedrigen Erstattungspreis (Referenzland Griechenland, Slowakei, Portugal) zur Folge haben, dass Neueinführungen in Deutschland später auf den Markt kommen, um das Preisniveau in anderen Ländern nicht oder zumindest nicht sofort negativ zu beeinflussen... ---Zitatende--- Na hoffentlich! Denn da die wirkliche relevante Testphase erst nach der Markteinführung beginnt, dürfen dann mal andere EU-Bürger als Versuchskaninchen herhalten...
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Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.


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