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Arzneimittelreport 2014 Der Preis der Pillen

Arzneimittelpreise im Blick: Zu teuer oder Opfer der Mehrwertsteuer? Zur Großansicht
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Arzneimittelpreise im Blick: Zu teuer oder Opfer der Mehrwertsteuer?

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Seit 30 Jahren kritisieren Krankenkassen mit ihrem Arzneiverordnungsreport die Preispolitik der Pillenhersteller. Der Vorwurf: Medikamente seien hierzulande viel zu teuer. Alles Quatsch, sagt die Pharmalobby, die Kalkulationen stimmen nicht. Wer hat sich verrechnet?

Bereits eine Woche vor der Veröffentlichung des Arzneiverordnungsreports (AVR) laden die deutschen Pharmahersteller nach Berlin zum gemeinsamen Kopfschütteln ein. Beim Bundesverband pharmazeutischer Hersteller (BPI), warten auf Tischen alte Ausgaben des Berichts auf die anwesenden Journalisten. Dazu liegt an jedem Platz ein Taschenrechner - um die Schwächen des Reports aufzudecken.

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Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI, rechnet verschiedene Beispiele durch, sein Fazit: "Der AVR kalkuliert nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip. Zweimal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune."

Dem Wehklagen der Industrie schenkt indes niemand so recht Beachtung, auch nicht die Parlamentarier. Sie zitierten den Arzneiverordnungsreport zuletzt in ihrer Begründung zur Änderung des fünften Sozialgesetzbuchs. In dem Abschnitt wurden die Pharmahersteller verpflichtet, den Krankenkassen einen höheren Rabatt zu gewähren. Der Grund dafür: Arzneimittel werden seit 1993 immer teurer. Das behauptet jedenfalls der AVR.

Kampf um einfache Wahrheiten

Der Report, den das wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (Wido) erstellt, hat mehr als 1300 Seiten und fällt damit in die Kategorie Expertenlektüre. Umso lauter setzen sich vor der Veröffentlichung die PR-Maschinerien von Kassen und Herstellern in Gang, um die Ergebnisse richtig gedeutet zu wissen. Nicht nur vor Ort beim BPI, sondern auch auf Twitter.

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Das sieht die AOK eindeutig anders. Für sie sind die Preise zu hoch und die Verantwortung für die hohen Pillenpreise liegt eindeutig bei den Herstellern.

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Im Kampf um die Deutungshoheit trifft derzeit die Angst vor der Gier der bösen Pharmaunternehmen auf die Angst vor schlechter Versorgung mit Medikamenten. Verdienen die Hersteller nichts, gibt es keine Medikamente, so die Logik. Umgekehrt müssen diese auch bezahlbar bleiben.

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, kurz Amnog, sollte genau das eigentlich regeln. Zufrieden ist damit nur eigentlich keiner. Ginge es nach dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), ist ein solches Gesetz eigentlich überflüssig.

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Doch auch hier kommt es offensichtlich auf die Perspektive an. Die folgende Grafik aus dem AVR soll genau das Gegenteil belegen - eine immer weiter steigende Belastung der GKV.

So einfach die Wahrheiten von Kassen und Verbänden erscheinen, sie sind es nicht. Wir haben drei Kritikpunkte der Arzneimittelindustrie genauer angesehen:

Kritik 1: Der AVR ist zu pauschal

Laut AVR hat sich der Wert je Arzneimittelverordnung, also der durchschnittliche Preis pro Packung, verdreifacht. Das AOK-Institut Wido teilt die Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen durch die Zahl der Verordnungen. Im Trend steigen die Gesamtausgaben, die Zahl der Verordnungen sinkt. Im Ergebnis steigt der Wert je Verordnung.

"Dieser Wert ist viel zu pauschal", sagt Norbert Gerbsch vom Pharmaverband BPI. Dass auf einer solchen Grundlage Gesetze erlassen werden, könne er nicht verstehen. AVR-Autor Carsten Telschow hält dagegen: "Der Wert ist ein Indikator für den Gesamtmarkt", sagt er. "Ein nicht unerheblicher Teil davon lässt sich auf den Preis der Hersteller zurückführen." Auch wenn der Indikator keine genauen Rückschlüsse auf einzelne Medikamentgruppen zulässt, gibt er doch einen Trend wieder: Medikamente in Deutschland werden teurer.

Kritik 2: Internationale Preisvergleiche sind nicht zulässig

Seit einigen Jahren errechnet der AVR, wie hoch das Einsparpotenzial in Deutschland gegenüber anderen Ländern ist. Aktuell sieht er ein Einsparpotenzial gegenüber Frankreich von zwei Milliarden Euro. Dabei vergleicht der Bericht den Apothekenverkaufspreis, AVP, in den verschiedenen Ländern. "Diese Unterschiede gibt es, aber man kann nicht die Pharmaindustrie dafür verantwortlich machen", sagt BPI-Funktionär Gerbsch. Der Preisanteil der Hersteller ließe sich erst ausmachen, wenn man Steuern und die Zuschläge für Apotheken und Großhandel abziehe.

Gerbsch rechnet vor: Ein Generikum, das vom Hersteller aus nur zehn Cent koste, werde erst durch den Aufschlag für Apotheken und den Großhandel teuer - und koste für die Krankenkasse dann über zehn Euro.

Ulrich Schwabe, Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, kann dieser Argumentation nichts abgewinnen. Bei den internationalen Preisvergleichen vergleiche das Wido gar keine Generika. Stattdessen vergleichen sie lediglich patentgeschützte Medikamente, deren Packungen teilweise bis zu 20.000 Euro kosten. "Da spielen ein Apothekenzuschlag von 8,35 Euro und ein Großhändlerzuschlag von wenigen Prozent überhaupt keine Rolle", sagt er.

Kritik 3: Wechselkurse verteuern Medikamente

Einen Schwachpunkt hat der BPI dann doch gefunden: Der AVR bestimmt einen Stichtag, an dem die Preise aus dem Ausland mit den hiesigen verglichen werden. Der Vergleich mit dem schwedischen Gesundheitswesen aus dem Jahr 2010 zeigt, dass der Wechselkurs in dem skandinavischen Land um mehrere schwedische Kronen schwankt.

Je nachdem, wann der Stichtag sei, mache das Unterschiede von bis zu 22 Prozent aus, rechnet Gerbsch vor. "Der Stichtag ist vollkommen willkürlich." Stattdessen müsse man die Daten auf Basis von Jahresdurchschnitten berechnen. Carsten Telschow vom Wido hat dafür wenig Verständnis. "Man hat ja nicht ewig Zeit, solche Durchschnitte zu berechnen", sagt er. Er sehe an diesem Teil der Methodik kein Problem.

Was bleibt?

Dass die Pharmaindustrie mit ihrem chronischen Image-Problem nicht so leicht die Deutungshoheit über die Einsparpotenziale erlangen wird, ist BPI-Mann Norbert Gerbsch offensichtlich klar. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er gerne auf die interessengeleiteten Berechnungen verzichten würde: "Schön wäre, es gäbe eine unabhängige Forschungsstelle."

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23 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
FerrisBueller 24.09.2014
Lichtenbruch 24.09.2014
gluecksklee 24.09.2014
zensurforumbenutzerin 24.09.2014
hohpe 24.09.2014
sixt_eye 24.09.2014
Demokrator2007 24.09.2014
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Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.

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