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Nachgeforscht

Aspirin Doppelt so schnell, nicht doppelt so gut

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Jeder kennt Aspirin, das Schmerzmittel gibt es seit mehr als hundert Jahren. Jetzt soll die Tablette Schmerzen plötzlich doppelt so schnell lindern wie bisher. Geht das?

Aspirin, diese schlichte, weiße Schmerztablette mit dem Kreuz in der Mitte, ist nun schon seit 1897 mit diesem Namen auf dem Markt. Sie enthält Acetylsalicylsäure, kurz ASS. Der Wirkstoff ist schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend. Das funktioniert so gut, dass das Wort Aspirin durch die Bayer AG als Marke geschützt wurde. Aspirin ist längst der Oberbegriff für Schmerztabletten.

Nun soll Aspirin plötzlich doppelt so schnell wirken wie all die Jahrzehnte zuvor, wie der Pharmakonzern Bayer großflächig auf Plakaten wirbt. Wie kann das sein? Warum erst jetzt? Und ist sie deshalb auch besser?

Wie Varianten des Zuckers

Regina Gropp, Mitarbeiterin der Bayer Unternehmenskommunikation, beantwortet diese Anfrage nur zu gern. Arzneimittelforschung sei eben anspruchsvoll, zeit- und ressourcenintensiv. Daher habe die Entwicklung des neuen Aspirins mit der "innovativen MicroAktiv-Technologie" auch einige Jahre in Anspruch genommen.

MicroActiv-Technologie, klingt irgendwie nach der patentierten Formel eines Putzmittels. Frau Gropp?

"Der Wirkstoff wird mikronisiert und so die Partikelgröße um 90 Prozent reduziert. Der Effekt der Mikronisierung kann an folgendem Beispiel veranschaulicht werden: Während der grobe Kandiszucker lange nahezu unverändert in der Teetasse liegt, ist der fein gemahlene Puderzucker schon nach Sekunden gelöst. Außerdem wird der rasche Zerfall der Tablette jetzt durch den Zusatz von 165 Milligramm Natriumcarbonat effektiv unterstützt."

Die neue Tablette löse sich im Reagenzglas bis zu sechsmal schneller als die bisherige - die Acetylsalicylsäure werde im Magen schneller freigesetzt und könne rascher resorbiert werden, sagt Gropp. Eine erste Schmerzlinderung nach dem Ziehen eines Weisheitszahns erreiche das neue Aspirin bereits nach etwa 16 Minuten (zum Vergleich: 20 Minuten beim bisherigen Aspirin), und eine deutlich spürbare Schmerzlinderung erfolge nach 49 Minuten und damit doppelt so schnell wie beim bisherigen Aspirin, das 99 Minuten brauche.

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Gemessen wurde der Effekt mittels eines "Dental Pain Model", so steht es in der Studie, auf deren Basis die schnellere Aspirin zugelassen wurde. Bei dem Schmerzmodell, das Bayer dabei genutzt hat, wird die einmalige Schmerzreduktion eines Patienten gemessen, dem gerade ein Zahn gezogen wurde. Eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Schmerzarten wie Kopfschmerzen oder Halsschmerzen sei durchaus möglich, sagt Gropp.

Schnell getestet, schnell zugelassen - das passt ja gut zur schnellen Wirkung der neuen Aspirin. Für Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, ein bisschen zu schnell:

"Durch die Mikronisierung erzielt die neue Aspirintablette eine dreimal so hohe Höchstkonzentration des Arzneistoffs im Blut des Menschen als die bisherige. Die Wirkung dieses Effekts hätte man unbedingt mit einer besonderen Sicherheitsuntersuchung überprüfen müssen."

Sörgel selbst hatte in seinem Institut einmal eine schneller aufgenommene Ibuprofen-Rezeptur überprüft, die weitaus geringere Anstiege der Wirkstoff-Konzentration im Blut bedeutete. Dabei wurde die Verträglichkeit bei gesunden Probanden mit einer Magenspiegelung untersucht, was Schädigungen natürlich leicht erkennbar macht. In der Studie wurde aber nicht nach einer nur einmaligen Gabe der Tablette, sondern nach einer dreitägigen Behandlung gemessen - und dabei deutliche Veränderungen der Magenschleimhaut festgestellt.

"Es war erstaunlich, wie schnell die Magenschleimhaut durch den Wirkstoff angegriffen wurde, obwohl wir nur 1200 Milligramm Ibuprofen pro Tag verabreichtet hatten. Und für Aspirin, das für seine magenschädigende Nebenwirkungen bekannt ist, braucht man so etwas nicht?"

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber der Zeitschrift "arznei-telegramm", vermutet hinter der plötzlichen Expressoffensive bei Bayer vor allem Marketing. Aspirin sei hundert Jahre lang eine Goldgrube für Bayer gewesen, nun bröckelten die Umsätze. Dass die neue Aspirin-Tablette auf "anspruchsvoller, zeit- und ressourcenintensiver" Arzneimittelforschung beruhen solle, sei geballtes Marketing-Latein.

"Die 'innovative Mikronisierung' ist bei einigen Arzneiwirkstoffen bereits seit Jahrzehnten Stand der Technik. Und die grundlegende Überarbeitung der Aspirin-Tabletten war seit Jahrzehnten überfällig."

Wenn nun die neue Aspirin doppelt so schnell wirke wie die alte, bleibe zudem die Frage, ob die alten Tabletten richtig schlecht gewesen seien, so der Pharmakritiker.

Den Verbrauchern empfiehlt Becker-Brüser letztlich einen Vergleich des neuen Aspirins, das immerhin rund 6 Euro für 20 Tabletten kostet, mit preiswerten Nachfolgepräparaten. Die gibt es bereits zu einem Drittel der Kosten. Und die erprobten Mittel sind womöglich auch magenschonender als die schnelle Nummer - aber das wurde ja nicht untersucht.

  • DPA
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