Aspirin und Co.: Blutverdünner können für Gesunde gefährlich werden

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In Deutschland schlucken Hunderttausende regelmäßig Acetylsalicylsäure - auch Gesunde. Doch mit dem vermeintlichen Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall erkaufen gerade sie sich das Risiko von schweren Blutungen. Forscher warnen deshalb jetzt vor einer eigenmächtigen Therapie.

Aspirin: Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure kann gefährliche Blutungen auslösen Zur Großansicht
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Aspirin: Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure kann gefährliche Blutungen auslösen

Der Arzt kann sie verschreiben, aber man kann sie auch in der Apotheke und sogar in Drogerien kaufen: Tabletten mit Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt unter den Markennamen Aspirin oder Alka Selzer. Die kleinen weißen Pillen helfen gegen Kopfschmerzen, hemmen Entzündungen und verhindern, dass die Blutplättchen verklumpen und sich Gefäße verschließen. Genau aus diesem Grund gehören sie für Hunderttausende von Menschen zum täglichen Speiseplan: Aus Angst vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall schlucken zahlreiche Gesunde jeden Tag eine kleine Dosis ASS und hoffen so, Gefäßverstopfungen zu verhindern.

Doch die vermeintlich harmlose Pille hat Nebenwirkungen - wie jedes Medikament: Weil sie in die Blutgerinnung eingreift, kann sie zu schweren Blutungen in Magen, Darm oder im Gehirn führen. Deswegen warnt jetzt das britische " Drug and Therapeutics Bulletin" (DTB) Gesunde vor der sorglosen Einnahme von ASS.

Hintergrund ist die Auswertung von mehreren Übersichtsartikeln zur präventiven ASS-Therapie, nach der die DTB-Autoren zu dem Schluss kommen: "Die derzeit vorhandene Datenlage rechtfertigt nicht die routinemäßige Einnahme von niedrig dosiertem ASS zur primären Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten."

Bekannt ist Ärzten zwar schon seit langem, dass ein Patient, der bereits einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt hinter sich hat, von der blutverdünnenden Wirkung von 75 bis 100 Milligramm Acetylsalicylsäure profitiert. "Das Risiko für einen erneuten Gefäßverschluss ist bei diesen Patienten besonders hoch", sagt Christian Hamm von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, "höher als die Gefahr einer Blutung."

Missverhältnis zwischen Schutz und Risiko

Bei den meisten anderen Menschen sei das jedoch nicht der Fall: "Wer aus Angst vor Herz-Kreislauf-Krankheiten als gesunder Mensch einfach ASS schluckt, erkauft sich mit dem vermeintlichen Schutz vor allem das Risiko einer Blutung", so Hamm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Zahlen aus dem DTB verdeutlichen das Missverhältnis zwischen Schutz und Risiko: In einer statistischen Analyse von sechs Studien, an denen insgesamt 95.000 Menschen teilnahmen, werteten Forscher Nutzen und Risiko für Männer und Frauen getrennt aus. Demnach verhinderte die Einnahme von Acetylsalicylsäure über 6,4 Jahre hinweg im Schnitt unter 1000 Frauen drei "kardiovaskuläre Ereignisse" (Herzinfarkte oder Schlaganfälle), unter 1000 Männern waren es vier verhinderte Ereignisse. Gleichzeitig traten bei den Frauen jedoch durchschnittlich 2,5 große, potentiell lebensbedrohliche Blutungen auf, bei den Männern waren es drei. "Die Analyse zeigt nicht nur das Risiko einer Blutung sondern auch, dass man 997 Frauen oder 996 Männer umsonst behandelt", meint der Kardiologe Hamm.

Zwei weitere Studien aus Schottland und Japan kommen zu dem Schluss, dass auch Patienten mit Diabetes, denen häufig niedrig dosiertes ASS als Prophylaxe empfohlen wird, nicht von der Therapie profitieren. Die Tabletten waren weder in der Lage, Todesfälle noch Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern.

Überwachung kaum möglich

Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Die Einnahme von ASS kann Patienten mit bestimmten Risikofaktoren auch ohne Herzinfarkt oder Schlaganfall in der Vorgeschichte helfen. So empfehlen die Leitlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie: "75 Milligramm Acetylsalicylsäure sind für Menschen ohne Beschwerden zu empfehlen, wenn ihr Risiko, in den kommenden zehn Jahren an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu versterben, größer als zehn Prozent ist und der Blutdruck unter 140/90 mmHg liegt."

Dieses Risiko ist abhängig davon, wie alt ein Patient ist, ob er raucht und ob er unter Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhten Cholesterinwerten leidet. Organisationen wie die Deutsche Herzstiftung etwa bieten einen Online-Test an, der das individuelle Risiko errechnet.

Auch für deutsche Kardiologen gelten nach Auskunft von Hamm die europäischen Leitlinien. "Man muss von jedem Patienten das individuelle Risiko kennen, um eine Entscheidung über eine ASS-Therapie treffen zu können", so der Herz-Spezialist. Praktisch ist das aber kaum möglich, weil zu viele Menschen die Tabletten ohne das Wissen ihrer Ärzte schlucken.

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