Von Markus Becker
Die Asse macht eigentlich schon genug Ärger. Das Atommülllager gilt als marode, Kritiker halten es für unsicher, und immer wieder kam der Verdacht auf, dass auch hoch radioaktive Abfälle in dem Salzstock untergebracht wurden. Jetzt kommt es scheinbar noch schlimmer: Der NDR berichtet von einer starken Häufung von Krebsfällen in der Gegend um die Asse.
Die "Aufregung und Besorgnis", die der NDR am Freitagmorgen versprochen hatte, ließ nicht lange auf sich warten. "Krebs-Alarm am Atommülllager Asse" titelte die "Bild" auf ihrer Internetseite. "Jetzt ist die Sorge erstmals durch wissenschaftliche Zahlen bestätigt." Auch die Lokalmedien mischten kräftig mit: Von "furchtbaren Krankheitsbefunden" schrieb die "Cellesche Zeitung". "Wird wirklich alles getan, um die Bevölkerung vor radioaktiver Verseuchung zu schützen?", fragte bang die "Neue Osnabrücker Zeitung".
Die lokale Politik reagierte aufgeschreckt: "Die Landtagsfraktionen zeigten sich betroffen von den Ergebnissen der Studie", berichtet der NDR. SPD-Fraktionschef Stefan Schostock habe gar von einem "Schock" gesprochen. Selbst die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW, ansonsten faktensicher, ließ sich mitreißen: Die Zahlen seien "ein weiterer Beleg für den ursächlichen Zusammenhang von ionisierender Strahlung und einem erhöhten Krebs- und Leukämierisiko".
Doch gerade dafür gibt es in den Zahlen zur Asse keinen Beweis - das behauptet nicht einmal der NDR. Es existiert auch keine wissenschaftliche Studie, wie inzwischen oft behauptet wird. Die NDR-Meldung basiert lediglich auf einer Handvoll äußerst dürrer Daten der Registerstelle des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN).
Anonymisierte Daten ohne Mehrwert
Demnach erkrankten unter den rund 10.000 Bewohnern der Samtgemeinde Asse - die aus sieben Einzelgemeinden besteht - von 2002 bis 2009 insgesamt 18 Menschen an Leukämie, darunter zwölf Männer und sechs Frauen. Gemessen am bundesweiten Durchschnitt seien aber nur acht Fälle zu erwarten gewesen, teilte das niedersächsische Sozialministerium mit. Das Risiko für Frauen, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, sei gar um das Dreifache erhöht gewesen: Zehn Frauen seien betroffen gewesen, obwohl es statistisch nur 3,3 hätten sein sollen.
Was diese Zahlen über eine erhöhte Krebsgefahr durch das Atommülllager aussagen? Rein gar nichts.
Die Daten des EKN sind vollständig anonymisiert. Und sie enthalten lediglich das Geschlecht der Krebspatienten. Der genaue Wohnort - der für die Abschätzung eines strahlenbedingten Krebsrisikos wichtig wäre - fehlt. Das gleiche gilt für andere Faktoren, die für das individuelle Krebsrisiko eine entscheidende Rolle spielen, wie etwa der Beruf und das Alter der Betroffenen. Aus den Daten ist nicht einmal ersichtlich, ob die Patienten direkt im Atommülllager gearbeitet haben oder nicht.
"So etwas muss man vorher prüfen, bevor man mit solchen Zahlen an die Öffentlichkeit geht", kritisiert Nikolaus Becker, der am Deutschen Krebsforschungszentrum das epidemiologische Krebsregister von Baden-Württemberg leitet. Aus den Daten sei nicht ersichtlich, ob und falls ja, wie viele Krebsfälle auf Strahlung zurückgingen.
Daten in sich nicht schlüssig
Denn Krebs kann nicht nur durch Strahlung, sondern auch chemisch oder durch Viren ausgelöst werden. Das Problem: Am Karzinom lässt sich später nicht erkennen, was die Ursache war. Bei Einzelpersonen ist deshalb grundsätzlich nicht nachweisbar, ob der Krebs durch Strahlung ausgelöst wurde. Will man eine seriöse Aussage darüber treffen, ob ein einzelner Auslöser - etwa die Strahlung aus der Asse - für eine generelle Risikosteigerung verantwortlich ist, muss man nicht nur große Fallzahlen haben, sondern auch alle anderen möglichen Ursachen ausschließen können. Die Daten des EKN geben nichts von beiden her.
Zudem sind die Zahlen nicht schlüssig. So gab es zwischen 2002 und 2009 in der Samtgemeinde Asse zwölf Leukämiefälle unter Männern, aber nur sechs unter Frauen - obwohl eine allgemein erhöhte Strahlungsbelastung in der Umwelt alle hätte treffen müssen. Das Schilddrüsenkrebs-Risiko war dagegen nur bei Frauen um das Dreifache erhöht. Betrachtet man alle Krebsfälle über die Geschlechtergrenzen hinweg, ergibt sich in der Samtgemeinde Asse überhaupt keine statistische Auffälligkeit mehr: "Krebs insgesamt ist für Männer und Frauen im Erwartungsbereich", so das Ministerium.
Zudem sei die Zahl der Krebsfälle in der Asse-Region so gering, dass schon die zufällige Abweichung vom bundesweiten Durchschnitt eine prozentual deutliche Steigerung verursachen könne, erklärt Krebsexperte Becker. Es gebe Hunderte Gemeinden in Deutschland mit solchen Häufungen. "Aber dafür interessiert sich keiner", sagt Becker - weil eben nicht überall ein Atommülllager steht. Dessen Existenz könne darüber hinaus zu einem "ganz banalen Effekt" führen: Die Bevölkerung ist in Gebieten um Atomanlagen derartig für Krebs sensibilisiert, dass die Erkrankungen gewissenhafter an das Krebsregister gemeldet werden als in anderen Regionen. "Das ist bereits beobachtet worden", sagt Becker.
Strahlenschützer geben Entwarnung
Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sieht kein erhöhtes Krebsrisiko durch das Atommülllager. Die Messungen über und unter Tage zeigten, "dass zum jetzigen Zeitpunkt von der Asse weder für die Beschäftigten noch für die Bevölkerung eine Gefahr ausgeht", erklärte das BfS am Freitag. Erst kürzlich hätten Auswertungen von Boden- und Ackerfrüchteproben ergeben, dass in der Umgebung der Asse keine Gefahr drohe.
Das niedersächsische Umweltministerium verwies auf die Messungen, die in dem Gebiet seit 1960 genommen werden. Jedes Jahr werde etwa die Abluft, das Oberflächenwasser, das Grundwasser sowie der Boden in 650 Proben untersucht. Dabei sei bisher kein Eintrag von Radioaktivität in die Umgebung der Asse festgestellt worden, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums.
Dennoch sieht sich das Sozialministerium in Hannover dazu gezwungen, den Sachverhalt unter die Lupe zu nehmen: Es sollen jetzt nachträglich genauere Daten über die Krebspatienten eingeholt werden. Das aber werde voraussichtlich sehr schwierig und langwierig sein, sagte Elke Bruns-Philipps, die zuständige Mitarbeiterin des Sozialministeriums. "Wir müssen davon ausgehen, dass es mehrere Monate dauern wird, bis wir nähere Erkenntnisse über die Menschen haben."
Die Aufregung und Besorgnis, die der NDR prophezeit hatte, hat sich indes nur in Medien und Politik manifestiert. In der Bevölkerung konnte der Sender offenbar wenig davon bemerken, glaubt man einem Video auf der NDR-Website: Vor dem Mikrofon machte sich Gleichmut breit. "Ich bin der Meinung, das wird alles ein bisschen zu sehr hochgekocht", sagt ein Anwohner. Der Reporter bohrt, sprachlich ein wenig ungelenk, nach: "Macht Ihnen das keine Angst, wenn Sie Zahlen hören, dass das sich verdoppelt hat?" - "Nö, ich bin immer noch weit genug weg. Es sind immer noch drei Kilometer Luftlinie."
Mit Material von dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Medizin | RSS |
| alles zum Thema Atommülllager Asse | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH