Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausgegraben

Ausgegraben Die Gesichter des Todes

Experimentelle Archäologie: Römermaske im Selbstversuch Fotos
Drew Fulton

 |

Die Römer hatten gern ihre Vorfahren um sich - in Form von Totenmasken aus Wachs. Im knallharten Selbstversuch haben US-Archäologen nun untersucht, wie diese imagines maiorum hergestellt und genutzt wurden.

Für uns mag das ein wenig befremdlich anmuten, doch kam man in das Haus eines römischen Aristokraten, dann hingen dort die Gesichter seiner Vorfahren an der Wand. So ließ sich leicht seine soziale Stellung ablesen - je mehr und je älter die Vorfahren, desto bedeutender seine Familie. Und: Nur wer mindestens das Amt eines Ädilen in der römischen Beamtenlaufbahn bekleidet hatte, durfte sich nach dem Tod in Wachs verewigen lassen.

Nicht nur im Haus wurden die Gesichter der Toten ausgestellt, sondern auch im Freien: Auf Beerdigungen trugen Mitglieder der Familie die wächsernen Masken, um so die glorreiche Vergangenheit der Sippe im Nachspiel wieder lebendig werden zu lassen.

Leider gehört Wachs nicht zu den beständigsten Materialien - nie ist es Archäologen gelungen, auf einer Ausgrabung eine Sammlung von imagines maiorum zu bergen. Warum aber nicht zumindest die Masken einmal anfertigen, fragten sich US-Wissenschaftler.

"Die Idee, selber welche herzustellen, entstand in einem Kurs unserer Dozentin Annetta Alexandridis über griechische und römische Porträts", erzählt Jenny Carrington, die gemeinsam mit Kolleginnen jüngst auf dem Jahrestreffen des Archaeological Institute of America über das Forschungsprojekt berichtete. "Es war ein sehr lohnendes Projekt, diesen einzigartigen und kaum erforschten Aspekt des Alten Roms mit kreativer Experimentalarchäologie zu erforschen", freut sich Co-Autorin Katie Jarriel in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE.

Zunächst suchten die Archäologinnen in der Literatur nach Hinweisen auf die imagines. Wie wurden sie hergestellt? Wie wurden sie gepflegt? Und woher kam eigentlich das Wachs für die Masken? "Carrie Fulton, die dritte Mitarbeiterin des Projektes, fand heraus, dass die Römer nicht nur lokal produziertes Wachs nutzten, sondern einige Arten sogar importierten - so konnte Wachs auch Ausdruck eines gehobenen Lebensstils sein", berichtet Projektleiterin Alexandridis.

Wachslieferung als Tributzahlung

Fulton selbst war überrascht, wieviel Wachs in der Antike tatsächlich transportiert - und zu welch hohen Preisen es gehandelt wurde: "In mehreren Papyri ist der Preis von Wachs notiert, dass den Nil hinuntergeschifft wurde, und einige römische Autoren erwähnen, dass große Schiffsladungen davon als Tributzahlungen an Rom geliefert wurden." Die Korsen beispielsweise mussten einen Teil ihres Tributs an Rom in Form von Wachs und Propolis zahlen. Das beste Wachs - von weißer Farbe - lieferten die Punier.

Dann ging es an die Arbeit. Mit Hilfe der Restauratorin Kasia Maroney fertigten die Archäologinnen im Selbstversuch Wachsmasken der eigenen Gesichter an. Dafür überzogen sie zunächst das Gesicht mit einer Schicht Silikon. Mit Gips verstärkten sie die Silikonmaske zu einer festen Gussform, in die sie dann das flüssige Wachs gießen konnten.

Über das Ergebnis sind sich alle einig: "Unheimlich!" stimmen sie überein. "Ich konnte diese dreidimensionale Kopie meines Gesichts nicht lange anschauen", gibt Carrington zu. Jarriel erklärt, warum: "Die Maskenabnahme selber ist sehr entspannend, fast wie ein Spa-Besuch. Dadurch wird der Gesichtsausdruck ganz ruhig, als ob man schläft - oder tot ist."

Entscheidend für die Wirkung ist außerdem das Material. Während weiße Gipsmasken eindeutig wie Totenmasken aussehen, erweckt das weiche, gelbliche Wachs eher den Eindruck eines Zwischenstadiums zwischen Leben und Tod. "Ich hatte sogar das Gefühl, ich sehe meine Großmutter, als ich meine eigene Maske anschaute", gibt Alexandridis zu.

Gegenwart formte die Vergangenheit

Wie bewährten sich denn die kostbaren aber fragilen Masken im römischen Alltag? "Sogar unter Museumsbedingungen können wir an unseren Masken jetzt schon Porenbildung beobachten", berichtet Jarriel. "In einem römischen Haushalt werden Rauch und die Flammen von Herdfeuern und Fackeln den Verfall der Masken wohl noch beschleunigt haben."

Also mussten die Masken ständig repariert und ausgebessert werden - frei nach der Erinnerung an den Verstorbenen. Viel Ähnlichkeit blieb da nach einer Generation oder zwei wohl nicht mehr übrig. "Das fand ich aber gerade besonders spannend bei den Ergebnissen unserer Arbeit", resümiert Carrington. "Weil die Masken ja bei Beerdigungen tatsächlich von den Nachfahren getragen wurden, passten sie sich den Gesichtszügen der Träger an, während sie gleichzeitig noch einen Rest Ähnlichkeit zu dem Verstorbenen bewahrten. Hier hat eindeutig die Gegenwart die Vergangenheit beeinflusst - ja, im wahrsten Sinne des Wortes geformt."

12 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
!Obacht! 02.02.2014
wdiwdi 02.02.2014
Layer_8 02.02.2014
!Obacht! 02.02.2014
Hübitusse 02.02.2014
scholz@keltenblick.de 02.02.2014
barlog 02.02.2014
kr!st!ne 02.02.2014
bbär 02.02.2014
nixda 03.02.2014
blaubärt 03.02.2014
renee gelduin 14.02.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz
Fotostrecke
Smartphone-App: Plastische Modelle Marke Eigenbau

Anzeige

Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: