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Hirnforschung: Neuer Wirkstoff soll Autismus-Symptome lindern

Kommunikation, Kontakt mit Freunden und Familie: Was vielen Menschen selbstverständlich, für Autisten oft ein Alptraum. US-Forscher berichten, dass ein neuer Wirkstoff Symptome der Entwicklungsstörung bei Mäusen rückgängig gemacht hat. Ob er bei Menschen funktioniert, muss nun erforscht werden.   

Eine Maus beschnuppert einen Artgenossen - Das Verhalten zeigen autistische Tiere nicht Zur Großansicht
dapd/Mu Yang/Jacqueline N. Crawley/LBN

Eine Maus beschnuppert einen Artgenossen - Das Verhalten zeigen autistische Tiere nicht

Washington - Für Autisten ist der Umgang mit anderen Menschen schwierig. Viele vermeiden Blick- und Körperkontakt und können Mimik und Gestik nur schlecht deuten. Eigentlich gilt die Entwicklungsstörung als unheilbar. US-Forscher haben nun einen neuen experimentellen Wirkstoff untersucht, der einige Autismus-Symptome bei Mäusen rückgängig machen soll - ohne Nebenwirkungen.

"Bei den autistischen Tieren hob das Mittel schon nach einmaliger Gabe Verhaltensstörungen wie wiederholte Bewegungen auf", berichten Forscher um Jacqueline Crawley vom National Institute of Mental Health (NIMH) in Bethesda (US-Bundesstaat Maryland). Die Tiere seien sozialer geworden und stärker an ihren Artgenossen interessiert gewesen, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science Translational Medicine".

Die Forscher hoffen, dass irgendwann einmal auch Menschen mit dem Wirkstoff behandelt werden können. "Viele autistische Störungen werden durch Genmutationen verursacht, die die Entwicklung und das Wachstum von Nervenzellen-Synapsen im Gehirn beeinflussen", erklärt Studienleitern Crawley. Die Medikamente, die momentan eingesetzt werden, können den Autoren zufolge nur Nebensymptome, wie Reizbarkeit lindern.

Bei den Mäusen traten keine Nebenwirkungen auf

Wer autistisch ist, zeigt die ersten Symptome schon im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jungen leiden häufiger an der Störung als Mädchen, berichtet der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Neben Kommunikationsschwierigkeiten gehören dazu auch die Wiederholung bestimmter Bewegungsabläufe oder Wortäußerungen. Diese Symptome zeigen Autisten laut Studie vor allem in Stresssituationen.

Die Versuchsmäuse waren zum Beispiel ganz versessen auf ihre Körperpflege. Sie wiederholten ihr Putzritual immer und immer wieder. Andere hüpften unaufhörlich auf der Stelle. Die Wissenschaftler testeten an den Tieren eine Substanz namens GRN-529.

Der Stoff gehört zur Gruppe der sogenannten negativ allosterischen Modulatoren. Diese verändern die räumliche Struktur an den Rezeptoren der Nervenzellen und schwächen deren Aktivität. "GRN-529 wirkt im Gehirn auf die Andockstellen des Botenstoffs Glutamat", erklären die Wissenschaftler. Glutamat spielt für das Sozialverhalten in Säugetieren eine wesentliche Rolle: Eine zu hohe Aktivität des Botenstoffs kann zu Störungen führen.

GRN-529 habe dafür gesorgt, dass der Glutamathaushalt wieder ins Gleichgewicht kam, indem der Wirkstoff die Andockstellen für den Botenstoff blockierte, schreiben die Wissenschaftler. Die Folge: Das ständige Hin- und Herwippen der autistischen Mäuse nahm ab und bestimmte soziale Verhaltensmuster normalisierten sich wieder. Nebenwirkungen oder eine krankhafte Änderung im Verhalten beobachteten die Forscher bei den Versuchsmäusen nicht.

Ob der Wirkstoff auch bei Menschen gut anschlägt, ist laut Studie aber noch unklar. "Viele Forschungserfolge, die bei Versuchen mit Mäusen erzielt wurden, kann man nicht auf den Menschen übertragen", sagen sie.

Vielversprechend sei jedoch, dass die Wirkstoffgruppe, zu der GRN-529 gehört, bereits an Menschen mit Fragile X-Syndrom erprobt werden. Das ist eine genetische Auffälligkeit, die zu diversen körperlichen und geistigen Verhaltensauffälligkeiten führt. Die Wissenschaftler vom National Institute of Mental Health wollen den Stoff in klinischen Versuchen künftig auch an autistischen Menschen testen.

ajo/dapd

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