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Bakterien: Parasiten-Protein überlistet Immunsystem 

Gut getarnt: Protein M (blau) im Verbund mit einem menschlichen Antikörper (gelb und grün) Zur Großansicht
Christina Corbaci/ Rajesh K. Grover

Gut getarnt: Protein M (blau) im Verbund mit einem menschlichen Antikörper (gelb und grün)

Wie überleben Bakterien unentdeckt im menschlichen Immunsystem? Forscher haben ein Protein entdeckt, mit dem sich Parasiten vor der natürlichen Abwehr tarnen. Es könnte die Immunchemie revolutionieren.

Mit einem besonders ausgeklügelten Eiweiß überlistet ein bakterieller Parasit das Immunsystem des Menschen. In Mykoplasmen haben US-Forscher das Protein M entdeckt, das sich an verschiedenste Antikörper heften kann. So verhindere es, dass das Immunsystem den Eindringling identifiziert, berichten die Wissenschaftler um Richard Lerner vom Scripps Research Institute in la Jolla (US-Staat Kalifornien) in der Zeitschrift "Science". Die bakterielle Wunderwaffe dürfte viele Anwendungen finden - etwa zur Herstellung therapeutischer Antikörper.

Die Forscher untersuchten Mykoplasmen - parasitäre Bakterien, die chronische Infektionen verursachen können. Zunächst testeten sie bei Patienten mit multiplem Myelom, wie deren Antikörper auf Mykoplasmen reagieren. Antikörper sollen dem Immunsystem dabei helfen, Ziele wie etwa Krankheitserreger zu identifizieren und auszuschalten.

Überraschenderweise reagierten sämtliche getestete Antikörper auf ein Protein des Erregers Mycoplasma genitalium, der bei Menschen sexuell übertragen wird. Mit diesem Protein entgeht der Erreger dem Immunsystem. "Es bindet an jeden generischen Antikörper und kann die gesamte Vielfalt des Antikörper-Repertoires kapern, gleichzeitig blockiert es die Interaktion zwischen dem Antikörper und seinem biomolekularen Ziel", wird Erstautor Rajesh Grover in einer Mitteilung des Instituts zitiert. "Das kleinste parasitäre Bakterium auf dem Planeten scheint die ausgeklügeltste molekulare Angriffsmaschine entwickelt zu haben."

Patent bereits angemeldet

Mit verschiedenen Methoden klärten die Forscher die Molekularstruktur des Proteins, das ungewöhnlich groß ist. Demnach heftet sich das Protein an die Spitze jener Region, mit der Antikörper an ihre Ziele binden. "Es weitet sein anderes Ende wie einen Schweif über jene Hauptregion aus, mit der der Antikörper an das Antigen bindet", sagt Mitautor Xueyong Zhu. Antigene sind jene Moleküle, anhand derer das Immunsystem Eindringlinge erkennt.

Die Entdeckung dürfte nicht nur dazu beitragen, Medikamente gegen diesen Parasiten zu entwickeln. Zudem könnte das Protein so verändert werden, dass es auf bestimmte Zellen des Immunsystems wirkt, die Antikörper produzieren und krankhaft verändert sind, etwa bei manchen bösartigen Lymphomen.

Vor allem aber könnte es in Labortests dazu dienen, Antikörper zu isolieren. Dies dürfte etwa bei der Herstellung therapeutischer Antikörper helfen. Das Protein finde wahrscheinlich "eine Unzahl von Anwendungen in der Immunchemie", schreiben die Forscher. "Das könnte das nützlichste Mittel zur Reinigung von Antikörpern sein, das je entdeckt wurde", sagt Lerner. Die Wissenschaftler haben ein Patent auf ihre Arbeit angemeldet und stehen nach eigenen Angaben bereits mit der Industrie in Verhandlungen.

che/dpa

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Die Verkopfung
Alphabeta 07.02.2014
der Menschheit reitet ihn nur immer noch weiter in die Misere hinein. Die Missachtung der natürlichen Vorgänge, die der Mensch einmal instinktiv wahrzunehmen imstande gewesen sein muß, schreitet in dem Maße voran, wie unsere natürliche Umwelt durch lebensvernichtendes Menschenwerk schwindet. Diese "wissenschaftliche Forschung" wird uns immer weniger die Orientierung geben, die wir einst durch eine intakte natürliche Umwelt hatten!
2. Patent
habo10 07.02.2014
Interessante Entdeckung, nur wer hat die bezahlt? Woher kamen die Forschungsgelder? Falls es öffentliche Gelder waren, ist es ein Unding das die Ergebnisse nun patentiert werden dürfen. Ich habe generell noch nie verstanden, warum Dinge die von uns Bürgern (via dem Staat) finanziert werden, nicht allen Bürgern (in vernünftigem Umfang versteht sich) auch kostenlos zur Verfügung stehen.
3. Immuntherapie?
sunnycinderella 07.02.2014
Wenn ich die Wirkungsweise richtig verstanden habe, dann könnte das Tier auch verhindern, dass das körpereigene Immunsystem Fremdorgane erkennt und bekämpft? DAS wäre DIE REVOLUTION in der Organtransplantation überhaupt.... und würde den Herstellern konventioneller Immunsuppressiva (Novartis und Co) wahrscheinlich überhaupt nicht schmecken, außer sie wären an der Entwicklung und der späteren Vermarktung beteiligt.
4. Der Pate vom Patentamt.
cassandros 07.02.2014
Zitat von habo10Interessante Entdeckung, nur wer hat die bezahlt? Woher kamen die Forschungsgelder? Falls es öffentliche Gelder waren, ist es ein Unding das die Ergebnisse nun patentiert werden dürfen. Ich habe generell noch nie verstanden, warum Dinge die von uns Bürgern (via dem Staat) finanziert werden, nicht allen Bürgern (in vernünftigem Umfang versteht sich) auch kostenlos zur Verfügung stehen.
Schau doch nach, wer "die bezahlt" hat. Steht doch in der referierten Arbeit, woher die Forscher ihre Mittel haben. Du scheinst einiges nicht zu verstehen. Die Forschungsergebnisse werden doch kostenlos zur Verfügung gestellt! Du musst nur zur Bibliothek gehen und den Artikel aus SCIENCE kopieren. Dann hast du doch die Forschungsergebnisse. Verrat uns doch, was du Bürger dann mit diesen Forschungsergebnissen, die du nicht verstehst, anfangen möchtest? Im übrigen hat weder du noch sonst ein Bürger hierzulande diese Forschung bezahlt. Da die Scripps Institution, die diese Forschungsergebnisse kostenlos in die Öffentlichkeit gibt, eine private Einrichtung ist, wäre es jetzt eine Gelegenheit, sich dafür zu bedanken. Nicht? Noch Fragen?
5.
Wolffpack 07.02.2014
Zitat von Alphabetader Menschheit reitet ihn nur immer noch weiter in die Misere hinein. Die Missachtung der natürlichen Vorgänge, die der Mensch einmal instinktiv wahrzunehmen imstande gewesen sein muß, schreitet in dem Maße voran, wie unsere natürliche Umwelt durch lebensvernichtendes Menschenwerk schwindet. Diese "wissenschaftliche Forschung" wird uns immer weniger die Orientierung geben, die wir einst durch eine intakte natürliche Umwelt hatten!
All my what. "Missachtung der natürlichen Vorgänge" - 'natürlich' ist immer ein tolles Wort, das wird gerne dann gebraucht, wenn man rein gar nix erklären will und kann. Hauptsache irgendwie wohlfühl-gut. Und was bitte für ne Orientierung durch "eine intakte natürliche Umwelt" (auch wieder mit 'natürlich' drin!)? Wenn sie unter Orientierungslosigkeit leiden, gehen sie zum Arzt.
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