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Knoblauch-Zwiebel-Salbe: Rezeptur aus dem Mittelalter tötet Superbakterien

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Mittelalterliche Antibiotika: Man nehme Knoblauch, Wein und Ochsengalle Fotos
University of Nottingham

Wirkt eine mittelalterliche Augensalbe wie ein Antibiotikum? Eine Historikerin und Mikrobiologen haben sich zu einer ungewöhnlichen Allianz zusammengeschlossen, um die Wirkung an gefährlichen Supererregern zu testen.

Man nehme Knoblauch und Zwiebeln und gebe diese mit Wein und Ochsengalle in einen Kessel aus Messing, lasse die Mixtur neun Tage lang ruhen und filtere das Gebräu am Ende durch ein Tuch. Fertig ist die Salbe. Am Abend mit einer Feder aufgestrichen, soll sie bei Augenentzündungen helfen. So steht es in Bald's Leechbook, einer altenglischen medizinischen Handschrift aus dem 10. Jahrhundert.

Doch vielleicht steckt noch viel mehr in dieser angelsächsischen Rezeptur, berichtet Christina Lee, Professorin für angelsächsische und Wikinger-Studien an der University of Nottingham. Erste Tests ließen vermuten, dass die mittelalterliche Salbe multiresistente Staphylococcus aureus (MRSA) abtötet - jene Bakterienstämme, gegen die beinah sämtliche verfügbaren Antibiotika wirkungslos sind. Weitere Untersuchungen an Mäusen an der US-amerikanischen Texas Tech University verliefen ebenfalls vielversprechend: "Dieses antike Mittel funktionierte genauso gut, wenn nicht sogar besser, als herkömmliche Antibiotika", berichten die Mikrobiologen.

Die Ergebnisse stellten sie auf der Jahreskonferenz der Society for General Microbiology in Birmingham vor. Ein Forschungsantrag für Folgestudien ist bereits gestellt.

Überraschung aus dem Kuperkessel

Es begann damit, dass Historikerin Lee sich mit ihren Kollegen, den Mikrobiologen Freya Harrison und Steve Diggle, unterhielt. Diggle hatte von dieser Augensalbe gehört und fragte sich: Wie wirksam könnte dieses Zeug wohl sein? "Das Problem ist, dass die angelsächsischen Rezepte keine Mengenangaben enthalten", erzählt Lee. "Wir mussten also schätzen." Die Forscher stellten sich an die Kochtöpfe und brauten vier separate Versuchsmixturen mit jeweils frischen Zutaten. Zusätzlich kochten sie zum Vergleich eine Variante ohne Gemüse.

Für den Test züchteten sie das Bakterium Staphylococcus aureus in Petrischalen - und behandelten auch Mäuse mit infizierten Wunden. Setzten sie die Bakterien nur einzelnen Zutaten aus - also Knoblauch, Zwiebeln, Wein oder Ochsengalle allein - passierte nichts. Erst wenn die im Messingkessel aufgekochte Mischung aufgetragen wurde, ließen sich die Staphylococcus-Populationen fast komplett auslöschen. Nur etwa eines von tausend Bakterien soll die Behandlung überlebt haben.

Wirkung nur in der Petrischale?

Selbst verdünnt half die altenglische Knoblauch-Lösung. Dann reichte die Wirkung zwar nicht mehr aus, um die Bakterien zu töten. Aber sie störte die Kommunikation zwischen ihnen und verhinderte so, dass die Infektion sich weiter ausbreiten konnte. Das erstaunte die Mikrobiologen. In einer Pressemitteilung der Universität gibt Studienleiterin Harrison zu: "Wir waren absolut überrascht, wie effektiv diese Wirkstoffkombination ist."

Vor Beginn ihrer Tests hatten sie zwar die Hoffnung, dass das Gemisch einen Effekt hat, denn Kupfer und Gallensalze können bekanntermaßen Bakterien abtöten. Und die antibakterielle Wirkung von Knoblauchgewächsen ist mindestens schon seit der Antike bekannt. Was die Professorinnen dann aber beobachteten, übertraf ihre Erwartungen bei Weitem.

Ob damit aber tatsächlich ein Wundermittel gegen die gefährlichen Krankenhauskeime gefunden ist, muss sich erst noch zeigen. "Ob so etwas in einer Petrischale funktioniert oder im menschlichen Körper, das sind zwei sehr unterschiedliche Sachen", mahnt Marc Stadler vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung.

Schnitzereien im Dolch

"Die einzelnen Zutaten sind ja schon lange bekannte Breitbandspektrum-Antibiotika", sagt er. Aber sie wirkten zum Teil auch unspezifisch, und die seit Jahrzehnten bekannten antibiotisch aktiven Inhaltstoffe von Knoblauch und Zwiebeln seien eben nicht besonders stabil. Daraus ein haltbares Arzneimittel herzustellen, das dann noch die klinische Prüfung besteht, ist laut Stadler "gar nicht so einfach".

Aber stecken in Bald's Leechbook vielleicht noch mehr Überraschungen? Schwer zu sagen, aber nicht alle Rezepte klingen so vielversprechend wie die Augensalbe. Hat beispielsweise ein Pferd Schmerzen, empfiehlt das Buch, man solle die Worte: "Gesegnet seien alle Werke des Herrn der Herrn" auf einen Dolchgriff ritzen. Denn die Ursache für die Schmerzen, mutmaßt der Verfasser des Werkes, könne das Unwesen einer Elfe sein.

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insgesamt 117 Beiträge
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1. Super Geschichte..
peteftw 10.04.2015
...wir haben vergessen, was die Natur alles an Substanzen bereithält. Und unsere technikverliebte Gesellschaft geht absolut fahrlässig mit der pharmazeutischen Erfahrung unserer frühen Vorfahren um. Wo immer möglich sollte man die aktuelle Schulmedizin zumindest ergänzen oder ggf. auch ersetzen mit Substanzen aus der Natur die oft (nicht immer) überraschend gut wirken und im Vergleich zu modernen Medikamenten kaum Nebenwirkungen haben (siehe z.B. auch Cannabis).
2. Bitte bis zum Ende lesen!
Bueckstueck 10.04.2015
Bevor die Jubelbuben gleich wieder die Altvorderen preisen: Nicht bloss bis zur Mitte lesen, sondern bis zum Schluss. Da ist nämlich ein Haken an der Sache.
3. Dieses antike Mittel funktionierte ... aus dem 10 Jahrhundert?
sikasuu 10.04.2015
Das heilende Wirkungen von Knoblauch und Zwiebeln seit der Antike (ca. Jahr unserer Zeitrechnung -1.000 bis 0 +- mehrere hundert Jahre) bekannt sind, steht ausser Zweifel und ist auch heute noch in der Volksmedizien, den Essgewohnheiten vieler südlicher Länder wieder zu finden. . Das aber das 10. Jahrhundert der "Antike" zugerechnet wird, tut weh. Mittelalter würde ich dort schreiben:-)) . Btw. Viele Substanzen, denen sich die heutige Phrama so rühmt, sind Extrakte bzw. Retortennachbauten von pflanzlichen Wirkstoffen, die seit Jahrhunderten bekannt sind.
4. mich stört die Überschrift des Artikels...
kdf 10.04.2015
hier wäre ein eingefügtees Wort wie "vielleicht" oder "möglicherweise" doch weniger irreführend gewesen.
5. @Angelika Franz, CvD, Chefredaktion
Lakritz 10.04.2015
Wie war das mit der Qualitätsoffensive des SPIEGEL, erst neulich vollmundig angekündigt? Und nun wird getitelt: "Rezeptur tötet Superbakterien", nur um dann später zu lesen, dass da noch überhaupt nix getestet oder gar bewiesen ist, es sich also lediglich um das Hirngespinst zweier Pauerwimmen handelt... So, und jetzt könnt Ihr in Eurem nächsten Artikel wieder herumweinen dass die Leser so garstig zu Euch sind, und das nur weil sie das ständige Lügen satt haben... Nicht wahr? Also, das gleiche wie immer. Außer Lügen nichts gewesen im SpON.
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