Bayer HealthCare Drückermethoden an der Praxistür

Beeinflussung per Post: Der Pharmahersteller Bayer wirbt mit Infobriefen an Ärzte für sein neues Schlaganfallmittel. Ganz nebenbei enthält die Sendung auch ein Muster der Pille. Das ist laut Gesetz eigentlich verboten - der Konzern will das mit einem Trick unterlaufen.

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Kommt im Lila-Laune-Paket: Der Blutverdünner Xarelto von Bayer HealthCare
AP/ Janssen Pharmaceuticals

Kommt im Lila-Laune-Paket: Der Blutverdünner Xarelto von Bayer HealthCare


Florian Schumacher staunte nicht schlecht, als der Paketbote ihm eine lilafarbene Sendung unter die Nase hielt. Die Lieferung hatte DIN-A4-Größe und war rund drei Zentimeter dick. "Informationen zu dem neuen Bayer-Blutverdünner sollten drin stecken", sagt der Allgemeinmediziner aus Nürnberg. Erst als er den Empfang quittieren sollte, stellte Schumacher fest: Das Info-Paket war eigentlich eine Mustersendung. Mit der Post des Pharmakonzerns Bayer hatte er also ein Probe von "Xarelto" erhalten. Xarelto ist der neue Hoffnungsträger des Konzerns aus Leverkusen, der mit dem Blutverdünner auf einen Milliardenumsatz hofft.

Schumacher verweigerte die Annahme des Lila-Laune-Pakets. Mustersendungen an Ärzte werden streng kontrolliert, galten sie doch früher als einfacher Weg für Pharmakonzerne, ihre Innovationen in die Arztpraxen zu bringen. Das Verfahren wurde erstmals in den achtziger Jahren im Arzneimittelgesetz (AMG) neu geregelt. Eine Zusendung ist nur erlaubt, wenn der Arzt das Muster vorher schriftlich angefordert hat. So steht es in Paragraph 47 des AMG.

Nicht nur Florian Schumacher fragte sich nun: Ist ein solches Vorgehen von Seiten der Firma Bayer rechtens? Kann eine Quittung des Empfangs gleichzeitig als Aufforderung einer Lieferung gewertet werden? Auch der pharmakritischen Zeitschrift "arznei-telegramm" (at) wurde der Eingang eines lila Pakets aus Leverkusen berichtet. Der betroffene Arzt, Mitglied der Initiative Mein Essen zahl' ich selbst (MEZIS), ärgere sich besonders, dass er erst im Nachhinein bemerkt habe, dass ihm mit dem Päckchen als "Neuigkeit" ein Xarelto-Muster untergeschoben wurde, berichtet at.

Mit Muster auf der Fußmatte

Bei Bayer kann man die Kritik nicht nachvollziehen. Das Gesetz verlange zwar die schriftliche Aufforderung zur Mustersendung, lasse aber offen, wie diese "Anforderung" durch den Arzt im Einzelfall auszusehen habe, sagt Sprecher Wilhelm Schäfers. "Aus unserer Sicht wird diese Voraussetzung vollumfänglich erfüllt. Der Arzt entscheidet nämlich frei und unabhängig, ob er das Muster haben möchte oder nicht. Außerdem sei es üblich und anerkannt, dass Unterschriften auf solchen "Musteranforderungsformularen" erfolgen. Solche Formulare würden auch im Rahmen von Außendienstbesuchen verwendet.

So eindeutig gesetzeskonform wie Bayer erklärt, scheint die Praxis des Leverkusener Konzerns aber nicht zu sein. Es sei ein "Graubereich", sagt Holger Diener, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) . Gegründet von allen großen Pharmaunternehmen, die in Deutschland tätig sind, soll der FSA die Einhaltung ethischer Grundsätze in der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie kontrollieren und bei Verstößen gegen den Kodex auch reagieren. Bislang wird dem FSA allerdings lediglich eine Feigenblattfunktion nachgesagt. Wirklich kritisch war der Verein nicht mit seinen Mitgliedern.

Doch Geschäftsführer Diener will sich um den Fall Bayer kümmern. Ob es reicht, dass eine "schriftliche Aufforderung" attestiert wird, wenn der Paketbote schon mit dem Musterpaket auf der Fußmatte steht, müsse genauer geprüft werden. Der FSA hat in dieser Sache ein Beanstandungsverfahren eingeleitet. Die Schiedsstelle wird prüfen, ob die Musterabgabe zulässig ist.

Auch das "arznei-telegramm" hat derweil Anzeige bei der zuständigen Landesbehörde eingereicht: "Eine Muster-'Anforderung' per Quittungszettel bei Lieferung erachten wir als untergeschobene Anforderung, die nicht vom Arzt initiiert wurde. Nach unserer Einschätzung wird hier versucht, die rechtlichen Vorgaben zu unterlaufen." Dennoch gehe Bayer kein besonders hohes Risiko mit dieser Geschäftspraxis ein. Es droht allenfalls Bußgeld.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
pförtner 18.01.2012
1. Ist ihr Arzt auch gesponsert?
Wäre doch auch ein schönes Thema, gesponserte Ärzte von der Pharmaindustrie
ReneMeinhardt 18.01.2012
2. Mit diesen Pharmafirmen
wird es immer dreister. Bayer adé!
wolfi55 18.01.2012
3. Methoden wie im Drogengeschäft üblich
Das sind Methoden, wie man sie vom illegaslen Drogengeschäft kennt. Anfüttern nennt man das dort. Ist ja auch kein Wunder, die einen handeln mit illegalen Drogen, die anderen mit legalen. Die Methoden und Gewinnspannen sind ja nicht wirklich unterschiedlich. Im Medizinbereich läuft vieles und im Pharmabereich nicht weniger.
Anvil2k8 18.01.2012
4. Sicher das es kein Smartie war?
Bitte Spiegel et al, einfach auch mal die kirche im dorf lassen! denn was soll ich als arzt mit einer einzigen pille anfangen, anschauen und in erleuchtung gar eine therapie einleiten? es gibt doch wohl wesentlich schlimmere praktiken dieses oder anderen pharmakonzerne an denen man einen artikel nicht so verschwendet haette!
Toastor 18.01.2012
5. - zensiert -
Wo ist der Skandal? Ob nun ein Vertreter mit der Pille vorbeikommt oder aber der Postbote, das macht doch nicht wirklich einen Unterschied. Dabei hätte der Artikel süffisant nach dem Sinn und der Ethik des Musters an sich fragen können. Denn was macht ein Arzt überhaupt mit so einem Muster, um sich von der Qualität des Präparats zu überzeugen? Angucken? Selber essen? Heimlich einem Patienten unterjubeln? ...
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