AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2017

Arzneimittelrisiken Verstehen Sie den Beipackzettel?

Ulkige Faltung, Miniaturschrift, kryptische Formulierungen: Packungsbeilagen verstören die Patienten - statt sie zu informieren. Das ist gefährlich.

Welche Nebenwirkungen haben die Medikamente?
DPA

Welche Nebenwirkungen haben die Medikamente?


Die Tabletten wirken, unter anderem, gegen "Brucellose, Ornithose, Bartonellose, Rickettsiose, Melioidose, Pest". Doch welcher Patient, dem das Antibiotikum Doxycyclin 100 beispielsweise bei einer Bronchitis verschrieben wurde, kann mit derlei gruselig klingenden Seuchen etwas anfangen? Pest? War die nicht schon ausgerottet?

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Heft 28/2017
Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Genuss

Wer nicht gerade an Fleckfieber (Rickettsiose), Papageienkrankheit (einer Form der Ornithose) oder eben an Pest leidet, für den tut es auch ein Überbegriff für die abseitigeren Anwendungsgebiete des Medikaments: "seltene Infektionen".

So sieht das Thorsten Lehr, Klinischer Pharmazeut an der Universität des Saarlandes. Lehr und seine Studenten haben Beipackzettel von häufig verordneten Medikamenten gestrafft, von Fachbegriffen befreit und dann in Apotheken in und um Saarbrücken getestet, ob Patienten mit der knappen Form mehr anfangen können als mit den herkömmlichen Episteln.

Das Ergebnis, wenig überraschend: Versorgt mit schlichterer Information, kamen die Befragten schneller und verlässlicher dahinter, was der Hersteller ihnen mitteilen wollte.

Beipackzettel werden in Minischrift auf hauchdünnem Papier gedruckt, das sonst gern für Bibeln und Gesangbücher verwendet wird, gepresst auf ein Maß, das kaum jemand nach dem Entfalten elegant zurück in die Packung zu friemeln vermag, und weitgehend abgefasst in fremdwortsattem Ärztesprech: Die Risiken und Nebenwirkungen der Packungsbeilage, mahnen Experten, seien ein unterschätztes Problem im Gesundheitswesen.

"Der Beipackzettel muss endlich verständlicher werden", sagt Peter Liese, Mediziner und Sprecher im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit im Europäischen Parlament. Im März legte die EU-Kommission einen Bericht vor, aus dem klar hervorging, dass Leser den Inhalt der Beipackzettel nur schwer begreifen können; der Umgang mit ihnen sei kompliziert. Konkrete Handlungsanweisungen haben die Autoren indes nicht formuliert, sie wollen erst noch weiterforschen.

"Das ist sehr enttäuschend", findet Parlamentarier Liese - zumal der Bericht vier Jahre zu spät gekommen sei. Eigentlich hätte die EU-Kommission eine entsprechende Analyse bis spätestens 2013 vorlegen sollen. "Aus meiner Erfahrung als Arzt weiß ich, dass viele Patienten den Beipackzettel nicht lesen, da er ihnen zu kompliziert ist", so Liese. Und von den Leuten, die ihn läsen, sagt er, werfe manch einer nach der Lektüre aus Angst das Medikament in den Müll.

Eine weitere Gruppe, das haben Wissenschaftler in verschiedenen Studien nachgewiesen, fürchtet sich vor den aufgelisteten Nebenwirkungen mit solcher Inbrunst, dass allein deswegen unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten - Noceboeffekt nennen Mediziner diese sich selbst erfüllende Prophezeiung; die negative Form also der heilkräftigen Placebowirkung.

Lieber als auf dem bedruckten Papier, lieber auch als beim Arzt oder Apotheker, das berichten John Tooke und Kollegen von der britischen Academy of Medical Sciences, informierten sich zwei Drittel der Patienten im Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis. Nur ein Drittel traue wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. "Das liegt auch daran, dass die Beipackzettel so unverständlich sind", so Tooke. Zudem listeten diese vor allem die unangenehmen Effekte der Medizin auf - statt deren erwünschte Wirkung hervorzuheben.

"50 Prozent der Patienten nehmen die Arznei nicht ansatzweise so, wie sie sollen", sagt auch der Saarbrücker Forscher Lehr. Besonders ältere Menschen kapitulieren vor der Informationsflut - und schlucken ihre Pillen zur falschen Tageszeit oder kombiniert mit anderen Mitteln, die die Wirkung stören oder verstärken; andere setzen sie eigenmächtig ab.

Der Beipackzettel soll eben mehr leisten als eine Gebrauchsanweisung; das ist sein Problem. So dient er zusätzlich als juristische Absicherung, indem nämlich die Pharmafirmen jede noch so unwahrscheinliche Nebenwirkung auflisten. Und: Alle Beipackzettel sollten einem von der Europäischen Arzneimittel-Agentur festgelegten Muster entsprechen.

Pharmazeut Lehr hat Patienteninformationen einem Verständlichkeitstest unterzogen - dabei kamen viele auf einen Wert, den sonst Dissertationen erreichen. Und druckte man den Text in Zwölf-Punkt-Schrift auf DIN A4, sagt Barbara Keck von der Arbeitsgemeinschaft Beipackzettel, wären sie locker zehn Seiten lang. "Wer einen Beipackzettel durchlesen will", so die Psychologin, "braucht dafür rund eine Stunde."

Jan Vismann / DER SPIEGEL

Was tun? Thorsten Lehr hat bewiesen, dass sich die Informationen vereinfachen lassen, ohne dass Vorgaben und Gesetze verändert werden. "Fremdwörter können vermieden, wichtige Informationen hervorgehoben werden", sagt er.

Nicht nur bei den Patiententests in Apotheken, auch beim Verständlichkeitscheck schnitten seine neu getexteten Beipackzettel besser ab als die Vergleichsinfos - wie viel besser, will Lehr nun in einer größeren Studie untersuchen.

Initiativen wie die AG Beipackzettel, in der Senioren- und Patientenorganisationen sowie einige Pharmafirmen zusammenarbeiten, fordern vor allem klare Sätze. So lautet etwa eine Formulierung auf Beipackzettelisch: "Nehmen Sie das Medikament mit ausreichend Flüssigkeit ein." Warum, fragt Psychologin Keck, stehe da nicht einfach: "Trinken Sie ein Glas Wasser dazu"? Denn so manche Pille verliert flugs an Wirkung, wenn man sie mit heißem Kaffee hinunterspült. Und wer weiß, welch unheilvolle Nebenwirkung die Kaffeekombi zu entfalten vermag.



insgesamt 3 Beiträge
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kurierdeswissens 08.09.2017
1. Verstehen Sie Beipackzettel?
Verstehen sie Beipackzettel? Ich ja und Sie? Es ist doch ganz einfach, ein Medikament hat oft, aber nicht immer, eine Wirkung die es haben soll und unzählige Nebenwirkungen, die früher oder Später zu weiteren Erkrankungen bzw. zu unserem Ableben führen. Davor wird ja auch im Beipackzettel ganz offen gewarnt, aber dieses geht uns ja am Allerwertesten vorbei. Wer gegen Magenbeschwerden z.B. Protonenpumpenhemmer (PPI´s) einnimmt, der wird als positive Wirkung sehr kurzfristig feststellen, dass die Säure den Magen nicht mehr malträtiert. Kurzfristige Nebenwirkungen, die auf dem Beipackzettel vermerkt sind oder nicht, sind aber eher selten, diese treten eher langfristig ein. Warum? Menschen mit Verstand und guten Absichten würden die den Magen schädigende Säure mit Basen bekämpfen, sie also neutralisieren. Nicht so die PPI`s, diese sorgen dafür dass die Säure (H), die unsere Magenzellen normalerweise aus dem Blut beziehen, dieses durch den Einsatz bestimmter Enzyme, nicht mehr tun. Der Magen hat hierdurch weniger Säure was als Wirkung ja erwünscht ist und alle sind zufrieden. Alle? Mit NICHTEN, denn ein Magen sorgt ja nicht nur mit u.A. der Salzsäure für den Verdauungsvorgang, sondern indem er die Säure aus dem Blut zieht auch neben vielen anderen Faktoren für eine Blut-Entsäuerung. Dieser Vorgang ist für uns Lebenswichtig, denn ein übersäuertes Blut führt nicht nur zu jeder Art von Erkrankungen sondern auch zu unserem Ableben, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden. Die PPI´s schalten somit, diesen für unser Leben und unsere Gesundheit äußerst wichtigen Vorgang aus und somit alle möglichen Nebenwirkungen an. Das kommt der Pharmaindustrie sicher nicht ungelegen wenn ein Medikament unzählige andere Erkrankungen verursacht, die dann wieder zur neuen Medikationen führen. Durch Druck auf die Politik ist es der Pharmaindustrie gelungen die Verschreibungspflicht der PPI`s aufzuheben und diese sind nun frei in den Apotheken erhältlich. Eine Studie (JAMA) die über mehr als 10 Jahre in England durchgeführt und der Uni JAMA in Amerika durchgeführt wurde ergab etwas beachtliches aber ohne Erklärungsansatz. Patientenca.13% die PPI`s mehrere Jahre einnahmen litten vermehrt an Hüftbrüchen, als Folge einer Osteoporose. Diese Entkalzinierung der Knochen erfolgt ausschließlich durch Säure, weil unser Organismus versucht mit der Base Kalzium aus den Knochen, den Blut-pH wieder anzuheben, um unser Leben zu erhalten. Andere Auffälligkeiten sind in der JAMA-Studie nicht aufgefallen, weil es eben nicht so auffällig ist wenn nicht gerade 20% der Probanden sterben, Krebs bekommen oder Diabetiker werden. Jede Krankheit lässt sich ursächlich auf die Blut-pH-Werte zurück führen. Gicht z.B. auf die Harnsäure, Diabetes auf die Milchsäure usw., usw.! Natürlich auch Krebs, Demenz, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
querulant_99 08.09.2017
2. Verstehen Sie den Beipackzettel?
Ja, aber bei meinem Hausarzt bin ich mir nicht ganz so sicher. Da fragt man sich bei manchenl verschriebenen Medikamenten, ob er den Beipackzettel wirklich gelesen und verstanden und mit der Patientenakte quergechekt hat.
Lord Menial 08.09.2017
3. Nein, tust du nicht
Zitat von kurierdeswissensVerstehen sie Beipackzettel? Ich ja und Sie? Es ist doch ganz einfach, ein Medikament hat oft, aber nicht immer, eine Wirkung die es haben soll und unzählige Nebenwirkungen, die früher oder Später zu weiteren Erkrankungen bzw. zu unserem Ableben führen. Davor wird ja auch im Beipackzettel ganz offen gewarnt, aber dieses geht uns ja am Allerwertesten vorbei. Wer gegen Magenbeschwerden z.B. Protonenpumpenhemmer (PPI´s) einnimmt, der wird als positive Wirkung sehr kurzfristig feststellen, dass die Säure den Magen nicht mehr malträtiert. Kurzfristige Nebenwirkungen, die auf dem Beipackzettel vermerkt sind oder nicht, sind aber eher selten, diese treten eher langfristig ein. Warum? Menschen mit Verstand und guten Absichten würden die den Magen schädigende Säure mit Basen bekämpfen, sie also neutralisieren. Nicht so die PPI`s, diese sorgen dafür dass die Säure (H), die unsere Magenzellen normalerweise aus dem Blut beziehen, dieses durch den Einsatz bestimmter Enzyme, nicht mehr tun. Der Magen hat hierdurch weniger Säure was als Wirkung ja erwünscht ist und alle sind zufrieden. Alle? Mit NICHTEN, denn ein Magen sorgt ja nicht nur mit u.A. der Salzsäure für den Verdauungsvorgang, sondern indem er die Säure aus dem Blut zieht auch neben vielen anderen Faktoren für eine Blut-Entsäuerung. Dieser Vorgang ist für uns Lebenswichtig, denn ein übersäuertes Blut führt nicht nur zu jeder Art von Erkrankungen sondern auch zu unserem Ableben, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden. Die PPI´s schalten somit, diesen für unser Leben und unsere Gesundheit äußerst wichtigen Vorgang aus und somit alle möglichen Nebenwirkungen an. Das kommt der Pharmaindustrie sicher nicht ungelegen wenn ein Medikament unzählige andere Erkrankungen verursacht, die dann wieder zur neuen Medikationen führen. Durch Druck auf die Politik ist es der Pharmaindustrie gelungen die Verschreibungspflicht der PPI`s aufzuheben und diese sind nun frei in den Apotheken erhältlich. Eine Studie (JAMA) die über mehr als 10 Jahre in England durchgeführt und der Uni JAMA in Amerika durchgeführt wurde ergab etwas beachtliches aber ohne Erklärungsansatz. Patientenca.13% die PPI`s mehrere Jahre einnahmen litten vermehrt an Hüftbrüchen, als Folge einer Osteoporose. Diese Entkalzinierung der Knochen erfolgt ausschließlich durch Säure, weil unser Organismus versucht mit der Base Kalzium aus den Knochen, den Blut-pH wieder anzuheben, um unser Leben zu erhalten. Andere Auffälligkeiten sind in der JAMA-Studie nicht aufgefallen, weil es eben nicht so auffällig ist wenn nicht gerade 20% der Probanden sterben, Krebs bekommen oder Diabetiker werden. Jede Krankheit lässt sich ursächlich auf die Blut-pH-Werte zurück führen. Gicht z.B. auf die Harnsäure, Diabetes auf die Milchsäure usw., usw.! Natürlich auch Krebs, Demenz, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Dieser ganze krude Quatsch über die angebliche "Ent-" und "Übersäuerung" des Blutes ist okkultistischer Unfug aus der Gruselkiste der Esoterikpseudogesundheitsindustrie. Die Behauptung, daß die Bildung der Magensäure das Blut "entsäuere", ist physiologischer Unsinn 1. Klasse. Es gibt dadurch auch keine "Entkalzinieurng der Knochen", weil der Effekt gar nicht existiert. Und Kalzium aus den Knochen ist auch KEINE BASE. Calciumionen haben KEINE Wirkung auf den ph-Wert des Blutes. Die Unsinnsbehauptung "Jede Krankheit lässt sich ursächlich auf die Blut-pH-Werte zurück führen." setzt der Sache den Hut auf, oder besser gesagt die Narrenkappe. Du glaubst also, daß du Beipackzettel verstehst? Der pseudophysiologische Totalunsinn, den du zum Besten gibst, beweist, daß es sich nur um Selbstbetrug handelt. Wenn man solchen Megaquatsch zusammenphantasiert, sollte man es wenigstens für sich behalten.
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