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Bezahlte Forschung: Mediziner werfen Pharmafirmen Manipulation von Studien vor

Schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie: Medikamentenhersteller nutzen laut Forschern ihren finanziellen Einfluss, um Arzneimittelstudien zu verzerren. Zu diesem Ergebnis kommen die Mediziner nach einer Analyse Dutzender Studien. Ihre Forderung: Sicherheit soll vor Umsatz gehen.

Tabletten: Geld beeinflusst medizinische Studien Zur Großansicht
dpa

Tabletten: Geld beeinflusst medizinische Studien

Die Pharmaindustrie steckt viel Geld in die Forschung. Damit werde nicht nur die Forschung gefördert, monieren Kritiker schon lange: Immer wieder würden Studienergebnisse durch Geldgeber beeinflusst. 2007 etwa wurde bekannt, dass Brustkrebs-Arzneitests negativer ausfallen, wenn kein Geld von Medikamentenhersteller im Spiel ist. 2009 fiel die US-Pharmafirma Wyeth damit auf, dass sie geschönte Studien von Ghostwritern verfassen ließ. Der Wissenschaftsverlag Elsevier hatte sogar ganze Fachblätter im Auftrag von Arzneimittelherstellern veröffentlicht, bei denen es sich eher um nicht gekennzeichnete Werbebroschüren handelte.

Jetzt nimmt das "Deutsche Ärzteblatt" die Industrie ins Visier. Ein sechsköpfiges Team um Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hat 57 in Fachblättern publizierte Studien unter die Lupe genommen. Das Fazit: "Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden, oder bei deren Autoren ein finanzieller Interessenkonflikt vorliegt, ergeben häufiger ein für die Pharmafirma vorteilhaftes Ergebnis."

Das liegt nach Meinung der Forscher nicht nur an der weitverbreiteten Praxis von Pharmaunternehmen, Auftragsstudien mit missliebigen Ergebnissen gar nicht erst zu veröffentlichen. Selbst die Ergebnisse publizierter Studien würden "öfter zugunsten des Sponsors interpretiert" - obwohl ihre methodische Qualität nicht schlechter sei als die von unabhängig finanzierten Untersuchungen. "Es zeigten sich Hinweise, dass pharmazeutische Unternehmen das Studienprotokoll zu ihren Gunsten beeinflussen", urteilen die Wissenschaftler im "Ärzteblatt".

In einem begleitenden Kommentar schreibt der Regensburger Sozialmediziner David Klemperer von "Manipulationstechniken" der Pharmaindustrie. Ergebnisse, die "der Vermarktung einer Substanz hinderlich sein könnten", würden verschwiegen, negative oder nicht eindeutige Ergebnisse in positive uminterpretiert.

"Pharmazeutische Firmen lassen somit Ärzte und Patienten häufig über die wahren Wirkungen ihrer Produkte im Unklaren", schreibt Klemperer. Ärzte würden so unwissentlich ihre Patienten gefährden. Die Bundesärztekammer sollte aufgrund der aktuellen Studie konkrete Forderungen an die Politik richten - "damit zum Schutze unserer Patienten die Evidenz über das Marketing siegt und Sicherheit vor Umsatz geht".

mbe

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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1. Wen wundert das denn?
maipiu 21.04.2010
Soll das jetzt eine Neuigkeit sein? Es ist doch schon lange bekannt, was in dieser Branche läuft. Man ist sich ja auch nicht zu schade, mal eben ein paar Krankheiten zu erfinden, um bestimmte Medikamente besser verkaufen zu können. Oder wie erklärt man die wahnsinnige Steigerung des Absatzes von Ritalin in den letzten 10 Jahren?
2. Schade,
frank_lloyd_right 21.04.2010
Zitat von maipiuSoll das jetzt eine Neuigkeit sein? Es ist doch schon lange bekannt, was in dieser Branche läuft. Man ist sich ja auch nicht zu schade, mal eben ein paar Krankheiten zu erfinden, um bestimmte Medikamente besser verkaufen zu können. Oder wie erklärt man die wahnsinnige Steigerung des Absatzes von Ritalin in den letzten 10 Jahren?
...das wollt ich gerade schreiben - aber Sie waren mal wieder schneller. Und es ist nicht nur Ritalin, es ist alles, was die Leute ruhigstellt - irgendwann kriegen wir gar nicht mehr mit, wenn sie uns jeden Tag dieselben Artikel vorsetzen. Ein jeder sei kritisch, wenn sein Hausarzt ihm erzählt, daß Depressionen bei Erwachsenen und Aggressionen bei Kindern ständig zunähmen - das Antidepressivum für Pappi und das Ritalin für Sohnemann sollte man sich lieber stecken, es ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll (ich meine jetzt, für den, der es nimmt - wer die Wirtschaft fördern will, sollte natürlich zugreifen).
3. das größere Problem sind veröffentlichungsorientierte Ärzte
thokel, 21.04.2010
Meiner persönlichen Erfahrung nach (aber das mag sehr punktuell sein) sind das größere Problem Ärzte an Unis, die auf Teufel komm raus gute und hochrangige Publikationen schreiben wollen/müssen. Und das lässt such nun mal besser mit erfolgreichen als mit erfolglosen Studienergebnissen erreichen. So werden dann z.B. die erfolgreichen Seiten einer Studie (Subgruppenanalysen) herausgekehrt, oder die Studienpopulationen geeignet zusammengestellt. Habe selbst erlebt, wie Ärzte (sog. Meinungsführer, auf die Pharmafirmen durchaus angewiesen sind) einer Pharmafirma Druck gemacht haben, ein nichtsignifikantes Ergebnis durch Einschließen/Auschließen einiger "nichtpassender" Patienten geeignet umzuwandeln, so dass es signifikant wird (Dabei selbst nicht begreifend, dass nicht die Signifikanz, sondern die Effektgröße das entscheidende Ergebnis ist). Erfolglos in diesem Fall. Es passierte also genau das Gegenteil des häufig vorhandenen allgemeinen Eindrucks. Meiner Erfahrung (aber wie gesagt, rein persönliche Erfahrung) nach steht die Pharmaindustrie mittelweile unter einem starken Druck, methodisch sauber Studien zu planen, durchzuführen und zu publizieren. Alle großen Studien werden offengelegt (clinicaltrial.org), und im Studienprotokoll steht die Verpflichtung, auch im negativen Fall zu veröffentlichen. etc. etc. Besagter Artikel steht in keinem Widerspruch zu meinen natürlich eigenen (natürlich begrenzten)Erfahrungen, allerdings sind die Schuldigen aus meiner Sicht nicht einseitig bei den Pharmafirmen zu suchen.
4. Es verwundert immer wieder,...
boriswieting 21.04.2010
...dass alle ganz furchtbar überrascht sind, dass natürlich auch ein Pharmaunternehmen ganz gewöhnlichen kapitalistischen Vermarktungsgesetzen gehorcht und dazu gehört eben auch, dass die Produkte "in ein gutes Licht gerückt werden". Ich bin natürlich sehr dafür, diese Praxis GENERELL in allen Branchen stärker zu hinterfragen oder meinetwegen auch, übergeordnet "das System," und gewisse kapitalistische Prinzipien in Frage zu stellen. Da wo Manipulation von Information stattgefunden hat, muss diese transparent gemacht werden und solche Machenschaften verurteilt werden - egal in welcher Branche. Was mich allerdings zunehmend nervt, ist die Einseitigkeit in der Darstellung, die dazu führt, dass eine Industrie, die Produkte herstellt, die in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle unsere Gesundheit und unsere Aktivität verbessert, dermaßen diskreditiert wird. Und dass Produkte, die uns unsere Beweglichkeit, Schmerzfreiheit, Blutwerte im Normbereich, etc. zurückgeben und für deren Forschung sehr viel Geld ausgegeben wird dermaßen in der Kritik stehen (und ich habe den ganzen Bereich der Medizintechnik, der ebenfalls für immer bessere Geräte z.B. im diagnostischen Bereich sorgt, noch gar nicht erwähnt). Diejenigen, die jetzt aufschreien, berufen sich auf Ihre Arroganz der gesunden Jugendlichkeit, das ist leicht! Sollten sich aber erst einmal chronische Schmerzen, Infektionen, Bluthochdruck, etc, etc. einstellen, wünscht sich jeder, der klaren Geistes ist, natürlich ein Heilmittel, das seine Beschwerden möglichst nebenwirkungsarm lindert oder zum Verschwinden bringt. Und diese Beschwerden können sich eben auch bei gesunder Lebensweise oder ab einem gewissen Alter einstellen - auch wenn es niemand gerne wahrhaben will. Und dann tun viele immer so, als ob diese Hilfe für sie dann gefälligst umsonst vom Himmel zu fallen hat. Oder sie kaufen sich "was Pflanzliches", verkennen dabei aber, dass viele pflanzliche, "milde" Arzneimittel gar keinen Wirksamkeitsnachweis durch Studien führen müssen, da sie nicht verschreibungspflichtig sind . Gleichwohl verkennen sie ebenfalls die Tatsache, dass sich in einem Pflanzenauszug oftmals mehrere Tausend Einzelsubstanzen befinden, deren Wirkung und Nebenwirkungen natürlich viel schwieriger abzuschätzen sind (und die sich je nach Erntebedingungen auch stark ändern können), als dies bei einer definierten hochkontrollierten Einzelsubstanz der Fall ist. Es ist doch wirklich absurd, dass Industrieprodukte, die ganz eindeutig und unstrittig unsere Gesundheit schädigen (Alkohol, Zigaretten, versteckt zuckerhaltige und fette Produkte) in der öffentlichen Kritik nur ganz vereinzelt auftauchen. Viele Länder wären "heilfroh", wenn sie Zugang zu dieser Hightech-Medizin-Versorgung hätten, wie das in Nordeuropa immer noch der Fall ist. In diesem Sinne: Denkt bei eurem Gang in die nächste Apotheke an meine Worte, bleibt kritisch, aber eben auch gerecht und plappert nicht einfach irgenwelche momentanen Trends nach.
5.
jgb 21.04.2010
Das Internet hat für die Betroffenen mehr Fortschritte gebracht. Weil Informationen schneller und vorallem für viele erst überhaupt zugänglich werden. So wurde noch 2008 eine Aussage Neuroleptika, führen zu einem metabolischen Syndrom, Diabetes mellitus und plötzlichem Herztod abgebügelt. Siehe http://www.psychiatrie.de/data/pdf/1e/07/00/sp_122_26.pdf 2009 warnt die KV Bayern genau vor diesem Problem. http://www.kvb.de/fileadmin/data/dokumente/2_Praxis/Verordnungen/2.6.2_Blickpunkt/2009/KVB-090701-Unterschiede-zwischen-klassischen-und-atypischen-Neuroleptika-Ausgabe-24-Arzneimittel-im-Blickpunkt.pdf Die Dauermedikation mit Neuroleptika, die teilweise sehr teuer sind ist, obwohl diese lebensverkürzend sind seit Jahren Standard.
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