Bin-Laden-Gentests Gewissheit zu 99,9 Prozent

Es handle sich um einen "ziemlich sicheren Treffer": Um die letzten Zweifler zu überzeugen, haben die USA DNA-Tests der Bin-Laden-Leiche veröffentlicht - man habe mit höchster Wahrscheinlichkeit den Richtigen erwischt. Genproben zahlreicher Verwandter halfen dabei, rasch Gewissheit zu erlangen.

Von Cinthia Briseño

AFP

Alia Ghanem ist Mutter von fünf Kindern. Am 2. Mai 2011 verlor sie ihren ältesten Sohn. Er starb in einem Kugelhagel. Mit einem Kopfschuss streckten US-Elitesoldaten Qaida-Chef Osama Bin Laden nieder. Dies gilt als gesichert, denn inzwischen liegen die ersten Ergebnisse eines DNA-Vergleichs vor. Es handle sich um einen "ziemlich sicheren Treffer", hieß es aus US-Regierungskreisen. Man habe "mehrere Methoden" zur Identifizierung angewandt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent handle es sich bei dem Getöteten um den lange gesuchten Terroristen.

Schon im Februar hatte das Pentagon Bin Ladens Verwandte zur Kooperation aufgerufen und sie um DNA-Proben gebeten. Auslöser dieser ungewöhnlichen Bitte war ein Angriff einer US-Einheit auf eine al-Qaida-Hochburg im östlichen Afghanistan Anfang des Monats. Drei Menschen kamen durch den Drohnenangriff ums Leben. Einer davon, ein außergewöhnlich hochgewachsener Mann, soll dem gefürchteten Terrorchef sehr ähnlich gesehen haben. Der Vergleich seiner DNA mit der von Verwandten des Terrorchefs sollte ausschließen, dass es sich um Osama Bin Laden selbst gehandelt hatte.

Blutsverwandte von Osama Bin Laden gibt es viele: Mehr als 50 Halbbrüder und -schwestern verdankte Osama seinem leiblichen Vater, Mohammed Bin Laden. Sollte der Qaida-Chef getötet oder gefangengenommen werden, so kündigten es die USA bereits kurze Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 an, wolle man seine Identität mit Hilfe von Gentests beweisen. Dazu solle die DNA von Bin Laden mit der von in Europa und Asien lebenden Angehörigen verglichen werden. Schon damals hieß es, dass die US-Behörden Haar- und Speichelproben von Verwandten gesammelt hätten.

Eine Frage der richtigen Probe

An Vergleichsproben zur Identifizierung des Leichnams dürfte es den US-Laboren kaum mangeln. Ob die Behörden auch im Besitz von DNA-Proben Osama Bin Ladens selbst sind, ist bisher nicht bekannt. 2001 machten Gerüchte die Runde, Bin Laden habe sich vor den Anschlägen auf das World Trade Center in einem amerikanischen Krankenhaus in Dubai behandeln lassen. 2002 soll er in Pakistan eine Dialysebehandlung erhalten haben. Diese Berichte wurden jedoch nie bestätigt. Möglicherweise existieren also gelagerte Blutproben des Top-Terroristen. Sollte das Pentagon solche DNA-Proben haben, wäre es die einfachste Möglichkeit, die Identität des Leichnams eindeutig nachzuweisen.

Bei einer solchen Untersuchung der DNA werden bestimmte Bereiche des Erbguts entschlüsselt, die keinerlei genetische Information tragen. Diese sogenannten nichtcodierenden Sequenzen werden von der Zellmaschinerie nicht "abgelesen" und auch nicht als Bauplan für die lebenswichtigen Proteine genutzt. Welche Funktion sie haben, ist noch nicht vollständig geklärt. Für eine Identitätsbestimmung eignen sich diese nichtcodierenden Bereiche des menschlichen Genoms aber sehr gut.

Das Prinzip: Innerhalb der nichtcodierenden DNA gibt es Abschnitte, in denen sich kleine Einheiten aus zwei bis fünf DNA-Bausteinen einer bestimmten Reihenfolge nacheinander wiederholen. STR ("Short Tandem Repeats") heißen diese Sequenzabschnitte, wobei die Länge der Wiederholungsketten bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Anders gesagt: Die Anzahl der Wiederholungen der kurzen DNA-Blöcke variiert zwischen einzelnen Individuen.

Tausende solcher STR gibt es Schätzungen zufolge im menschlichen Erbgut, das aus insgesamt mehr als drei Milliarden DNA-Bausteinen besteht. Forscher kennen aber längst nicht alle STR. Um die sich wiederholenden DNA-Sequenzen im gesamten Erbgut zu finden, verwenden Forensiker ein hochpräzises Routineverfahren: Die sogenannte Polymerasekettenreaktion, kurz PCR, ist eine Art Kopiermaschine für einzeln ausgewählte DNA-Abschnitte. Mit Hilfe der PCR ist es möglich, sich bestimmte STR aus den über drei Milliarden DNA-Bausteinen herauszupicken und analysieren zu können. Winzige DNA-Mengen isoliert aus Haaren, Blut oder Speichel genügen, um diese Abschnitte zu vervielfältigen.

Unverwechselbare DNA-Profile

Insgesamt untersuchen Forensiker mehrere STR im Erbgut und erstellen daraus ein individuelles DNA-Identifizierungsmuster. Das Bundeskriminalamt etwa speichert in seinen Datenbanken über Verdächtige und Kriminelle die genetischen Muster anhand von acht verschiedenen STR. Die Zahl hinter dem jeweiligen STR verrät, wie oft sich die kurzen DNA-Sequenzen hintereinander wiederholen. Da in jeder Körperzelle, mit Ausnahme von Ei- und Spermazellen, ein doppelter DNA-Satz vorliegt, kommt somit jedes DNA-Stück zweimal pro Zelle vor. Deshalb erhält man bei der Analyse für jedes STR zwei Zahlenwerte.

Zwar kann jedes einzelne dieser acht STR-Zahlenpaare bei zwei verschiedenen Menschen gleich sein. Die Kombination aller untersuchten STR-Längen macht den genetischen Fingerabdruck aber unverwechselbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei zufällig ausgewählte Personen bei acht STR die gleiche DNA-Formel aufweisen, beträgt der Kombinatorik zufolge 1:60 Milliarden.

Um Verwandtschaftsverhältnisse mit Hilfe von STR-Profilen aufzuklären, ist es also nötig, eine größere Anzahl von STR-Bereichen zu untersuchen. "Im Fall von Osama Bin Laden eignen sich Proben seiner Halbbrüder am besten zum Vergleich", sagt Marion Nagy, forensische Genetikerin am Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Denn Bin Ladens Vater, der nicht mehr lebt, hat das Profil seines Y-Chromosoms nur an seine männliche Nachkommenschaft weitergegeben; Frauen besitzen dagegen kein Y-Chromosom.

Abstammungsgutachten sind letztlich eine Frage der Statistik und Kombinatorik: Man muss in geschickter Weise die richtigen STR sowohl aus den Geschlechtschromosomen (X/Y-Chromosom) sowie den restlichen Chromosomen wählen. Auf diese Weise lassen sich auch Halbgeschwisterschaften mit ausreichender statistischer Sicherheit feststellen. Zudem, so die Forensikerin Nagy, könne man die Identitätswahrscheinlichkeit erhöhen, wenn man die DNA-Probe von Bin Ladens Leichnam mit mehreren DNA-Proben von Halbgeschwistern vergleichen könne.

Forum - Der Tod Bin Ladens - ein nachhaltiger Schlag gegen den Terror?
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HansOch 02.05.2011
1. Bin Laden
na, da müsste die Welt ja friedlicher werden H.
woener 02.05.2011
2. Profile
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Es ist ein Name, was hinter diesem Namen alles verborgen ist, das wird verborgen bleiben. Der einzig authentische Zeuge ist tot. Selbst die SPD hat über Herrn Wiefelspütz schon vermelden lassen, dass die Gefahr noch nicht beseitigt ist und die "Terrorschutz - Notstandsgesetze" erhalten bleiben. Ob man in der CDU dann gleich zur umfassenden Einführung aller Notstandsgesetze greift? Die Bespitzelungsgesetze werden nun aber zur Bewährungsprobe für die FDP werden können, eine neue Chance zur Profilierung?
Greg84 02.05.2011
3.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
4. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission „Krieg gegen Terror“ zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
5. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
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