Bioterrorismus: Neues Supervirus ängstigt US-Regierung

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Ein Alptraum aus dem Labor: Forscher haben eine hochgefährliche Variante des Vogelgrippevirus gezüchtet, die sich so einfach verbreitet wie ein Schnupfen. Jetzt will die US-Regierung die Veröffentlichung der Experimentdaten unterbinden, um Terroristen keine Bauanleitung zu liefern.

Der reale Seuchen-Thriller: Forschen im Hochsicherheitslabor Fotos
AP

Hamburg - Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Menschheit vor dieser Entscheidung stehen würde: Ein Team um den niederländischen Virologen Ron Fouchier hat im Labor einen Grippeerreger geschaffen, vor dem Seuchenexperten immer wieder gewarnt hatten. Das Vogelgrippevirus ist vom Typ H5N1. Für Menschen ist es hochgefährlich. Im Gegensatz zu der natürlichen Variante könnte es sich aber wie ein banaler Schnupfen verbreiten - mit weit dramatischeren Folgen.

Die Frage lautet nun: Sollen die Daten dieses Experiments veröffentlicht werden? Oder ist das zu gefährlich, weil sie als Bauanleitung für eine tödliche Biowaffe missbraucht werden könnten?

Dazu hat das Gremium der US-Regierung für Biosicherheit (National Science Advisory Board for Biosecurity, NSABB) ein Urteil gefällt, das bisher beispiellos ist - und das zeigt, wie groß die Angst der Amerikaner vor einem biologischen Terrorangriff tatsächlich ist: Das NSABB hat Wissenschaftsmagazine dazu aufgefordert, bestimmte Details der Fouchier-Experimente nicht zu veröffentlichen.

Wie es nun in einer Erklärung des Journals "Science" heißt, habe das NSABB am 30. November die Herausgeber mündlich gebeten, bestimmte Teile aus dem Fachartikel zu streichen, bevor dieser veröffentlicht würde. Im Detail geht es dabei um die wissenschaftliche Methode sowie die Angabe der entsprechenden Mutationen im Erbgut des Virus.

Fouchier und sein Team vom Erasmus Medical Center in Rotterdam sowie Kollegen von der University of Wisconsin in Madison hatten herausgefunden, dass nur fünf Mutationen notwendig sind, um das Vogelgrippevirus H5N1 in einen Erreger zu verwandeln, der per Tröpfcheninfektion übertragbar wäre. Im September hatte Fouchier seine Ergebnisse erstmals öffentlich vorgestellt, auf einem internationalen Influenza-Kongress in Malta. Der Virologe benannte dabei auch klar das Gefahrenpotential seiner Entdeckung: "Das sind in der Tat sehr schlechte Nachrichten."

Neben den Herausgebern von "Science" sind auch die Verantwortlichen von "Nature" dazu aufgefordert, die Ergebnisse nicht bis ins letzte Detail zu veröffentlichen. "Science" hat inzwischen bestätigt, dass Fouchier ein entsprechendes Manuskript zur Veröffentlichung eingereicht habe. Zudem wird vermutet, dass die Forscher an der University of Wisconsin, geleitet von Yoshihiro Kawaoka, ein weiteres Manuskript bei "Nature" eingereicht haben.

Forscher klagen Recht auf Daten ein

In einer öffentlichen Stellungnahme sagte Bruce Alberts, Chefredakteur von "Science", man nehme die Befürchtung des NSABB sehr ernst, dass die Daten in die falschen Hände geraten könnten. Gleichzeitig habe man große Bedenken, die Daten zumindest gegenüber der Fachwelt zu unterdrücken. Virologen und Influenza-Forscher hätten ein Recht auf die Informationen, so Alberts. Von Zensur will er dennoch nicht sprechen, im Gegenteil: "Dieser Vorgang soll eine unangemessene Zensur zu verhindern", sagte er der "New York Times".

Die Wissenschaftsgemeinde müsse an dieser Stelle eine große Verantwortung übernehmen, so Alberts. "Die Ergebnisse zeigen, dass es viel leichter ist, das Virus in eine hochgefährliche Variante zu verwandeln, als man je zuvor gedacht hätte." Alberts zufolge ist der Vorgang ein Präzedenzfall. Dementsprechend werde man sich gut überlegen, wie jetzt zu verfahren sei - um sowohl die Öffentlichkeit vor Gefahren als auch das Fachinteresse der wissenschaftlichen Gemeinde zu schützen.

Andere Forscher sind der Ansicht, dass das Kind längst in den Brunnen gefallen ist und die Bemühungen des NSABB viel zu spät kommen. Richard Ebright, Molekularbiologe an der Rutgers University in Piscataway (US-Bundesstaat New Jersey) und Experte für Biowaffen sagte gegenüber "Nature News": "Es ist schlicht sinnlos über die Zurückhaltung der Ergebnisse zu diskutieren." Der Grund: Viele Wissenschaftler hätten bereits die Details dazu zu sehen bekommen, darunter auch die Gutachter der Publikation sowie jene Virologen, die an der Tagung in Malta teilgenommen haben. Die Ergebnisse hätten sich vermutlich längst verbreitet, so Ebright.

Es sei unausweichlich, sagen einige Wissenschaftler, dass bald andere Forscher an Fouchiers Tür klopfen werden, um weitere Experimente mit den im Labor gezüchteten Virus-Varianten durchzuführen. Innerhalb der Wissenschaft ist es üblich, dass Forscher ihre Proben nach der Veröffentlichung anderen zur Verfügung stellen, damit daran weitergeforscht werden kann.

Frage des Sicherheitsstandards

Die wichtigere Frage also könnte bald lauten: Darf Fouchier seine Virus-Mutanten anderen Labors abtreten? Und wenn ja, wie wird sichergestellt, dass jene Labors die dafür notwendigen Sicherheitsstandards erfüllen? Denn nur so könnte verhindert werden, dass das gefährliche Virus versehentlich einen Weg in die Freiheit findet - und sich dort unkontrolliert ausbreitet. Derzeit ist jedoch noch vollkommen unklar, was die angemessene Sicherheitsstufe für Experimente mit einem solchen Virus überhaupt wäre.

Fouchiers Experimente sind offenbar in einem Labor mit der Sicherheitsstufe 3 (BSL-3) ausgeführt worden. Möglicherweise müssten weitere Experimente unter den strengsten Laborauflagen der Stufe BSL-4 durchgeführt werden, sagen Experten. Solche Hochsicherheitslabors aber gibt es nur wenige weltweit, eine Einordnung in diese Kategorie könnte die Forschung behindern. Der nächste Streit in der Forschergemeinde scheint programmiert zu sein. In einem Artikel in "Nature News" sprechen sich bereits mehrere Experten für eine Erhöhung der Sicherheitsstufe aus. Fouchier und seine Kollegen in Madison halten sich bisher aus der Debatte heraus; sie sind für Journalisten nicht zu sprechen.

Fouchiers Forschungen haben auch durchaus Befürworter. Sie argumentieren damit, dass früher oder später ein solches Virus ohnehin in der Natur entstanden wäre. "Science" zufolge ist das gefährliche Labor-Virus gegenüber antiviralen Mitteln und bestimmten Impfstoffkandidaten empfindlich. Das Wissen darüber sei für die Suche nach geeigneten Impfstoffen essentiell.

Auch Thomas Mettenleiter, Deutschlands führender Tierseuchenexperte vom Friedrich-Loeffler-Institut hatte sich bereits positiv zu den Experimenten Fouchiers geäußert: "Die Aufklärung ist für eine fundierte Risikoanalyse wichtig", sagte Mettenleiter SPIEGEL ONLINE. "Daraus können auch Informationen für die Entwicklung von Impfstoffen gewonnen werden."

Bis "Science", "Nature", NSABB und andere Gremien eine Entscheidung gefällt haben, dürfte wohl noch eine Weile vergehen. Klar ist, dass es schwierig werden wird, die Details der Veröffentlichung gezielt nur an die "richtigen" Personen weiterzugeben.

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Spiegel = Bild 2.0?
mrblond1981 21.12.2011
Zitat von sysopEin Alptraum*aus dem*Labor: Forscher*haben eine*hochgefährliche*Variante des Vogelgrippevirus gezüchtet, die sich so einfach*verbreitet wie ein Schnupfen.*Jetzt will die US-Regierung die Veröffentlichung*der Experimentdaten unterbinden, um Terroristen keine Bauanleitung zu liefern. Bioterrorismus: Neues*Supervirus ängstigt US-Regierung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,805014,00.html)
Alleine schon der Titel ist der Brüller. Zumal ich mich frage, ob man mittlerweile solche derartigen Meldungen noch ernst nehmen kann. Es scheint mir der Spiegel verbreitet immer mehr solcher abstrusen Meldungen. Lieber SPON, könnt ihr dabei euch auch noch in den Spiegel sehen? Kleines Wortspiel ;-)
2. Das Institut für finale Problemlösungen
der_mündige_bürger 21.12.2011
Zitat von sysopEin Alptraum*aus dem*Labor: Forscher*haben eine*hochgefährliche*Variante des Vogelgrippevirus gezüchtet, die sich so einfach*verbreitet wie ein Schnupfen.*Jetzt will die US-Regierung die Veröffentlichung*der Experimentdaten unterbinden, um Terroristen keine Bauanleitung zu liefern. Bioterrorismus: Neues*Supervirus ängstigt US-Regierung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,805014,00.html)
ist auf dem Posten. Eine 'hochgefährliche Variante der Vogelgrippe, die sich so einfach verbreitet wie ein Schnupfen' ist genau das, was wir heute brauchen. Natürlich müssen die Daten geheim gehalten werden, sonst fällt womöglich das Gegenmittel in die falschen Hände ... Herzliche Grüße
3.
aaback 21.12.2011
Zitat von sysopEin Alptraum*aus dem*Labor: Forscher*haben eine*hochgefährliche*Variante des Vogelgrippevirus gezüchtet, die sich so einfach*verbreitet wie ein Schnupfen.*Jetzt will die US-Regierung die Veröffentlichung*der Experimentdaten unterbinden, um Terroristen keine Bauanleitung zu liefern. Bioterrorismus: Neues*Supervirus ängstigt US-Regierung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,805014,00.html)
Seid ihr denn des Wahnsinns? Jeder, der die entsprechenden Kenntnisse hat gehört sofort lebenslang weggeschlossen, den dazugehörigen Forschungseinrichtungen muss das Geld entzogen und die Verantwortlichen müssen gefeuert werden. Rechtsgrundlage: übergesetzlicher Notstand
4. Einfacher
rad666 21.12.2011
Meine Güte, wie dumm kann die Menschheit nur sein - nach Atomwaffen (die zumindest einigermaßen kontrolliert werden können) kommen jetzt immer mehr hochgefährliche Biowaffen. Mit jedem neuen Erregerstamm (Milzbrand, Vogelgrippe, ...) wächst die Gefahr einer absichtlichen oder versehentlichen Verbreitung, diese kommt so sicher wie der Gau in irgendeinem der zig AKWs. Mein Vorschlag: bietet die Erreger zum Online-Kauf an, dann müssen wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Früher oder später kommen die ohnehin in die freie Wildbahn.
5. Schwachsinn
politicasusknacksus 21.12.2011
...wer hat diesen Irrsinn in Auftrag gegeben, denn es gibt keine auftragsunabhängige Forschung?! Diese Leute sofort zwingen, den gesamten Bestand an Viren einzuatmen und dann 10 m tief verbuddeln.
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