Britischer Vorschlag Organe spenden ohne Tabu

Hirntote Patienten sollen weiterhin beatmet werden, auch die Herzen von Säuglingen könnten als Spende in Frage kommen: Vorschläge von britischen Medizinern, die den Mangel an Spenderorganen beenden sollen, rühren an vielen Tabus. Deutsche Experten sind skeptisch.

Britische Ärzte wollen mehr Transplantationen ermöglichen - die Maßnahmen sind umstritten
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Britische Ärzte wollen mehr Transplantationen ermöglichen - die Maßnahmen sind umstritten


Wann ist ein Mensch tot? Wenn sein Gehirn unwiderruflich zerstört ist? Was ist mit denen, deren Herz irreversibel geschädigt ist? Und schließlich: Ab wann sind Transplantationen von Organen ethisch zulässig? Diese Fragen zählen zu den heikelsten in der modernen Medizin.

Der Britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) hat nun einen umstrittenen Maßnahmenkatalog vorgelegt, um mehr Organspenden möglich zu machen. In Deutschland wären die Vorschläge nicht denkbar, sagen Experten.

Die britische BMA, die die beruflichen Interessen von mehr als 75.000 Ärzten vertritt, setzt sich dafür ein, immer das Einverständnis des Patienten zur Organspende vorauszusetzen - sofern dieser sich nicht ausdrücklich schriftlich verweigert hat. Auch soll es möglich werden, sterbenskranke Patienten noch auf die Intensivstation zu verlegen. Hier könnten sie beatmet werden, so dass ihre Organe nach dem Eintritt des Todes weiterhin mit Sauerstoff versorgt werden und so gespendet werden können.

Auch auf dem Organspenden-Aktionsplan der BMA: Die Herzen von Babys, die jünger als drei Monate sind und durch einen plötzlichen Erstickungstod verstorben sind, sollen zur Spende entnommen werden können. Außerdem sollen die in Großbritannien geltenden Altersgrenzen, welche Menschen als Spender in Frage kommen, ausgedehnt werden.

Besonders konsequent sind die Mediziner in Spanien

Der Vorstoß dürfte die Debatte über Organtransplantationen befeuern. Über den Zeitpunkt, wann ein Mensch wirklich und endgültig tot ist, wann man seine Organe verwerten darf, herrscht Uneinigkeit, nicht nur unter Medizinern und Juristen. Hinter jeder Regelung steckt stets die Frage: Welche Art der Medizin will man zulassen?

Besonders konsequent sind die Mediziner in Spanien. Hier wachen Transplantationsbeauftragte in Kliniken darüber, ob auch wirklich jeder Patient, der nach seinem Tod ein potentieller Spender wäre, rechtzeitig auf eine Intensivstation verlegt wird. Hier kann ein Mensch nach seinem Hirntod weiter beatmet werden, so dass wichtige Organe ausreichend Sauerstoff erhalten, ähnlich wie es die Briten jetzt wollen.

Viele Länder erlauben die Entnahme von Organen nur nach dem Hirntod, also bei Menschen, deren Gehirn unwiderruflich zerstört ist. In Deutschland gilt zudem die Praxis, den Menschen in Würde sterben zu lassen: Todkranke Patienten werden nicht wegen einer bestehenden Möglichkeit einer Organspende auf die Intensivstation verlegt.

Anderseits fehlen in Ländern wie Großbritannien und Deutschland Organspender, während Spanien weltweit als führend bei Transplantationen gilt. Derzeit kommen in Spanien jährlich rund 32 Organspenden auf eine Million Einwohner. In Deutschland waren es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation im vergangenen Jahr 15,9. In England sterben pro Jahr bis zu 1000 Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan gefunden wurde.

In Deutschland braucht es den Spendenausweis

Den Erfolg erzielt Spanien auch mit der ebenfalls umstrittenen "Widerspruchslösung". Diese Regelung sieht vor, dass das Einverständnis zur Organentnahme grundsätzlich angenommen wird, wenn der Tote zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Die Angehörigen haben in diesem Fall ebenfalls noch das Recht, der Entnahme ausdrücklich zu widersprechen. Auch in Österreich ist diese Widerspruchsregelung schon lange Praxis.

In Deutschland sind Transplantationen nur möglich, wenn Menschen sich zu Lebzeiten mit der Organspende auseinandersetzen, dazu eine persönliche Entscheidung treffen, diese schriftlich festhalten und mit ihren Angehörigen sprechen. Ist der Wille des Verstorbenen nicht bekannt, so entscheiden stellvertretend die Angehörigen - seinem mutmaßlichen Willen folgend.

"Man darf nicht nach bestimmten Kriterien vorgehen, nur weil wir zu wenig Spenderorgane haben", sagt Günter Kirste, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Besonders kritisch sieht er die aktuellen Überlegungen der Briten, möglicherweise auch Herzspenden nach einem "circulatory death" zuzulassen. Die "Spende nach Kreislauftod", also bei Stillstand von Herztätigkeit und Atmung (klinischer Tod), ist in vielen Ländern zulässig, allerdings sind Herzspenden davon ausgenommen.

Die Entscheidungslösung soll für mehr Organspenden sorgen

Angesichts des enormen Mangels an gespendeten Organen laufen auch in Deutschland Überlegungen das geltende Transplantationsgesetz zu erweitern. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) plant, dass gesetzliche Krankenkassen ihre Mitglieder nach ihrer Spendebereitschaft befragen sollen. Mit der bevorstehenden Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte sollen die Deutschen über die Organspende informiert werden und zu einer Erklärung über die Spendenbereitschaft aufgefordert werden.

Erst Ende Januar haben sich die Spitzen der Bundestagsfraktionen und die Bundesregierung auf diese gesetzliche Neuregelung zur Organspende geeinigt. In einem Gespräch auf Einladung von Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) und seinem SPD-Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier legten sich die Politiker fest, die bisher geltende Zustimmungslösung durch die sogenannte Entscheidungslösung ersetzen zu wollen. Ein entsprechender fraktionsübergreifender Gruppenantrag soll in den Bundestag eingebracht werden. Geplant ist, das Transplantationsgesetz noch in der ersten Jahreshälfte 2012 zu ändern.

Die Entscheidungslösung sieht vor, dass jeder Bürger zumindest einmal in seinem Leben, möglichst aber regelmäßig mit der Frage nach der Bereitschaft zur Organspende konfrontiert wird. Die Abfrage solle geschehen "mit so viel Nachdruck wie möglich, ohne jedoch eine Antwort zu erzwingen oder Sanktionen auszuüben", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der gesundheitspolitischen Sprecher der fünf Fraktionen. Durch das neue Vorgehen sollen "die Informationen über das und die Konfrontation mit dem Thema regelmäßiger und strukturierter als bisher erfolgen".

In Deutschland warten etwa 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Jährlich sterben rund 1000 von ihnen, weil eine geeignete Niere, Leber, Lunge oder ein Spenderherz nicht zur Verfügung stehen. Viele Menschen sind zu einer Spende nach ihrem Tod bereit, haben aber keinen Spenderausweis ausgefüllt. Das stellt insbesondere die Angehörigen im Ernstfall vor das Problem, den Willen ihres gerade verstorbenen Familienmitglieds im Krankenhaus zu erklären - wenn sie ihn denn überhaupt kennen.

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
Olaf 14.02.2012
1.
Zitat von sysopGetty ImagesHirntote Patienten sollen weiterhin beatmet werden, auch die Herzen von Säuglingen könnten als Spende in Frage kommen: Vorschläge von britischen Medizinern, die den Mangel an Spenderorganen beenden sollen, rühren an vielen Tabus. Deutsche Experten sind skeptisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,815035,00.html
Interessante Vorschläge dabei, obwohl mir die Vorstellung zum Sterben an eine Beatmungsmaschine angeschlossen zu werden, damit bloß meinen Organen nicht passiert, nicht gerade gefällt. Bei dem Druck der da EU-Weit gerade beim Thema Organspende auf die Bürger ausgeübt wird, stellt sich mir auch noch die Frage, ob die Motivation wirklich reine Menschenliebe ist.
woodstocktc 14.02.2012
2.
Zitat von sysopGetty ImagesHirntote Patienten sollen weiterhin beatmet werden, auch die Herzen von Säuglingen könnten als Spende in Frage kommen: Vorschläge von britischen Medizinern, die den Mangel an Spenderorganen beenden sollen, rühren an vielen Tabus. Deutsche Experten sind skeptisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,815035,00.html
danke für den Artikel. Die Richtung erinnert an Matrix, und ich nehme die Realitätspille. Spenderorgane schön und gut, aber die Vorschläge sind selbst für mich, einen Agnostiker und Freund des Fortschritts widernatürlich und unethisch.
Just4fun 14.02.2012
3. (°_°)
Zitat von sysopGetty ImagesHirntote Patienten sollen weiterhin beatmet werden, auch die Herzen von Säuglingen könnten als Spende in Frage kommen: Vorschläge von britischen Medizinern, die den Mangel an Spenderorganen beenden sollen, rühren an vielen Tabus. Deutsche Experten sind skeptisch. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,815035,00.html
Da biete sich doch ein Ankreuzkästchen in der alljährlich wiederkehrenden Steuererklärung an, oder eine Tätowierung quer über die Brust: KEINE ORGANSPENDE
#4711 14.02.2012
4. Wie immer
in der angelsächsischen Welt, bringts Geld, bringst Segen. Nur, warum so umständlich, eine Gen-Datenbank wäre doch viel besser. Da würde nachgesehen wer denn passt und wenn das monatliche Einkommen unter 999Euro liegt, wird er halt beatmet. Aber natürlich nur, wenn denn der Empfänger mehr als 30Tsd. Euro im Monat verdient. Soviel Gerechtigkeit muss sein!
usti 14.02.2012
5.
Zitat von woodstocktcdanke für den Artikel. Die Richtung erinnert an Matrix, und ich nehme die Realitätspille. Spenderorgane schön und gut, aber die Vorschläge sind selbst für mich, einen Agnostiker und Freund des Fortschritts widernatürlich und unethisch.
Ja, ich frage mich auch öfter, welche Lobby dahintersteckt. So viel Engagement und Öffentlichkeitsarbeit findet man nicht bei allen Gesundheits-/Krankheitsthemen.
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