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Brustimplantate: Deutsche Behörde empfiehlt Frauen Check beim Arzt

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Der Skandal um gefährliche Brustimplantate weitet sich aus. Jetzt empfiehlt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte betroffenen Frauen, mit ihrem Arzt über einen Eingriff zu entscheiden. Zuvor hatte Frankreich 30.000 Frauen aufgerufen, sich operieren zu lassen.

Paris/Rom/Hamburg - Die Entscheidung wurde seit Tagen erwartet, jetzt ist sie gefallen: Das französische Gesundheitsministerium ruft Frauen dazu auf, fehlerhafte Brustimplantate der französischen Firma Poly Implants Prothèses (PIP) wieder herausoperieren zu lassen. In einer gemeinsamen Erklärung empfehlen Arbeits- und Gesundheitsminister Xavier Bertrand und Gesundheitsstaatssekretärin Nora Berra, dass die Betroffenen die Implantate selbst dann entfernen lassen sollten, wenn sie keine Beschwerden haben. Denn komme es durch einen Riss des Implantats erst zu einer Entzündung, gestalte sich eine Operation schwierig.

Von dem Aufruf sind schätzungsweise 30.000 Frauen betroffen. Eine derartige staatliche Rückruf-Aktion ist im Bereich der Schönheitschirurgie bisher beispiellos. Die Patientinnen sollen sich nun mit ihren Ärzten in Verbindung setzen. Wer sich gegen eine Entnahme der Implantate entscheidet, solle alle sechs Monate eine Brustuntersuchung vornehmen lassen, hieß es in dem Aufruf des französischen Ministeriums.

Der Hintergrund waren acht Fälle von Krebserkrankungen bei Frauen, deren Implantate gerissen waren. Allerdings ist bislang kein ursächlicher Zusammenhang zwischen den minderwertigen Implantaten und den Krebserkrankungen nachgewiesen - das bekräftigte das Ministerium nun erneut.

BfArM empfiehlt Frauen Gespräch mit Arzt

Mehr als 2000 Frauen haben seit März 2010 in Frankreich gegen die Verantwortlichen des PIP-Skandals geklagt. Das Unternehmen ist 2010 in Konkurs gegangen. Auch in Deutschland wurden vermutlich Tausende der Implantate verkauft. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) empfiehlt den betroffenen Frauen nun, sich mit ihren Ärzten in Verbindung zu setzen, um über eine eventuelle Entnahme der Implantate zu entscheiden. Ein entsprechender Aufruf werde voraussichtlich noch am Freitag veröffentlicht werden, sagte BfArM-Sprecher Maik Pommer zu SPIEGEL ONLINE.

Eine ähnliche Empfehlung hatte das BfArM schon im April 2010 ausgesprochen. Die neuesten Zahlen aus Frankreich zeigten nun aber, dass dort eines von 30 Implantaten gerissen sei - eine besorgniserregende Zahl, wie Pommer erklärt. Das Bundesinstitut werde deshalb die Kliniken auffordern, die betroffenen Patientinnen zu kontaktieren und Gesprächstermine zu vereinbaren. Eine pauschale Aufforderung zur Entnahme der Implantate werde das BfArM allerdings nicht aussprechen. Nutzen und Risiko eines operativen Eingriffs könnten nur individuell für jede Patientin abgewogen werden, betonte Pommer. "Deshalb wäre eine generelle Empfehlung zur Entnahme der Implantate nicht verantwortbar."

Wie viele Frauen in Deutschland Implantate von PIP bekommen haben, ist unklar. Es gibt laut BfArM hierzulande keine gesetzliche Grundlage zur Erhebung einer entsprechenden Statistik. Auch eine Hochrechnung ergibt bestenfalls eine grobe Vorstellung von der Lage in Deutschland. In Frankreich wurden bisher rund tausend Fälle von gerissenen Implantaten gemeldet. Bei insgesamt 30.000 PIP-Silikonkissen ist das eine Quote von drei Prozent.

Dem BfArM liegen bisher 19 Meldungen über defekte PIP-Implantate aus Deutschland vor. Legt man nun die Quote aus Frankreich zugrunde, ergäbe das eine Zahl von 600 betroffenen Frauen. "Allerdings wissen wir nicht, ob das Meldeverhalten in Frankreich und Deutschland identisch ist", sagt Pommer. "Deshalb ergibt eine solche Hochrechnung keine seriöse, belastbare Zahl."

Nachforschungen in Italien und Großbritannien

Auch in anderen europäischen Ländern beschäftigt der Skandal die Behörden. In Italien hat das Gesundheitsministerium am Donnerstag die Krankenhäuser des Landes um Auskünfte über die Verwendung der PIP-Implantate gebeten. Sollte sich eine Entfernung der Silikonprodukte als medizinisch notwendig erweisen, würden die Behörden für entsprechende Kosten aufkommen, hieß es. Betroffenen Frauen wurde nahegelegt, Kontakt zu ihren Chirurgen aufzunehmen, da eine erhöhte Gefahr einer Entzündung bestehe.

In Großbritannien sollen inzwischen zahlreiche Frauen, die ebenfalls PIP-Implantate bekommen haben, gegen Krankenhäuser und Ärzte klagen. "Die jüngsten Berichte haben unsere Klientinnen natürlich sehr besorgt, viele von ihnen leiden bereits unter schrecklichen Problemen infolge der Implantate", sagte einer der Anwälte am Donnerstag.

Die Mediziner hätten nach Ansicht der Klägerinnen wissen müssen, dass in den Implantaten minderwertiges Industriesilikon stecke. Angeblich sollte das von PIP verwendete Silikon ursprünglich für Matratzen genutzt werden.

Die Regierung in London erklärte am Freitag jedoch, man werde sich der französischen Empfehlung zunächst nicht anschließen. Sally Davies, Chefmedizinerin des britischen Gesundheitsministeriums, sagte, betroffene Patientinnen sollten nicht "über Gebühr besorgt sein". Und Gesundheitsminister Andrew Lansley sagte der BBC: "Wir haben keine Sicherheitsbedenken." Man beobachte die Lage schon seit März 2010, als der Skandal zum ersten Mal bekannt wurde.

Rund 40.000 Britinnen haben Implantate der Firma in der Brust. Eigene Tests in Großbritannien hätten keine Hinweise darauf ergeben, dass diese Produkte gefährlicher seien als andere, sagte Lansley. Weder platzen sie häufiger als andere noch habe man ein gesteigertes Risiko für Krebs oder andere Krankheiten feststellen können. Die Quote schadhafter Implantate liegt laut Lansley in Großbritannien bei einem Prozent - deutlich unter den drei Prozent in Frankreich. Lansley sagte, er habe am Donnerstag mit seinem französischen Kollegen telefoniert und warte nun auf die Daten der französischen Regierung.

Mit Material von dpa, dapd und Reuters

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1. Der Verwendungszweck ist doch gleich geblieben...
Rainer 23.12.2011
"Angeblich sollte das von PIP verwendete Silikon ursprünglich für Matratzen genutzt werden."
2. Rückrufaktion?
r-le 23.12.2011
Zitat von sysopEs ist ein Vorgang ohne Beispiel: Frankreichs Behörden haben 30.000 Frauen dazu aufgerufen, Brustimplantate der Firma PIP wieder entfernen zu lassen. Der Skandal um die minderwertigen Silikoneinlagen beschäftigt inzwischen die Behörden*in mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,805501,00.html
Ich habe vor kurzem Post wegen einer Rückrufaktion zu meinem Auto bekommen. Dieser Artikel liest sich eigentlich genauso, weil minderwertig verarbeitete "Ersatzteile verbaut" wurden... nur reden wir hier von Menschen. 30000? Das Ganze klingt nur noch skurril.
3. Frage...
!!!Fovea!!! 23.12.2011
Zitat von Rainer"Angeblich sollte das von PIP verwendete Silikon ursprünglich für Matratzen genutzt werden."
muss das die Allgemeinheit zahlen oder müssen die schönheitswahnunterliegenden Frauen das aus eigener Tasche zahlen? Das würde mich anhand von Budget- und Kostenkürzungen im Gesundheitswesen nebenher mal interessieren?
4. Man kann es auch anderes sehen
cosmoplitan99 23.12.2011
Zitat von r-leIch habe vor kurzem Post wegen einer Rückrufaktion zu meinem Auto bekommen. Dieser Artikel liest sich eigentlich genauso, weil minderwertig verarbeitete "Ersatzteile verbaut" wurden... nur reden wir hier von Menschen. 30000? Das Ganze klingt nur noch skurril.
Beginnt die Skurrilität nicht schon vorher? Dort wo Menschen sich (in den meisten Fällen freiwillig und ohne Indikation) körperfremde Teile in ihren Körper regelrecht einbauen lassen?
5.
Wunderheiler 23.12.2011
Zitat von Rainer"Angeblich sollte das von PIP verwendete Silikon ursprünglich für Matratzen genutzt werden."
Danke Rainer. Das hat mich gerade erheitert. :-) Als Ingenieur finde ich es schlimm, dass ein Hersteller minderwertiges Material verwendet, nur um Kosten zu sparen. Das schlimme daran ist ja, dass die Kunden sicherlich den Preis für hochwertiges Material bezahlt haben, aber trotzdem nur das minderwertige Bau-Silikon bekommen haben. Andererseits besteht das Risiko, dass mit Brustimplantaten was schiefgeht immer (auch bei hochwertigen Materialien), auch dass es reißt oder sich andere schädliche Stoffe drin befinden, die man bisher nur noch nicht als schädlich erkannt hat. Das Risiko ist halt nur etwas geringer als bei minderwertigerem Material. Trotzdem habe ich kein Mitleid mit den betroffenen Frauen. Unter den 30.000 Betroffenen sind vielleicht maximal ein Zehntel, bei denen die Brustimplantate aus medizinischen Gründen mehr oder weniger notwendig waren, beispielsweise bei Frauen, denen wegen Brustkrebs ihre Brüste bzw. der Inhalt amputiert werden mussten. Aber seien wir mal ehrlich. Bei den allermeisten Frauen, die sich ihre Brüste vergrößern lassen, geht's doch nur darum, dass sie einfach nur größere Titten haben wollen und das sogar, wenn die Frau schon mit oft sehr schönen und wohlgeformten B-Körbchen ausgestattet ist. Nach einer Brust-OP sind sie vielleicht größer, sehen oft aber einfach nur künstlich und unnatürlich aus, weil erstens die Form nicht mehr natürlich aussieht und die Oberweite dann auch oft garnicht mehr zum restlichen Körperbau passt. Dabei gibt's auch genug Männer, die kleinere Brüste mögen. Ich glaube, bei den allermeisten Frauen, die sich Brustimplantate einsetzen lassen (wie gesagt: außer die medizinischen Fälle), wäre das Geld bei einem guten Psychologen besser angelegt gewesen. Der kann dann auch mal selber Hand anlegen und kann der Frau bestätigen, dass ihre A- oder B-Brüste trotz ihrer nicht üppigen Größe trotzdem super sind. ;-) Die Frauen wussten, dass es ein Risiko gibt. Das haben sie unterschrieben und auch in Kauf genommen. Und bei einer Operation unter Vollnarkose und allem, was dazu gehört, geht man auch immer das Risiko ein, dass Risiken auftreten, die man vorher noch nicht konkret abschätzen kann (beispielsweise dass die Herstellerfirma gepfuscht hat, was natürlich nicht wünschenswert ist, aber immer mal wieder vorkommt). Wenn eine Operation medizinisch notwendig ist, kann und muss man dieses Risiko eingehen. Allerdings bei völlig freiwilligen Operationen, die nur der "Verschönerung" dienen, darf man sich dann auch nicht wirklich beschweren.
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