Brustkrebs: Ländervergleich stellt Mammografie ins Abseits

In Europa ist die Rate der Brustkrebstoten in den vergangenen Jahrzehnten gesunken. Viele Ärzte werten das als Erfolg des Mammografie-Screenings für ältere Frauen. Jetzt zeigt ein Ländervergleich aber: Die Früherkennung kann kaum für den erfreulichen Trend verantwortlich sein.

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dpa

Mammografie: Auch in Deutschland wird ein Screening angeboten

Hamburg - Wird Brustkrebs frühzeitig entdeckt, stehen die Chancen besser, ihn zu heilen. Mit diesem Gedanken haben viele europäische Länder ein Mammogafie-Screening eingeführt. Auch in Deutschland werden alle Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren einmal in 24 Monaten zur Früherkennung eingeladen. Durch das Screening lasse sich die Brustkrebssterberate langfristig um etwa 30 Prozent senken, teilt die Kooperationsgemeinschaft Mammografie mit - mit Bezug auf eine im Mai veröffentlichte Studie aus Schweden.

Andere Untersuchungen stellen den Nutzen des Screenings jedoch in Frage. Auch ein aktueller Ländervergleich kommt jetzt zu dem Schluss: Zwar ist die Rate der Brustkrebstoten in den vergangenen Jahrzehnten in Europa gesunken - mit der Reihenuntersuchung lässt sich das jedoch nicht erklären.

Die Forscher um Philippe Autier vom internationalen Institut für Präventionsforschung im französischen Lyon haben untersucht, wie viele Frauen in sechs europäischen Ländern zwischen 1989 und 2006 an Brustkrebs gestorben sind. Für die im "British Medical Journal" veröffentlichte Studie verglichen sie je zwei Nachbarländer, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein Mammogafie-Screening eingeführt haben. Die Paare bildeten Norwegen und Schweden, die Niederlande und Belgien sowie Irland und Nordirland.

Die medizinische Versorgung war in den beiden Ländern jeweils vergleichbar, ebenso wie die Bevölkerungsstruktur und die ökonomische Lage. Das Mammografie-Screening wurde jedoch im Abstand von 10 bis 15 Jahren in den verschiedenen Staaten eingeführt.

Alternative Erklärung für positiven Trend

Die Forscher ermittelten, ob in den Staaten, die früher auf Mammografie setzten, die Rate der Brustkrebstoten auch früher sank, wofür sie eine Datenbank der Weltgesundheitsorganisation WHO nutzten. Dabei zeigte sich: Die Sterblichkeit sank unabhängig vom Startjahr der Mammografie-Reihenuntersuchung. "Das deutet darauf hin, dass das Screening keine direkte Rolle bei der Senkung der Brustkrebssterblichkeit gespielt hat", folgern die Wissenschaftler.

Zudem nahm die Brustkrebssterblichkeit am stärksten in der Gruppe der 40- bis 49-jährigen Frauen ab, die aber gar nicht in jedem Screening-Programm auf der Einladungsliste stehen. Insgesamt sank die Rate der Brustkrebstoten in der Zeit zwischen 1989 und 2006 um 16 bis 29 Prozent.

Den positiven Trend beim Brustkrebs erklären die Forscher mit der allgemeinen Verbesserung der medizinischen Versorgung sowie damit, dass sich die Therapiemöglichkeiten in den vergangen Jahrzehnten sehr verbessert haben.

Dass eine Screening-Methode durchaus die Krebssterblichkeit senken kann und dies auch beim Vergleich zwischen Ländern erkennbar ist, zeigt sich nach Angaben der Forscher beim Gebärmutterhalskrebs. Island und Finnland führten bereits in den sechziger Jahren ein Früherkennungsprogramm ein - zwischen 1970 und 1980 sank die Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs um 50 Prozent. In Norwegen begann das systematische Screening erst 15 Jahre später - und zwischen 1970 und 1980 ging die Rate der durch Gebärmutterhalskrebs Gestorbenen dort nur um acht Prozent zurück.

wbr

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1. Hinweis
Zephira 29.07.2011
Prozentangaben ohne absolute Zahlen sind wertlos. Wenn an einer Krankheit statt zwei Menschen im Jahr nur noch einer stirbt, ist das eine Senkung um 50%. Hätte man für das gleiche Geld bei einer anderen Krankheit die Toten von 500.000 auf 400.000 senken können, so wäre das quantitativ besser gewesen - auch wenn das relativ gesehen lediglich eine Senkung um 20% gewesen wäre. Wann immer also nur absolute oder nur relative Zahlen genannt werden, sollte man Irreführung erwarten.
2. Auch ein Hinweis
xeniabloom 29.07.2011
Zitat von ZephiraProzentangaben ohne absolute Zahlen sind wertlos. Wenn an einer Krankheit statt zwei Menschen im Jahr nur noch einer stirbt, ist das eine Senkung um 50%. Hätte man für das gleiche Geld bei einer anderen Krankheit die Toten von 500.000 auf 400.000 senken können, so wäre das quantitativ besser gewesen - auch wenn das relativ gesehen lediglich eine Senkung um 20% gewesen wäre. Wann immer also nur absolute oder nur relative Zahlen genannt werden, sollte man Irreführung erwarten.
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung und gleich nach den Herzkreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen. Ich finde, das Geld ist dort gut angelegt.
3. Brustkrebstod-Risiko
ReneMeinhardt, 29.07.2011
"Den positiven Trend beim Brustkrebs erklären die Forscher mit der allgemeinen Verbesserung der medizinischen Versorgung sowie damit, dass sich die Therapiemöglichkeiten in den vergangen Jahrzehnten sehr verbessert haben." das ist natürlich eine schöne erklärung, deren richtigkeit wird in einigen jahren bewerten können. wenn allerdings die medizinische versorgungsqualität in den kommenden jahren sich entweder verschlechtert oder stagniert, müsste das risiko dann auch steigen oder stagnieren. einfacher und logischer ist die erklärung, dass das brustkrebsrisiko und der resultierende tod deshalb gesunken ist, weil es weniger frauen gibt, die die ursache für diese art von krebs für sich legen, demzufolge weniger dran erkranken oder sogar sterben. sinkende nachkommenzahlen (bzw. sinkende anteile von müttern in der gesellschaft) korrellieren viel besser mit dem gesunkenen brustkrebsrisiko als die qualität der medizinischen versorgung.
4. Bessere Erklärungen
Joe67, 29.07.2011
Angesichts der immer schlechter werdenden Kassenversorgung klingt die Erklärung "bessere allgemeine medizinische Versorgung" wenig glaubhaft. Konkret auf Krebs bezogen, gibt es jedoch für viele Krebsarten deutliche Fortschritte. Allein schon die Standardisierung der Behandlung über entsprechend zentral koordinierte Studien helfen die auf Grund breiter statistischer Erfahrung besten Weg zu wählen. Ohne diese breite Erfahrung kann ein einzelner Arzt nur schlecht entscheiden, welche Behandlungsform in der konkreten Situation wahrscheinlich erfolgreich ist und welche Dosis angemessen ist. 2006 waren die häufigsten Krebsneuerkrankungen: 1. Darmkrebs: 68740 2. Prostatakrebs: 60120 3. Brustkrebs: 57970 4. Lungenkrebs: 47100 Männer erkranken zudem gut 10% häufiger an Krebs als Frauen. Bei Prostatakrebs ist die Sinnhaftigkeit des Screenings ebenfalls sehr umstritten und es wäre gut, wenn der Prostatakrebs ebenso viel Aufmerksamkeit und Forschungsgelder erhalten würde wie das Thema Brustkrebs.
5. http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=40807
martinmalloy 29.07.2011
Es ist medizinisch sinnvoll bei jeder Frau ab 40 alle zwei Jahre eine Mammographie mit ( sehr wichtig ) ggf. in Abhängigkeit von der Dichte des Brustgewebes einem Ultraschall der Brust zu machen um kleine Befunde fühzeitig zu erkennen. Bei Familienrisiko sogar ab 35. Bei allen Unklarheiten jederzeit. Die Röntgendosis ist zu vernachlässigen. Das aktuelle Screeningprogramm stellt einen Kosten Nutzen Mischmasch ohne echte medizinische Grundlage dar. Bin ich 49 oder 71 falle ich sofort aus dem Programm.
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