Bundestagsentscheidung zu PID: "Es wird kein Designerbaby geben"

Es war eine Gewissensfrage für die Abgeordneten - jetzt ist sie geklärt: Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas bleiben unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Gegner sind von der Entscheidung enttäuscht, Ärzte wollen sich dafür einsetzen, dass das Verfahren nicht zur Routine wird.

DPA

Berlin - Selten ging es im Bundestag so emotional zu: Nach einer gefühlsgeladenen Debatte über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) haben sich die Abgeordneten dazu entschlossen, die Methode unter bestimmten Umständen zu erlauben.

Die Fragen, über die das Parlament am Donnerstag zu entscheiden hatte, berühren tiefste Überzeugungen: Schicksal oder Selektion? Dürfen Eltern, für deren Kinder ein hohes Risiko schwerer Erbkrankheiten besteht, künstlich befruchtete Eizellen auf Gendefekte untersuchen lassen? Dürfen sie dann gesunde Embryos zur Einpflanzung in die Gebärmutter auswählen - und genetisch belastete Embryos vernichten lassen?

Der Beschluss erlaubt das PID-Verfahren für jene Eltern, die eine Veranlagung zu einer schwerwiegenden Erbkrankheit haben oder denen eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Die PID soll auch dann erlaubt sein, wenn beim Kind eine genetisch bedingte Krankheit erst später im Leben auftreten kann. Die Regelung sieht eine Pflichtberatung und eine Einzelfallprüfung durch eine Ethikkommission vor.

Abgeordnete erzählten von tragischen Einzelschicksalen

Die vierstündige Debatte im Bundestag war emotional, im Plenum fielen teilweise sehr persönliche Worte. Die CDU-Abgeordnete Maria Michalk sprach von ihren Fehlgeburten, Karin Evers-Meyer (SPD) von ihrem schwerbehinderten Sohn, SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles von ihrem "lange Zeit unerfüllten Kinderwunsch". Aus ihren Erfahrungen ziehen die Frauen unterschiedliche Schlüsse: Nahles und Michalk argumentieren für ein PID-Verbot, Evers-Meyer für eine begrenzte Zulassung.

Nahles warnte vor einer "genetischen Qualitätskontrolle". Wenn künftig eine Mutter ein behindertes Kind zur Welt bringe, dürfe der Vorwurf "Haben Sie sich denn zuvor nicht genetisch beraten lassen?" nicht zur Standardfrage werden.

Mit bewegter Stimme verwies PID-Gegner Rudolf Henke (CDU) auf das Schicksal seines Bruders, der keine fünf Stunden gelebt habe. "Ich erinnere mich an Besuche jahrzehntelang am Grab." Andere sprachen ebenfalls immer wieder von Gesprächen und Erlebnissen mit betroffenen Eltern, die Totgeburten durchlitten, ein behindertes Kind pflegten oder in Sorge seien, ein weiteres zu bekommen.

Auch Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) gab persönliche Einblicke in ihre Erfahrungen: Als junge Ärztin auf der Geburtsstation habe sie nach acht Jahren Medizinstudium geglaubt, alles zu wissen. "Aber die Wucht des Schicksals rund um Schwangerschaft und Geburt haben mich still werden lassen", sagte die Mutter von sieben Kindern und warb für die PID-Zulassung. Auf den Eltern laste "die Verantwortung vor Gott, die Verantwortung vor dem ungeborenen Leben und die Verantwortung vor den eigenen Kindern". Sie appellierte: "Trauen wir den Menschen, den Eltern etwas zu."

Nun, da die Entscheidung gefallen ist, melden sich Kirchen und Behindertenverbände zu Wort, die die Zulassung der PID kritisch sehen. So sagte Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, nach der Bundestagsdebatte: "Die Selektion von menschlichen Embryonen verstößt gegen das Achtungsgebot der Menschenwürde, die jedem Menschen von Anbeginn zuteil ist." Er bedauerte die Entscheidung des Parlaments. "Umso mehr drängen wir nun mit Nachdruck darauf, die im Gesetz erwähnten Ausnahmefälle, in denen die PID nicht rechtswidrig sein wird, eng zu umgrenzen, um die willkürliche Anwendung und die Gefahr einer immer weiteren Ausdehnung auszuschließen."

"Menschen mit Behinderung müssen dies als diskriminierend empfinden"

Ähnlich urteilte Robert Antretter, Vorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung: "Viele Menschen mit Behinderungen müssen diese Entscheidung als diskriminierend empfinden. Die PID darf nicht zum Standardverfahren in der Reproduktionsmedizin werden."

Auch der Evangelischen Kirche in Deutschland geht der Beschluss zu weit. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärte, er hätte es vorgezogen, die PID nur bei großer Wahrscheinlichkeit einer Tot- oder Fehlgeburt zuzulassen. Zugleich würdigte er aber, dass es nun Rechtssicherheit gebe. Zudem stellte Schneider fest, dass Fortpflanzungsmedizin in Deutschland mit großem Verantwortungsbewusstsein betrieben werde. Die politische Entscheidung sei mit großem Ernst vorbereitet worden.

Befürworter der PID sehen in der Entscheidung des Bundestags hingegen einen wichtigen Schritt in die Richtung der "Verwirklichung reproduktiver Rechte", wie Pro Familia es ausdrückt. Die Organisation hält das verpflichtende Votum einer Ethikkommission sogar für nicht erforderlich: "Es bedeutet für die Frauen und Paare eine weitere Hürde in einer ohnehin schon emotional schwierigen Situation." Caritas-Präsident Peter Neher fürchtet dagegen, dass die Entscheidung für ein möglicherweise behindertes Kind jetzt noch schwerer fallen könne. "Eine bessere Beratung und Unterstützung betroffener Paare und Familien sind dringend erforderlich."

Nach dem Votum des Bundestags will die Ärzteschaft dafür Sorge tragen, dass die strengen Bedingungen für die PID eingehalten werden. Das kündigte Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, an. "Wir Ärzte werden Verantwortung übernehmen, dass dieses Verfahren unter kontrollierten Bedingungen und nur bei vorheriger fachkundiger Beratung angewendet wird. Wir wollen auf keinen Fall, dass die PID ein Routineverfahren der In-vitro-Fertilisation wird."

Montgomery gab zu bedenken, dass die PID auf wenige und ganz begrenzte Indikationen beschränkt werden müsse. Gleichzeitig räumte er Befürchtungen der Gegner aus: "Mit uns wird es kein Designerbaby geben und auch kein sogenanntes Retterbaby, das nur einem erkrankten Kind als Ersatzteillager dienen soll."

Die Debatte im Bundestag war ein Ausnahmefall. Die Fraktionen hatten ihren Mitgliedern das Stimmverhalten freigestellt. Es gehe um eine "Gewissensfrage", sagte von der Leyen (CDU). Diese ist nun entschieden.

cib/dpa/AFP

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1. "Es wird kein Designerbaby geben"
axelkli 07.07.2011
Warum eigentlich nicht? Ein paar schönere, klügere Leute mehr würden Deutschland nicht schaden.
2. Kein Titel
AlLumMei 07.07.2011
Zitat von sysopDas freie Mandat der Mitglieder des Deutschen Bundestages ist bundesverfassungsrechtlich durchArt. 38 Abs. 1 S. 2 des Grundgesetzes (GG) verankert: „[Die Abgeordneten] sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“ Dies spricht den Abgeordneten des Bundestages von einer Bindung an Aufträge und Weisungen (etwa der eigenen Partei oder einer anderen Gruppe, zum Beispiel der Wähler in seinem Wahlkreis) bei seiner Entscheidungsfindung frei.
---Zitat--- Die Debatte im Bundestag war ein Ausnahmefall. Die Fraktionen hatten ihren Mitgliedern das Stimmverhalten freigestellt. ---Zitatende--- Das ist aber mal großzügig! Wen interessiert auch das GG..
3. löl
critique 07.07.2011
Zitat von axelkliWarum eigentlich nicht? Ein paar schönere, klügere Leute mehr würden Deutschland nicht schaden.
Das ist wohl wahr. Allerdings wäre ein anderer Weg erstrebenswert. Stichwort: Bildung!
4. .
hjm 07.07.2011
Zitat von sysop"Es wird kein Designerbaby geben"
Wie? Wird es Frauen jetzt verboten, sich ihre Lebendsamenspender nach Kriterien wie Köperbau, Gesundheit oder Haar- und Augenfarbe auszusuchen?
5. Die Macht der Gene
pax 07.07.2011
Zitat von sysopEs war eine Gewissensfrage für die Abgeordneten*- jetzt ist sie geklärt: Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas bleiben unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Gegner sind von der Entscheidung enttäuscht, Ärzte wollen sich dafür einsetzen, dass das Verfahren nicht zur Routine wird. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,772984,00.html
Die ganze Hysterie entsteht auch aus einer völlig absurden Überbewertung , was genetisch überhaupt möglich ist und was jemals genetisch möglich sein wird. Man beachte dabei das Beispiel der Firma die schon vor Jahren angefangen geliebte Haustiere wieder zu klonen. Das war ein totaler Reinfall, weil die geklonten Katzen noch nicht mal das Fellmuster ihres Klonvorbildes bekommen haben. Von der Enttäuschung der Besitzer ganz zu schweigen, als sie feststellen mussten , dass selbst grundlegende Chrarktereigenschaften komplett anders waren , als beim Klonvorbild. Genauso gut hätte man statt die Katzen zu klonen einfach aus dem Tierheim eine nach dem Zufallsprinzip auswählen können. Ein "Designerprinzip" ist allein mit den Genen nicht durchzusetzen.
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"Ein totes Kind ist eine Lebenskatastrophe, die niemals heilt"

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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.