In Deutschland erkranken nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts im Jahr mehr als 50.000 Menschen an Lungenkrebs. Etwa ein Drittel der Patienten hat ein sogenanntes Plattenepithelkarzinom. Die Behandlung dieser Krebsform ist bis heute schwierig. Nachdem Forscher eine Reihe spezifischer Erbgut-Veränderungen bei Betroffenen entdeckt haben, hoffen sie jedoch auf verbesserte Therapien.
Im Rahmen des "Cancer Genome Atlas"-Projekts untersuchte ein internationales Forscherteam das Erbgut von 178 Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom der Lunge, Bronchien oder Luftwege. Sie verglichen die DNA des Tumors mit dem Erbgut gesunder Zellen des jeweiligen Patienten. So konnten sie feststellen, ob Abschnitte des Erbgutmoleküls DNA vervielfacht worden waren, ob Bereiche verschoben worden waren. Außerdem ermittelten sie, wie viele Mutationen in welchen Genen vorlagen.
Wie sie im Wissenschaftsmagazin "Nature" berichten, entdeckten sie mehr Mutationen als bei anderen bisher in dieser Form untersuchten Krebsarten. Auf tausend Grundbausteine der DNA kommen ihren Angaben zufolge mehr als acht Mutationen. Zum Vergleich: Bei Brustkrebs ist es eine, bei Darmkrebs sind es rund drei.
Und: Die Veränderungen sind andere als bei der zweiten sehr häufigen Lungenkrebsform, dem sogenannten Adenokarzinom. Das erklärt, warum einige Medikamente, die bei Patienten mit einem Adenokarzinom helfen können, nicht gegen ein Plattenepithelkarzinom wirken.
Die Forscher stießen auf einige schon bekannte Krebs-Mutationen, etwa im sogenannten TP53-Gen, das in 90 Prozent der untersuchten Fälle verändert war. Dieses Gen gehört zu einer Reihe von Wächtern, die der Entstehung eines Tumors entgegenwirken. Verliert es durch eine Erbgut-Veränderung seine Funktion, fördert dies das Tumorwachstum.
Zusätzlich entdeckten die Wissenschaftler Veränderungen bei mehreren sogenannten Tyrosinkinasen - das sind Enzyme, die in Zellen auf vielfältige Weise als Schalter wirken und so ihr Wachstum mitregulieren. Auch von anderen Krebsformen sind Veränderungen in Tyrosinkinasen bekannt. Einige Medikamente, die auf diese Enzyme wirken, sind bereits auf dem Markt, weitere Wirkstoffe werden erforscht.
Eine Entdeckung hat die Forscher erstaunt: Bei vielen Patienten war zudem ein Gen verändert, das den Bauplan eines für die Körperabwehr wichtigen Eiweißes enthält. Das sogenannte HLA-A sorgt mit dafür, dass das Immunsystem gesunde Zellen von kranken unterscheiden kann. Dadurch, dass dieses Eiweiß in einigen Lungentumoren ausfällt, können diese Krebszellen also Immunzellen entgehen, die sie sonst angreifen würden. Die Wissenschaftler vermuten, dass ähnliche Veränderungen auch bei anderen Krebsarten vorliegen.
Die Wissenschaftler betonen, dass es noch dauern wird, bis die nun erlangten Erkenntnisse in der Praxis helfen. Aber der an der Studie beteiligte Forscher Peter Hammerman von der Harvard University (Cambridge, US-Bundesstaat Massachusetts) spricht von einem ersten Hoffnungsschimmer. "Wer heute ein Plattenepithelkarzinom der Lunge hat, bekommt die gleiche Behandlung wie vor zehn Jahren - die nicht besser hilft als vor zehn Jahren." Diese Studie liefere nun einige interessante Angriffsziele für neue mögliche Therapien, die jetzt untersucht werden könnten.
wbr
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