Rauschmittel: Cannabis kann Multiple Sklerose nicht aufhalten

Cannabis kann die Symptome von Multipler Sklerose lindern - doch mehr offenbar nicht. Die Hoffnung, das Rauschmittel könnte auch den Verlauf der Krankheit insgesamt bremsen, hat sich jetzt zerschlagen.

Cannabis-Ernte (Safed, Israel): Gepflanzt für den medizinischen Gebrauch Zur Großansicht
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Cannabis-Ernte (Safed, Israel): Gepflanzt für den medizinischen Gebrauch

London - Cannabis macht nicht nur high: Richtig dosiert kann das Rauschmittel Krebspatienten von Übelkeit und Aidskranke von Appetitlosigkeit befreien, und es kann chronische Schmerzen lindern. Als sich in Studien auch eine positive Wirkung bei der Behandlung der Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) zeigte - hier können Extrakte des Naturstoffs Spastiken lindern und so die Bewegungsfreiheit der Patienten verbessern - bestand die Hoffnung, dass das Rauschmittel langfristig das Fortschreiten der Nervenerkrankung verhindern könnte.

Doch das hat sich nicht bestätigt, wie nun die Auswertung der Cupid-Studie (Cannabinoid Use in Progressive Inflammatory Brain Disease) ergab. Dafür waren 500 Patienten mit fortgeschrittener Multipler Sklerose aus neurologischen Zentren in Großbritannien als Probanden rekrutiert worden. Eine Hälfte der Patienten erhielt Pillen mit THC, die andere Hälfte ein Placebo. Die Auswertung habe gezeigt, dass der Fortgang der Erkrankung in beiden Fällen ähnlich verlief, sagt John Zajicek, Professor an der britischen Plymouth University. Die Einnahme der Cannabis-Kapsel habe keinen Effekt gehabt.

Zajicek hatte die Studie in Zusammenarbeit mit Alan Thompson vom University College London geleitet. Das britische Medical Research Council bewilligte dafür drei Millionen Euro. Die Ergebnisse werden am Dienstag auf dem Jahrestreffen der Britischen Neurologen (ABN) im britischen Brighton offiziell vorgestellt.

Krankheit verläuft in Schüben

Die Cupid-Studie war das Fortsetzungsprojekt mehrerer kleinerer Studien über die Wirkung von THC bei MS-Patienten. Wissenschaftler um Skaheen Lakhan und Marie Rowland von der Global Neuroscience Initiative Foundation in Los Angeles hatten insgesamt 38 Arbeiten, die eine Wirkung von THC und Cannabidiol (CBD) bei Multipler Sklerose untersucht hatten, erneut ausgewertet.

Für ihre Analyse wählten sie allerdings nicht alle Untersuchungen aus, sondern nur klinische Kurzzeitstudien, bei denen zusätzlich zur Untersuchungsgruppe auch eine Referenzgruppe beobachtet worden war, die wirkstofffreie Placebos erhalten hatte. Übrig blieben sechs Studien aus den Jahren 2002 bis 2007, an denen insgesamt 481 MS-Patienten teilgenommen hatten.

Fünf der sechs untersuchten Arbeiten waren zu dem Schluss gekommen, dass die im Cannabis enthaltenden Wirkstoffe positive Effekte bei MS-Patienten haben. So könne ein Cannabis-Extrakt Spastiken lindern und so die Bewegungsfähigkeit der Erkrankten verbessern. Zum Teil wurden allerdings erhebliche Nebenwirkungen hervorrufen, schreiben Lakhan und Rowland in der Fachzeitschrift "BMC Neurology". "Das therapeutische Potential von Cannabinoiden bei der Behandlung von MS ist umfangreich und sollte große Aufmerksamkeit finden", sagte Lakhan über die Ergebnisse. Daran knüpften die britischen Neurologen in ihrer Cupid-Studie an.

Die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie verläuft in Schüben, die oft mit Spastiken verbunden sind. Dabei ziehen sich die Muskeln unwillkürlich zusammen, so dass die Patienten in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt sind. Bisherige Therapien und Medikamente sind häufig nur bedingt effektiv und mit starken Nebenwirkungen verbunden.

In Deutschland sind natürliche Cannabis-Produkte illegal. Dennoch ist es möglich, THC unter dem internationalen Freinamen Dronabinol verschrieben zu bekommen. Im August 2007 hatte eine MS-Patientin erstmals erreicht, dass sie zur Linderung ihrer Krankheit legal Cannabis einnehmen darf.

nik/reuters

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