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Angriff in Syrien: "Die Symptome deuten auf einen Nervenkampfstoff hin"

Schreiende Opfer mit schweren Krämpfen, zahlreiche tote Kinder: Schockierende Videos aus Syrien zeigen offenbar die Folgen eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen. Der Schweizer Experte Stefan Mogl erklärt im Interview mit dem SPIEGEL, welche Symptome in den Filmen zu sehen sind.

SPIEGEL: Herr Mogl, Sie haben sich jetzt mehrere Dutzend Videos des mutmaßlichen Chemiewaffenangriffs vom Mittwochmorgen angeschaut.

Mogl: Ja, und so etwas habe ich aus Syrien noch nie gesehen. Das hat eine völlig andere Qualität als die wenigen Bilder und Videos im März, April oder Juli. Die schiere Zahl der Betroffenen, die klar sichtbaren unterschiedlichen Symptome, das ist extrem besorgniserregend.

SPIEGEL: Welche Symptome sieht man?

Mogl: Es beginnt mit einer Miosis, einer Pupillenverengung, die bei mehreren Opfern zu sehen ist, sogar bei einem Kind, das fast im Dunkeln liegt. Miosis gilt als eines der ersten Symptome von Nervengas. Aber dann sehen wir, wie Personen an verschiedenen Körperpartien Muskelkrämpfe bekommen. Bei anderen zittert der ganze Körper, zeigt einen sogenannten Tremor.

SPIEGEL: Woher rührt das, was bei vielen Opfern wie Schaum vor dem Mund aussieht?

Mogl: Das ist eine weitere Folge von Nervengift: Der Tränen- und Speichelfluss, die Nasensekretion sind völlig überreizt. Das läuft zusammen und sieht fast aus wie Schaum vor dem Mund.

SPIEGEL: Was geschieht im Körper, wenn er mit Nervengas in Kontakt kommt?

Mogl: Das Nervengas hemmt ein Enzym, die Acetylcholinesterase, wodurch die Signale der Neurotransmitter nicht mehr gebremst und alle Muskeln und Organe völlig überreizt werden, bis der Organismus kollabiert. Das zeigt sich in genau jenen Symptomen, die man in den Videos wiederfindet. Und das macht es so alarmierend.

SPIEGEL: Was macht Sie so sicher?

Mogl: Eine Miosis etwa können Sie auch mit Augentropfen hervorrufen, aber einen Ganzkörpertremor zu simulieren, das ist nicht einfach. Und viele der Opfer sind Kinder, mit denen kann man all diese Symptome nicht stellen.

SPIEGEL: Dass die Videos alle erst am Mittwochmorgen oder -vormittag hochgeladen wurden, ist belegt. Letztlich können wir allerdings nicht beweisen, dass sie mit absoluter Sicherheit erst heute aufgenommen wurden. Wie ließen sich solche Symptome sonst bei so vielen Menschen erkären?

Mogl: Das wäre schon sehr, sehr schwierig. Die Kombination der Symptome deutet für mich auf einen Nervenkampfstoff hin. Wenn ich oder unser Team diese Symptome beschrieben bekäme, würden wir uns sicher vollständig schützen, wenn wir an diesen Ort müssten.

SPIEGEL: Auf den Videos aber sieht man das Krankenhauspersonal fast ohne jeden Schutz.

Mogl: Es ist gut, dass die Helfer fortwährend Wasser über die Opfer gießen, aber das ist trotzdem völlig unzulänglich. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Personal der Krankenhäuser ebenfalls kontaminiert worden ist.

Das Interview führte Christoph Reuter

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1. Publikum
a-krauthausen 22.08.2013
Auch hier wird die UNO usw. wieder einmal nur zusehen (siehe auch Giftgasangriff von Saddam Hussein auf die Kurden im Irak) und nichts unternehmen. Lässt man dann die USA militärisch etwas unternehmen, heißt es doch nachher wieder, chemische Massenvernichtungswaffen hat es in Syrien nie gegeben. Wie länge lässt sich die zivilisierte Welt eigentlich von der islamischen Welt noch vorführen?
2. Da sind wir nun angekommen
hausi_gdr 22.08.2013
mit der moderen Welt, wer hat wem seine Emails gelesen, wer hat wem angeschwärzt und dort richtet sich Gewalt gegen mutmaßlich Zivilisten & Kinder, die die sowieso unsere Taten ausbaden müssen. Wie gottlos sind denn diese Leute? Meine Hoffnung gilt all jenen Syriern von dieser Qual bald erlöst zu sein.
3. optional
spon-facebook-1629421895 22.08.2013
@a-krauthausen: Man kann die Dinge auch so drehen. Nieman hat je behauptet, dass es im Irak NIE Massenvernichtungswaffen gab. Es gab sie - hergestellt mit einer Fabrik aus Deutschland (u.A.). Die Chemiewaffen von Saddam wurden "vernichtet" -> an Syrien weiter verkauft... Die USA sollten sich da raushalten - was man bräuchte, wären UN-Truppen - möglichst unabhängig gemischt und ohne die USA...
4.
Mononatriumglutamat 23.08.2013
Zitat von spon-facebook-1629421895@a-krauthausen: Man kann die Dinge auch so drehen. Nieman hat je behauptet, dass es im Irak NIE Massenvernichtungswaffen gab. Es gab sie - hergestellt mit einer Fabrik aus Deutschland (u.A.). Die Chemiewaffen von Saddam wurden "vernichtet" -> an Syrien weiter verkauft... Die USA sollten sich da raushalten - was man bräuchte, wären UN-Truppen - möglichst unabhängig gemischt und ohne die USA...
Das sagen die Saddam-Freunde. Aber tatsächlich weiß hier niemand, wo die irakischen Chemiewaffen abgeblieben sind. Wir wissen nur, daß Irak chemische Massenvernichtungswaffen besessen und benutzt hat. Und wir wissen, und daß die Koalitionstruppen weder diese Waffen, noch Informationen über deren Verbleib gefunden haben. Sonst wissen wir überhaupt gar nichts darüber, und können auch keine seriösen Schlüsse aus unserem Wissen ziehen. Warum? Die USA haben die schlagkräftigste und modernste Luftwaffe der Welt und könnten Assads Armee mit der kleinstmöglichen Anzahl an Verlusten zerschlagen. Warum unnötig Menschenleben riskieren?
5. Antwort auf 4
exminer 24.08.2013
Die Frage ist genau so kontraproduktiv, wie die Parteinahme für eine Seite. Assad, hin oder her, wobei die Festlegung auf eine Person dem Geschehen nicht gerecht wird, kämpft nicht nur gegen einen Gegner und nicht nur eine Fraktion von "Rebellen". Es ist öfters versucht worden die Gaskarte zu spielen ohne greifbaren Erfolg und jetzt ist dieses Ereignis so durchsichtig angelegt, daß man auch dieser Versuch wenig Aussicht auf Erfolg haben wird. Kein Mensch außer den Strippenziehern weiß über die Hintergründe noch die Motivationen der direkt Beteiligten oder der im Hintergrund agierenden Kräfte bescheid. Und so ist jede möglich Urheber bei diesem Vorfall denkbar, jeder!
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Zur Person
Stefan Mogl ist Leiter des Fachbereichs Chemie des Labor Spiez, dem Schweizerischen Institut für ABC-Schutz. Seine Abteilung befasst sich mit Bedrohungen durch chemische Kampfstoffen und verwandten toxischen Verbindungen. Das Labor Spiez gehört zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz der Schweiz.

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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