Von Nina Weber
Es ist eine Krankheit, die Mediziner vor Rätsel stellt, denn ihre Ursache ist nebulös, die Symptome so vielfältig wie gravierend. Neben tiefster Erschöpfung plagen die Patienten oft andauernde Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme. Die durch das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) ausgelösten Beschwerden können so stark werden, dass Erkrankte kaum noch in der Lage sind, das Bett zu verlassen. Viele verfallen in Depressionen. Weil ihr Leiden so schwer fassbar ist, müssen sie zudem dagegen kämpfen, als Hypochonder oder Simulanten abgetan zu werden. In Deutschland leidet Schätzungen zufolge einer von dreihundert Menschen an der Krankheit.
Was hilft Betroffenen, wieder auf die Beine zu kommen? Britische Forscher haben in einer großen Studie mit 641 Patienten mehrere Therapien überprüft, wie sie im Fachmagazin "The Lancet" berichten. Die gute Nachricht: Zwei zeigten Erfolge. Die schlechte: Diese Therapien halfen nur rund sechs von zehn Patienten. Außerdem wird die Studie durchaus kritisch betrachtet.
Eine einheitliche Therapieempfehlung existiert nicht. Stattdessen wählen Ärzte aus einer Palette von Behandlungsansätzen und kombinieren sie - von Medikamenten bis hin zur Verhaltenstherapie. Peter White von der Queen Mary University of London und Kollegen haben in einer Studie jetzt mehrere Therapien miteinander verglichen. Sämtliche Teilnehmer wurden ärztlich betreut und bekamen, falls nötig, Schmerz- oder Schlafmittel sowie Antidepressiva verschrieben. Die Probanden wurden in vier gleich große Therapiegruppen aufgeteilt.
Nach einem Jahr überprüften die Forscher den Zustand der Patienten. Sie ermittelten, wie sich der Grad der Erschöpfung verändert hatte, und wie körperlich fit die Betroffenen waren. Außerdem achteten die Forscher darauf, ob es Teilnehmern schlechter ging als zuvor: Vor allem Sportprogramme werden von Patientenverbänden kritisiert, denn durch übermäßige Aktivität könne sich der Zustand der Betroffenen tatsächlich deutlich verschlimmern.
Die stufenweise Aktivierung und die Verhaltenstherapie schnitten ähnlich ab: Rund 60 Prozent der Teilnehmer dieser Gruppen ging es nach einem Jahr deutlich besser als zu Beginn der Studie. In der "Adaptive Pacing"-Gruppe war dies nur bei 42 Prozent der Fall. Demnach brachte diese Therapieform nicht mehr als die medizinische Beratung alleine, deren Erfolgsquote lag bei 45 Prozent.
Das Risiko, dass sich der Zustand deutlich verschlechterte, war bei allen Behandlungsformen etwa gleich groß: In der Verhaltenstherapie-Gruppe ging es drei Betroffenen anschließend schlechter, bei allen anderen Gruppen waren es jeweils zwei.
Abgeschoben in die psychiatrische Ecke
Dass mit Verhaltentherapie gute Ergebnisse erzielt wurden, bedeute nicht, dass es sich um eine rein psychologische Krankheit handelt, betonen die Forscher. Der Hinweis ist relevant - auch für Patienten hierzulande. "Es gibt viel zu wenige Ärzte, die sich mit CFS auskennen. Viele schieben die Krankheit komplett in die psychiatrische Ecke, was für die Betroffenen dramatische Folgen haben kann. Sie werden nicht richtig therapiert", sagt Carmen Scheibenbogen vom Institut für Medizinische Immunologie der Berliner Charité. Auch finanziell könne das Konsequenzen haben, wenn es etwa um eine Berufsunfähigkeit gehe.
Die Ärztin kritisiert etwas Grundsätzliches an der britischen Studie: "Ein Problem sind die Kriterien, nach denen die Studienteilnehmer ausgewählt wurden. Es waren viele dabei, die an einer Depression litten. Man kann spekulieren, ob gerade diese Patienten überdurchschnittlich von der Verhaltenstherapie profitiert haben."
Es sei nicht überraschend, dass eine Verhaltenstherapie Menschen in einem gewissen Rahmen helfe, die sich wegen einer schweren Krankheit in einer schwierigen Lebenssituation befinden. "Wir raten manchen Patienten ebenfalls zu einer Verhaltenstherapie sowie zu APT." Erstaunt hat sie dagegen der Erfolg der stufenweisen Aktivierung. "Dass Sport hilft, entspricht nicht unseren Erfahrungen. Eventuell empfehlen wir Betroffenen, die nicht so schwer erkrankt sind, eine leichte körperliche Belastung zu versuchen."
Suche nach der Krankheitsursache
Doch was löst die Krankheit aus? Darüber streiten Ärzte, Psychologen und Psychiater seit vielen Jahren. Immer wieder haben Forscher bestimmte Viren im Visier, als Hauptverdächtiger gilt ein Erreger namens XMRV. Einige neuere Untersuchungen sprechen dagegen, darunter eine des deutschen Robert-Koch-Instituts, an der Scheibenbogen beteiligt war: Hier konnten die Forscher das Virus weder im Blut von CFS-Patienten noch von Gesunden nachweisen.
"Wahrscheinlich existiert XMRV in dieser Form nicht. Möglicherweise handelt es sich um methodische Probleme in einigen Laboren, das wird gegenwärtig in den USA durch weitere Experimente geklärt", sagt Scheibenbogen. Trotzdem wird mit XMRV schon Profit gemacht. "Dass jetzt Unternehmen Tests anbieten und Betroffene mit wahrscheinlich falsch positiven XMRV-Diagnosen verunsichern, ist ein großes Problem." So machen sich Selbsthilfegruppen dafür stark, retrovirale Medikamente gegen CFS einzusetzen - also Mittel, wie sie HIV-Positive nehmen. Doch die bringen oft schwere Nebenwirkungen mit sich und sind zudem teuer.
Scheibenbogen selbst forscht in eine andere Richtung: Sie verfolgt die Hypothese, dass die Ursache in einer gestörten Immunantwort des Patienten liegt. Deswegen gebe es auch nicht einen speziellen Erreger, der die Krankheit auslöst, sondern verschiedene Viren und Bakterien. "Wenn wir bei einem Betroffenen einen chronischen Infekt entdecken, behandeln wir diesen. Bei etwa einem Viertel bis einem Drittel der Patienten ist das der Fall und ihr Zustand verbessert sich oft durch die Behandlung."
Für die anderen gilt leider weiter: Auslöser - unbekannt. Beste Therapie - unklar.
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