Chronisches Erschöpfungssyndrom Ärzte prüfen Therapien gegen mysteriöses Leiden

Das chronische Erschöpfungssyndrom zermürbt Betroffene so stark, dass viele ihr Leben nicht mehr meistern können. Auslöser des Leidens: unbekannt. Beste Therapie: unklar. Jetzt haben Forscher immerhin einige Behandlungen verglichen - und warten mit einer Überraschung auf.

Erschöpfung: Schätzungsweise 0,3 Prozent der Deutschen sind von CFS betroffen
Corbis

Erschöpfung: Schätzungsweise 0,3 Prozent der Deutschen sind von CFS betroffen

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Es ist eine Krankheit, die Mediziner vor Rätsel stellt, denn ihre Ursache ist nebulös, die Symptome so vielfältig wie gravierend. Neben tiefster Erschöpfung plagen die Patienten oft andauernde Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme. Die durch das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) ausgelösten Beschwerden können so stark werden, dass Erkrankte kaum noch in der Lage sind, das Bett zu verlassen. Viele verfallen in Depressionen. Weil ihr Leiden so schwer fassbar ist, müssen sie zudem dagegen kämpfen, als Hypochonder oder Simulanten abgetan zu werden. In Deutschland leidet Schätzungen zufolge einer von dreihundert Menschen an der Krankheit.

Was hilft Betroffenen, wieder auf die Beine zu kommen? Britische Forscher haben in einer großen Studie mit 641 Patienten mehrere Therapien überprüft, wie sie im Fachmagazin "The Lancet" berichten. Die gute Nachricht: Zwei zeigten Erfolge. Die schlechte: Diese Therapien halfen nur rund sechs von zehn Patienten. Außerdem wird die Studie durchaus kritisch betrachtet.

Eine einheitliche Therapieempfehlung existiert nicht. Stattdessen wählen Ärzte aus einer Palette von Behandlungsansätzen und kombinieren sie - von Medikamenten bis hin zur Verhaltenstherapie. Peter White von der Queen Mary University of London und Kollegen haben in einer Studie jetzt mehrere Therapien miteinander verglichen. Sämtliche Teilnehmer wurden ärztlich betreut und bekamen, falls nötig, Schmerz- oder Schlafmittel sowie Antidepressiva verschrieben. Die Probanden wurden in vier gleich große Therapiegruppen aufgeteilt.

  • Außer den Medikamenten erhielt die erste Gruppe keine weitere Therapie.
  • Die zweite Gruppe unterzog sich einer kognitiven Verhaltenstherapie. Deren Ziel war es, den Patienten nicht nur die Angst vor den Symptomen, sondern auch vor körperlicher Aktivität zu nehmen.
  • Die dritte Gruppe nahm an einem Bewegungsprogramm teil, der "stufenweisen Aktivierung". Dabei wird nach und nach die körperliche Aktivität gesteigert. Ziel war es, sich fünf Mal pro Woche für 30 Minuten zu bewegen.
  • Gruppe vier durchlief eine sogenannte "Adaptive Pacing"-Therapie (APT). Dabei sollen die Betroffenen lernen, die ihnen zur Verfügung stehende Energie so zu nutzen, dass sie zumindest das Wichtigste erledigen können.

Nach einem Jahr überprüften die Forscher den Zustand der Patienten. Sie ermittelten, wie sich der Grad der Erschöpfung verändert hatte, und wie körperlich fit die Betroffenen waren. Außerdem achteten die Forscher darauf, ob es Teilnehmern schlechter ging als zuvor: Vor allem Sportprogramme werden von Patientenverbänden kritisiert, denn durch übermäßige Aktivität könne sich der Zustand der Betroffenen tatsächlich deutlich verschlimmern.

Die stufenweise Aktivierung und die Verhaltenstherapie schnitten ähnlich ab: Rund 60 Prozent der Teilnehmer dieser Gruppen ging es nach einem Jahr deutlich besser als zu Beginn der Studie. In der "Adaptive Pacing"-Gruppe war dies nur bei 42 Prozent der Fall. Demnach brachte diese Therapieform nicht mehr als die medizinische Beratung alleine, deren Erfolgsquote lag bei 45 Prozent.

Das Risiko, dass sich der Zustand deutlich verschlechterte, war bei allen Behandlungsformen etwa gleich groß: In der Verhaltenstherapie-Gruppe ging es drei Betroffenen anschließend schlechter, bei allen anderen Gruppen waren es jeweils zwei.

Abgeschoben in die psychiatrische Ecke

Dass mit Verhaltentherapie gute Ergebnisse erzielt wurden, bedeute nicht, dass es sich um eine rein psychologische Krankheit handelt, betonen die Forscher. Der Hinweis ist relevant - auch für Patienten hierzulande. "Es gibt viel zu wenige Ärzte, die sich mit CFS auskennen. Viele schieben die Krankheit komplett in die psychiatrische Ecke, was für die Betroffenen dramatische Folgen haben kann. Sie werden nicht richtig therapiert", sagt Carmen Scheibenbogen vom Institut für Medizinische Immunologie der Berliner Charité. Auch finanziell könne das Konsequenzen haben, wenn es etwa um eine Berufsunfähigkeit gehe.

Die Ärztin kritisiert etwas Grundsätzliches an der britischen Studie: "Ein Problem sind die Kriterien, nach denen die Studienteilnehmer ausgewählt wurden. Es waren viele dabei, die an einer Depression litten. Man kann spekulieren, ob gerade diese Patienten überdurchschnittlich von der Verhaltenstherapie profitiert haben."

Es sei nicht überraschend, dass eine Verhaltenstherapie Menschen in einem gewissen Rahmen helfe, die sich wegen einer schweren Krankheit in einer schwierigen Lebenssituation befinden. "Wir raten manchen Patienten ebenfalls zu einer Verhaltenstherapie sowie zu APT." Erstaunt hat sie dagegen der Erfolg der stufenweisen Aktivierung. "Dass Sport hilft, entspricht nicht unseren Erfahrungen. Eventuell empfehlen wir Betroffenen, die nicht so schwer erkrankt sind, eine leichte körperliche Belastung zu versuchen."

Suche nach der Krankheitsursache

Doch was löst die Krankheit aus? Darüber streiten Ärzte, Psychologen und Psychiater seit vielen Jahren. Immer wieder haben Forscher bestimmte Viren im Visier, als Hauptverdächtiger gilt ein Erreger namens XMRV. Einige neuere Untersuchungen sprechen dagegen, darunter eine des deutschen Robert-Koch-Instituts, an der Scheibenbogen beteiligt war: Hier konnten die Forscher das Virus weder im Blut von CFS-Patienten noch von Gesunden nachweisen.

"Wahrscheinlich existiert XMRV in dieser Form nicht. Möglicherweise handelt es sich um methodische Probleme in einigen Laboren, das wird gegenwärtig in den USA durch weitere Experimente geklärt", sagt Scheibenbogen. Trotzdem wird mit XMRV schon Profit gemacht. "Dass jetzt Unternehmen Tests anbieten und Betroffene mit wahrscheinlich falsch positiven XMRV-Diagnosen verunsichern, ist ein großes Problem." So machen sich Selbsthilfegruppen dafür stark, retrovirale Medikamente gegen CFS einzusetzen - also Mittel, wie sie HIV-Positive nehmen. Doch die bringen oft schwere Nebenwirkungen mit sich und sind zudem teuer.

Scheibenbogen selbst forscht in eine andere Richtung: Sie verfolgt die Hypothese, dass die Ursache in einer gestörten Immunantwort des Patienten liegt. Deswegen gebe es auch nicht einen speziellen Erreger, der die Krankheit auslöst, sondern verschiedene Viren und Bakterien. "Wenn wir bei einem Betroffenen einen chronischen Infekt entdecken, behandeln wir diesen. Bei etwa einem Viertel bis einem Drittel der Patienten ist das der Fall und ihr Zustand verbessert sich oft durch die Behandlung."

Für die anderen gilt leider weiter: Auslöser - unbekannt. Beste Therapie - unklar.



insgesamt 84 Beiträge
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Noctim 22.02.2011
1. Raubbau am Körper
Ich, als kompletter Laie, wage die gewagte These, dass es sich bei dieser Krankheit - genau wie bei Burn Out - um ein Problem handelt, dass sich zu großen Teilen aus unserem Lebensstil zusammensetzt. Die Menschen in westlichen Industrienationen stehen ihr gesamtes Ausbildungs- und Berufsleben unter ständigem und immensen Leistungsdruck, auch wenn das den Wenigsten wirklich bewusst ist. Dazu kommt der Hang zu schnellem und eher ungesunden Essen, der Stress und die Hektik. Gleichzeitig folgen wir Idealen, an denen wir uns Messen: Gesundheit, Bildung, Erfolg, Entfaltung, Fitness etc. Vieles davon ist im normalen Alltag kaum zu erreichen, allein aus Zeitmangel. Das schlaucht und führt zur Erschöpfung, ja fast zur Resignation und Aufgabe. Manche Menschen setzen diese innere Anspannung auch in körperliche Beschwerden um, die keine medizinisch erkennbare Ursache besitzen. Gibt es keinen Befund, ist der Patient gesund. Dann wandert das ganze schnell in die psychosomatische Ecke, die leider immer noch nicht so ernst genommen wird, wie sie sollte ("Ist ja nur die Psyche und nix Schlimmes!"). Noch schlimmer wird es, wenn der Patient zum Hypochonder wird und körperliche Ursachen zwingend sucht. Dann sollen Tees, Entspannung und Sport helfen. Bei einem 10 Stunden Arbeitstag ist das natürlich ohne weiteres möglich, wenn man noch kochen, waschen, aufräumen oder Kinder versorgen muss...
Eutighofer 22.02.2011
2. kurz gesagt
Zusätzlich zu Medikamenten helfen Verhaltenstherapie und Sport, Schonung eher nicht. Ein vergleichbares Ergebnis wie bei vielen psychischen Erkrankungen.
franxinatra 22.02.2011
3. Ein erfreulicher Diskussionsbeitrag...
...wenn Wissenschaft kein Wissen schafft; und auch für mich gitl: ich bin ein fachlicher Laie, nichtsdestotrotz betroffen. Abgesehen vom im Vorkommentar angesprochenen Mangel an nachhaltiger Arbeitseinteilung beobachte ich noch einen anderen Aspekt: die durch Stress verurschten Hormonschübe (und jetzt bitte nicht lachen, wenn eine Laie halbwissenschaftlich philosophiert), die z.B. im Kundenverkehr auftreten. In Momenten, in dene der rinstinkt sagt: Flucht oder Zuschlagen hat der moderne Mensch contenance zu wahren selbstvergessen die Interessen seines Brotherren zu vertreten, und wenn sein gegenüber noch so recht hat. Was geschieht mit diesen Hormonausschüttungen? Wie kompensiert der (an sich gesund reagierende) Organismus, wenn die Reizimpulse durch seine hormonelle Reaktion nicht fruchtet? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es zwar wirklich hilfreich sein kann, aus einer depressiven Phase durch sportliche Betätigung gelangt werden kann, aber ein Heilmittel ist es nicht. Mittlerweile darf ich den Luxus leben, nur noch eine 30 Stundenwoche zu schaffen; Linderung, aber auch keine Lösung. Denn es geht für die Erholung sehr viel Zeit flöten, auch wenn die wenigstens der Familie gehören kann. Bzw man ihr ;-)
gerd2006 22.02.2011
4. Leider ziemlich daneben
Zitat von NoctimIch, als kompletter Laie, wage die gewagte These, dass es sich bei dieser Krankheit - genau wie bei Burn Out - um ein Problem handelt, dass sich zu großen Teilen aus unserem Lebensstil zusammensetzt. Die Menschen in westlichen Industrienationen stehen ihr gesamtes Ausbildungs- und Berufsleben unter ständigem und immensen Leistungsdruck, auch wenn das den Wenigsten wirklich bewusst ist. Dazu kommt der Hang zu schnellem und eher ungesunden Essen, der Stress und die Hektik. Gleichzeitig folgen wir Idealen, an denen wir uns Messen: Gesundheit, Bildung, Erfolg, Entfaltung, Fitness etc. Vieles davon ist im normalen Alltag kaum zu erreichen, allein aus Zeitmangel. Das schlaucht und führt zur Erschöpfung, ja fast zur Resignation und Aufgabe. Manche Menschen setzen diese innere Anspannung auch in körperliche Beschwerden um, die keine medizinisch erkennbare Ursache besitzen. Gibt es keinen Befund, ist der Patient gesund. Dann wandert das ganze schnell in die psychosomatische Ecke, die leider immer noch nicht so ernst genommen wird, wie sie sollte ("Ist ja nur die Psyche und nix Schlimmes!"). Noch schlimmer wird es, wenn der Patient zum Hypochonder wird und körperliche Ursachen zwingend sucht. Dann sollen Tees, Entspannung und Sport helfen. Bei einem 10 Stunden Arbeitstag ist das natürlich ohne weiteres möglich, wenn man noch kochen, waschen, aufräumen oder Kinder versorgen muss...
Damit haben Sie Ihrer selbstgewählten Bezeichnung "kompletter Laie" alle Ehre gemacht; Sie verstehen offenbar wirklich nichts von CFS und verwechseln es mit einem Burn Out Syndrom. CFS ist in den Auswirkungen durch eindeutige pysiologische Messungen nachweisbar und betrifft zentrale Stuerungsvorgänge der körperliche Aktivität. Wenn die Ursache auch noch im Dunkeln liegt (Virus? Umweltgifte? etc.), hilft es nichts, zu glauben, durch einen anderen Lebensstil könne man die Krankheit kurieren oder gleich vermeiden. Ein solcher Irrglaube ihrer Umgebung oder noch schlimmer bei den behandelnden Ärzten schadet den Betroffenen eher. In den USA ist man zum GLück schon weiter in den medizinischen Erkenntnissen zu CFS, aber in Deutschland halten die Ärzte und Krankenkassen gern noch an ihren kostensparenden veralteten Ansichten fest. Zum Schaden der Patienten. Es gibt sehr gute Internetseiten, in denen jeder die neuesten Erkenntnisse sowie Erfahrungsberichte von Betroffenen nachlesen kann (suchen mit CFS oder CFIDS).
NinaEn 22.02.2011
5. Danke, Nina Weber!
Liebe Laiendiskussionsteilnehmer, Wie wäre es, wenn Sie sich vor dem Kommentieren erstmal über das eigentliche Thema informierten? Das "Chronische Erschöpfungssyndrom", auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt, ist eine von der WHO als neurologisch klassifizierte Krankheit und hat ausser dem unglücklich gewählten Namen mit normaler Erschöpfung, Müdigkeit, Arbeitsüberlastung oder BurnOut nichts zu tun. Einmal betroffen, bleiben die meisten Patienten lebenslang krank, viele davon schwerbehindert bis zur Sondenernährung und in dunklen Zimmern dahinvegetierend. Auch Kinder sind davon betroffen. Bevor Sie also hier schlaue Ratschläge geben, informieren Sie sich doch erstmal über die Patienten und deren Eintrag. Googeln sie nach bekannten Fällen wie Sophia Mirza und Lynn Gilderdale, die bereits verstorben sind. An die Autorin Nina Weber: Vielen Dank für einen der wenigen ausgewogenen Artikel zu diesem Thema! Sie weisen zurecht darauf hin, dass "echten" CFS-Patienten Bewegung schlimme und dauerhafte Schäden zufügen kann. Mich haben diese klugen Ratschläge von einer lebenslustigen jungen Frau zum Pflegefall werden lassen. Nicht wegen Erschöpfung, sondern wegen Muskelschwäche, zerstörten Mitochondrien, orthostatischer Intoleranz uvm. Einzig das Thema XMRV haben Sie aus meiner Sicht "typisch deutsch" dargestellt. Die Forschung in den USA dazu läuft weiterhin auf Hochtouren und momentan spricht mehr für diese These als dagegen. Dennoch: Danke für einen journalistisch hochwertigen Beitrag mit der angebrachten kritischen Hinterfragung. Sie heben sich wohltuend von einigen Ihrer Kollegen ab!
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