News aus Boston Computer erkennt Picasso-Fälschungen

Eine neue Software kann gefälschte Bilder von Picasso, Matisse oder Schiele erkennen. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten aus den USA: Lebendige Waffen gegen Viren und Nager für die Notfallmedizin.

Besucherin vor Picasso-Gemälde
REUTERS

Besucherin vor Picasso-Gemälde

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.
Eine weibliche Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus)
DPA/ James Gathany/ CDC

Eine weibliche Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus)

+ + + Lebendige Waffe zur Schädlingsbekämpfung + + +

Manchmal gibt es viel Aufruhr um Nichtigkeiten, und manchmal ist es genau anders herum. Fast ohne Aufsehen hat die US-Umweltbehörde EPA eine Entscheidung getroffen, die als historisch gelten darf: Sie hat einer lebendigen Waffe zur Schädlingsbekämpfung ihre Zustimmung erteilt. Ab sofort darf die Firma MosquitoMate Mücken aussetzen, um Mücken zu bekämpfen. Es geht um Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke. Sie ist gefürchtet als Überträger von Gelb-, Dengue- und Zika-Fieber.

Die Insekten, die das Unternehmen heranzüchtet sind männlich, sie stechen folglich nicht. Das Besondere an ihnen aber: Sie sind mit einem Bakterium namens Wolbachia infiziert. Wenn sie sich paaren, übertragen sie diese Mikroben auf die Weibchen, was diese unfruchtbar macht. In Feldversuchen ließ sich zeigen, dass eine solche Verbreitung von Wolbachia eine Mücken-Population deutlich zu reduzieren vermag.

Die Maßnahme gilt als risikoarm. "Wir töten nicht, und wir sind stolz darauf", sagt MosquitoMate-Chef Stephen Dobson. Trotzdem ist der EPA sehr wohl bewusst, dass die mutwillige Freisetzung lebendiger Organismen heikel ist. Die Zulassung gilt deshalb zunächst nur für den Nordosten und den Südwesten der USA. Für das feuchtheiße Klima der Südstaaten, wo Aedes albopictus weit mehr grassiert, lägen noch nicht ausreichend Daten vor.


Werke von Pablo Picasso
REUTERS

Werke von Pablo Picasso

+ + + Rechner mit Kunstverstand + + +

Die Zahl der Fertigkeiten, in denen Computer dem Menschen überlegen sind, ist um eine gewachsen: Informatiker der Rutgers University in New Jersey haben Maschinen beigebracht, Fälschungen von Kunstwerken zu entlarven. Das gelang ihrem Programm mit fast hundertprozentiger Treffsicherheit, zumindest bei Strichzeichnungen von Pablo Picasso, Henri Matisse und Egon Schiele.

Natürlich bedeuten dem Computer weder der Ausdruck der Gesichter noch die Rundungen der Körper auf diesen Zeichnungen etwas. Er orientiert sich ausschließlich an der Art der Linienführung. Die Forscher gingen vor, wie es auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz derzeit üblich ist: Sie zerlegten 300 Zeichnungen in 800.000 Einzelstriche. Dann lehrten sie den Computer, diese den Künstlern zuzuordnen. Der lernte nach dem Prinzip: Zeigst du mir tausend Striche von Picasso, dann sage ich dir beim 1001sten, ob er ebenfalls von Picasso stammt.

Bei Gemälden allerdings versagt das Verfahren noch, denn dort sind einzelne Pinselstriche meist schlecht auseinanderzuhalten. Doch die Forscher geben sich unverdrossen: Sie hoffen, den Kunstsachverstand ihres Programms demnächst noch steigern zu können. Als nächstes stehen Werke der Impressionisten auf dem Lehrplan.


Absolventen an der Harvard-Universität
DPA

Absolventen an der Harvard-Universität

+ + + Durchsichtiges Manöver + + +

Hoffentlich brechen hier an der Harvard-Universität nicht bald offene Rassenkonflikte auf. Vor drei Jahren war alles noch anders: Die Stadt war gepflastert mit den Plakaten der "I, Too, Am Harvard"-Kampagne. Sie präsentierte Schwarze mit Doktorhut. Jetzt aber schickt sich US-Justizminister Jeff Sessions an, das Erreichte zurückzudrehen.

Es ist ein durchsichtiges Manöver, doch er könnte Erfolg damit haben. Sessions stört sich daran, dass Schwarzen der Zugang zu den Universitäten erleichtert wird. Doch weil er sein Ziel vor Gericht kaum direkt wird durchsetzen können, täuscht er stattdessen Interesse für die Rechte der Asiaten vor.

Tatsache ist: Bei den Eingangstests liegt die Messlatte für Schwarze nicht ganz so hoch wie für Weiße. Diese "affirmative action" (positive Diskriminierung) hatte der US Supreme Court im letzten Jahr ausdrücklich gebilligt, weil nur so Schwarze überhaupt eine Chance auf einen Studienplatz an einer der Elite-Unis hätten. Weil er um dieses Urteil weiß, hat Sessions nun angekündigt, Harvards Zulassungspolitik in Sachen Asiaten zu prüfen.

Bei denen nämlich gelten noch schärfere Kriterien. Das scheint auch nicht unbegründet, denn auch so machen die Asiaten bereits 22,2 Prozent der Zugelassenen aus, was weit über ihrem Anteil von 5,6 Prozent an der Gesamtbevölkerung liegt. Entsprechend glaubt kaum einer, dass es Sessions wirklich um die Rechte der Asiaten geht. Nein, er hat die Schwarzen im Visier.


Ein Ziesel
AFP

Ein Ziesel

+ + + Nager für die Notfallmedizin + + +

Es fasziniert mich, wenn Wissenschaftler bei der Lösung großer Probleme auf den Einfallsreichtum von Mutter Natur zurückgreifen. Wer zum Beispiel hätte gedacht, dass Ziesel einmal zu Hoffnungsträgern für die Notfallmedizin werden könnten? Forscher der Nationalen Gesundheitsbehörde NIH haben jetzt einen molekularen Vorgang in diesen etwa rattengroßen Erdhörnchen aufgespürt, der Ärzten helfen soll, Schlaganfällen zu begegnen.

Von September bis in den März ziehen sich Ziesel für einen ausgiebigen Winterschlaf in ihren Bau zurück. Während dieser Zeit fahren sie ihren Stoffwechsel drastisch herunter. Das Gehirn wird nur noch spärlich durchblutet, und damit es keinen Schaden durch Mangelversorgung nimmt, werden molekulare Schutzschalter umgelegt. Diese wollen die NIH-Forscher nun nutzen, um ein Mittel gegen Schlaganfälle zu entwickeln.

Ein Blutgerinnsel im Gehirn ist die häufigste Ursache von Schlaganfällen. Es wirkt sich fatal aus, denn Hirngewebe ist extrem empfindlich. Wird es nur wenige Minuten lang nicht mit Nähr- und Sauerstoff versorgt, sterben die Neuronen. Die Ärzte sind dagegen bisher wehrlos. Zwar können sie versuchen, mit Hilfe von Gerinnungshemmern den Gefäßverschluss zu lösen, den Neuronentod aufhalten können sie aber nicht. Vielleicht wird das Winterschlaf-Elixier der Ziesel das nun ändern.

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