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Dienstleister der Pharmakonzerne: Stille Tester

Je schneller ein neues Medikament seine Testphase durchläuft, umso früher lässt sich damit Geld verdienen: Unternehmen, die Pharmakonzernen bei der Abwicklung solcher klinischer Studien helfen, heißen Contract Research Organisations. Eine Branche, die immer mächtiger wird.

Stille Tester: Die heimlichen Dienstleister der Pharmakonzerne Fotos
Nicola Kuhrt

Sie wachsen mit der zunehmenden Globalisierung des Pharmamarktes, sie sind so etwas wie die Außenposten der Konzerne: Contract Research Organisations (CRO) sind längst fester Bestandteil in der Arzneimittelforschung, zu ihren Aufgaben gehören die Planung und Vorbereitung klinischer Studien, samt Datenmanagement, Monitoring und der Rekrutierung der gesuchten Freiwilligen.

In Indien existieren derzeit etwa Hundert CROs unterschiedlicher Größe. Einige sind längst auch international aktiv - wie etwa Ecron Acunova mit Hauptsitz in Bangalore. Im vergangenen Jahr feierte das Unternehmen seinen 25. Geburtstag - in Frankfurt am Main. D. A. Prasanna, Gründer von Acunova, war 20 Jahre in der IT-Branche tätig, bevor er sich auf die Suche nach einem sicheren Geschäftsmodell machte und bei den klinischen Studien landete.

Den Entschluss habe er nie bereut, sagt Prasanna. Bisher hat Acunova, das sich später mit dem deutschen Ecron zusammenschloss, nach eigenen Angaben über 1100 klinische Studien mit 160.000 Patienten an 13.500 Forschungsstätten weltweit durchgeführt. Wie mächtig die CROs inzwischen sind, zeigen die Zahlen des Branchenverbands Acro(Association of Clinical Research Organisations). Demnach begleiteten und planten die Unternehmen im Jahr 2008 mehr als 9000 Studien mit rund zwei Millionen Probanden in 115 Ländern. Der Umsatz habe 20 Milliarden Dollar (15,4 Milliarden Euro) betragen, was einem Drittel der weltweiten Forschungsausgaben in der Medizin entspricht.

Schnellere Durchführung der Studien, kostengünstig, zuverlässig: CROs werben auf ihren Websites offensiv für ihren Service. Je schneller die Phase der klinischen Studien beendet ist, umso schneller können Pharmakonzerne ein neues Medikament gewinnbringend auf den Markt bringen. Die CROs gelten als die treibende Kraft hinter der Entwicklung, klinische Studien in Schwellen- und Entwicklungsländer zu verlagern - die Branche profitiert unmittelbar und ist zugleich auch bestrebt, moderne Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu schaffen.

"Es geht hier um Menschen"

Der Hauptsitz von Ecron Acunova liegt im Businessviertel Whitefield in Bangalore, der Besprechungsraum im Manipal Tower ist klimatisiert. Das Unternehmen habe immer weitere Testgebiete hinzugenommen, die neusten "Perlen in der Kette" seien Bangladesh und Sri Lanka, sagt Prasanna. Stets bemüht er sich um integeres Handeln: "Es geht hier im Menschen."

Auf die Probleme der indischen Regierung angesprochen, der schnell gewachsenen Branche im Land die nötigen Strukturen gegenüberzustellen, zögert Prasanna zum ersten Mal einen kurzen Moment, bevor er antwortet. "Gebt dem System noch ein bisschen Zeit. Es hat sich schon viel getan."

Mariette van Huijstee und Irene Schipper von der niederländischen Menschenrechtsorganisation Somo ist das nicht genug. Es müsse besonders genau kontrolliert werden, wenn Pharmakonzerne ihre klinischen Studien in arme Länder auslagern und gleichzeitig die Geschicke an Dritte abgeben, sagen sie. Für eine Studie untersuchten sie das Geschäftsgebaren der Dienstleister in Brasilien, Indien und Peru. Dabei zeigte sich, dass die CROs durchaus unter Druck stehen, schnell gute Ergebnisse abzuliefern. Das kann auf Kosten der Patienten gehen: So wie Ärzte oder Krankenhäuser, die pro Testperson im Schnitt zwischen 100 und 500 Euro erhalten, ist man als bezahlter Geschäftspartner eher bereit, die positiven Seiten eines neuen Medikaments in den Vordergrund zu stellen. befürchten die Kritiker.

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nik

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