Dämpfe in Flugzeugen Das Giftgespenst fliegt mit

Macht Fliegen krank? Nach einem Bericht des NDR können giftige Dämpfe im Inneren von Passagierflugzeugen die Gesundheit von Passagieren und Besatzungen schädigen. Bei genauem Hinsehen stellt sich heraus: Für die Existenz einer Gefahr gibt es keinen Beweis.

Angehende Stewardessen bei der Ausbildung: Wabern in Flugzeugen giftige Dämpfe?
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Angehende Stewardessen bei der Ausbildung: Wabern in Flugzeugen giftige Dämpfe?

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So manchem Flugpassagier dürfte in diesen Tagen ein wenig anders werden. "Die Vergiftungsgefahr fliegt immer mit", meldeten "NDR Info" und die "Tagesschau" auf ihren Webseiten. "Geheimpapier: Gift aus der Flugzeug-Klimaanlage", hieß es bei RTL. Die "Süddeutsche Zeitung" sekundierte auf ihrer Titelseite: "Kabinenluft im Flugzeug kann krank machen." Kein Konjunktiv, kein Fragezeichen weit und breit.

Was war geschehen? "NDR Info" hatte darüber berichtet, dass giftige Dämpfe von den Triebwerken ins Innere von Passagierjets eindringen und bei den Insassen das sogenannte Aerotoxische Syndrom auslösen könnten - wieder einmal. Das Thema geistert seit Jahren durch die Medien, wie zuletzt im Frühjahr 2010. Die "Welt" etwa berichtete im Februar von "gefährlichen Giftschwaden in Passagier-Flugzeugen". Sieben Menschen hätten nach einem Flug über Kopf- und Halsschmerzen geklagt. "Es hat plötzlich nach schmutzigen Strümpfen gerochen", habe ein Passagier erzählt.

Vielleicht waren tatsächlich giftige Dämpfe in der Luft, vielleicht hat ein Passagier mit Schweißfuß-Problem seine Schuhe ausgezogen - niemand weiß es genau. Denn bis heute gibt es keine wissenschaftliche Studie, die einen Zusammenhang zwischen giftigen Dämpfen und Krankheitssymptomen in Flugzeugen nachweisen konnte - geschweige denn die Existenz eines Aerotoxischen Syndroms.

Die sich selbst erfüllende Prophezeiung des BDF

"NDR Info" beruft sich nun auf ein vertrauliches Dokument des Bundesverbandes deutscher Fluggesellschaften (BDF). Wer allerdings angesichts der Vergiftungsgefahr-Schlagzeilen gehofft hatte, jetzt endlich Beweise für eine real existierende Bedrohung zu bekommen, sah sich getäuscht. Der BDF diskutiert in dem Papier lediglich eine durch die Medien befeuerte öffentliche Debatte über "vergiftete Kabinenluft". Es gelte, für einen solchen Fall eine gemeinsame Sprachregelung zu finden.

Ironischerweise haben die Airlines mit dem Papier die Debatte erneut angefacht - und die Art, wie manche Medien nun berichten, scheint die Befürchtungen der Manager vollauf zu bestätigen.

An der Faktenlage hat sich indes nichts geändert. Alles, was an seriösen Erkenntnissen über das Giftluft-Problem verfügbar ist, besagt, dass drei Dinge vollkommen unklar sind:

  • wie hoch die Giftkonzentration in der Kabinenluft ist,
  • welche Schadstoffe vorkommen,
  • ob es überhaupt einen kausalen Zusammenhang zwischen Dämpfen und Erkrankungen gibt.

Mit anderen Worten: Man weiß nicht, ob ein Problem existiert - und falls es doch eines gibt, weiß man nicht, welches.

Diese eklatante Lücke räumt auch der NDR ein - was den Sender allerdings nicht daran hindert, einzelne Betroffene als Kronzeugen zu präsentieren. Eine Stewardess etwa leide unter Kopfschmerzen, Herzrasen, Übelkeit und Schwindel. Im Krankenhaus habe man eine Entzündung des Nervensystems festgestellt. Die Stewardess "glaubt zu wissen", dass ihre Beschwerden von giftiger Kabinenluft ausgelöst wurden. Was die Ärzte dazu meinten, die das neurologische Leiden immerhin diagnostiziert haben sollen, erfährt man nicht.

Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, geht noch weiter. Das Problem betreffe "Tausende von Flugzeugen weltweit", aber die Airlines wollten kein Geld ausgeben, um es zu beheben. "Manche Menschen haben sogar schon nach einmaligem Einatmen dieser Giftstoffe gesundheitliche Beeinträchtigungen", wird Handwerg vom NDR zitiert. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bestätigt er, dass diese Sätze von ihm stammten. Auf die Frage, auf welchen medizinischen Erkenntnissen sie basierten, räumt Handwerg ein, dass es solche nicht gebe. "Deshalb fordern wir, sie zu beschaffen." Die Gefahr müsse erforscht werden.

Das aber wurde durchaus schon versucht. Allein: Bisher gab es keinen Befund.

Der Verdacht richtet sich insbesondere gegen sogenannte Trikresylphosphate (TKP oder TCP), eine Gruppe chemischer Verbindungen, die neurotoxisch wirken. Die Nervengifte können unter anderem entstehen, wenn Öl in Flugzeugtriebwerken verbrennt. Und da die Luft im Inneren von Passagierjets üblicherweise direkt an den Triebwerken abgezapft wird, könnten auch giftige Dämpfe die Insassen krank machen.

So weit die Theorie. Sie ist alt und wurde mehrfach untersucht - allerdings ohne bisher bestätigt zu werden.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
semper fi, 13.08.2010
1.
Zitat von sysopMacht Fliegen krank? Nach einem Bericht des NDR können giftige Dämpfe im Inneren von Passagierflugzeugen die Gesundheit von Passagieren und Besatzungen schädigen. Bei genauem Hinsehen stellt sich heraus: Für die Existenz einer Gefahr gibt es keinen Beweis. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,711671,00.html
Danke SPON. Die Hysterie, die jetzt - wieder einmal - losgetreten wird, ist in erster Linie der Vereinigung Cockpit e. V. zu verdanken, die ständig auf der Suche ist, wie sie gegen jede wirtschaftliche Vernunft die Arbeitsbedingungen verbessern kann. Die Kabinengewerkschaften haben sich auf den Zug drauf gesetzt. Ziel dürfte der vorgezogene Ruhestand mit etwa 35 Jahren - als etwa zwei bis drei Jahre nach Kapitänswerdung - sein.
autocritica, 13.08.2010
2. Kerosindüfte
Zitat von sysopMacht Fliegen krank? Nach einem Bericht des NDR können giftige Dämpfe im Inneren von Passagierflugzeugen die Gesundheit von Passagieren und Besatzungen schädigen. Bei genauem Hinsehen stellt sich heraus: Für die Existenz einer Gefahr gibt es keinen Beweis. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,711671,00.html
Ich weiss nicht ob das was mit den beschriebenen giftigen Dämpfen zu tun hat: allerdings riecht es in den Fliegern beim Hochfahren der Triebwerke ja öfter mal etwas stärker nach Kerosin. Ich fliege häufig, sitze gerne hinten und würde sagen, beissender Geruch in der Nase beim Start ist an dieser Position mindestens bei jedem 4-5 Flug der Fall. Also ich hoffe jetzt mal, das ist harmlos, auf jeden Fall kommt es häufiger vor.
Entredostierras 13.08.2010
3. Ts, Ts, Ts...
Zitat von semper fiDanke SPON. Die Hysterie, die jetzt - wieder einmal - losgetreten wird, ist in erster Linie der Vereinigung Cockpit e. V. zu verdanken, die ständig auf der Suche ist, wie sie gegen jede wirtschaftliche Vernunft die Arbeitsbedingungen verbessern kann. Die Kabinengewerkschaften haben sich auf den Zug drauf gesetzt. Ziel dürfte der vorgezogene Ruhestand mit etwa 35 Jahren - als etwa zwei bis drei Jahre nach Kapitänswerdung - sein.
...immer das gleiche Feindbild. Egal um was in der Sache eigentlich geht. Gruss.
gsm900, 13.08.2010
4. Noch ein Gift an Bord
Zitat von sysopMacht Fliegen krank? Nach einem Bericht des NDR können giftige Dämpfe im Inneren von Passagierflugzeugen die Gesundheit von Passagieren und Besatzungen schädigen. Bei genauem Hinsehen stellt sich heraus: Für die Existenz einer Gefahr gibt es keinen Beweis. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,711671,00.html
Insektizide die eingeschleppte Insekten killen sollen. Pyrethroide habe ja auch eine humanneurotoxische Wirkung: http://de.wikipedia.org/wiki/Pyrethroide Abschnitt Vektorbekämpfung http://www.lgl.bayern.de/gesundheit/umweltmedizin/doc/pyrethroide_internet.pdf
kuschl 13.08.2010
5. Überflüssig!
Zitat von semper fiDanke SPON. Die Hysterie, die jetzt - wieder einmal - losgetreten wird, ist in erster Linie der Vereinigung Cockpit e. V. zu verdanken, die ständig auf der Suche ist, wie sie gegen jede wirtschaftliche Vernunft die Arbeitsbedingungen verbessern kann. Die Kabinengewerkschaften haben sich auf den Zug drauf gesetzt. Ziel dürfte der vorgezogene Ruhestand mit etwa 35 Jahren - als etwa zwei bis drei Jahre nach Kapitänswerdung - sein.
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