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13. März 2012, 16:19 Uhr

Herzinfarkt-Studie

Rauchverbote retten Tausende Leben

Wo Zigaretten verschwinden, sinkt die Zahl der Herzinfarkte - das zeigt die Analyse von 3,7 Millionen deutschen Krankenhaus-Akten. Die bisher weltweit größte Studie dieser Art kommt damit zu einem eindeutigen Ergebnis: Rauchverbote retten allein in Deutschland jedes Jahr Tausende Leben.

Die Rauchverbote in Gaststätten haben nach einer Studie die Herzinfarkte in Deutschland deutlich verringert. Nach der Einführung der Nichtraucherschutzgesetze 2007 und 2008 gingen die Klinik-Behandlungen wegen eines Herzinfarktes um acht Prozent zurück, wie aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervorgeht. Die Behandlungen wegen Angina pectoris, einer Vorstufe des Herzinfarkts, sanken sogar um 13 Prozent, heißt es in der im Fachblatt "Clinical Research in Cardiology" publizierten Studie.

Die Forscher um James Sargent von der Dartmouth Medical School in Lebanon (US-Bundesstaat New Hampshire) und Reiner Hanewinkel vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel haben Krankenhausdaten von 3,7 Millionen Versicherten im Zeitraum von Anfang 2004 bis Ende 2008 ausgewertet. Nach Angaben der DAK handelt es sich damit um die weltweit bisher größte Studie zur Wirkung von Rauchverboten.

Die Kosten für stationäre Behandlungen wegen Angina pectoris seien um fast zehn Prozent, die wegen Herzinfarkten sogar um 20 Prozent gefallen. Allein bei der DAK-Gesundheit seien dadurch 1880 Behandlungen und 7,7 Millionen Euro pro Jahr eingespart worden, wie die Krankenkasse am Dienstag in Berlin mitteilte.

Forderung nach Rauchverboten ohne Ausnahmen

Die 3,7 Millionen Versicherten, deren Daten in die Studie eingeflossen sind, waren durchschnittlich 56 Jahre alt, zwei Drittel waren Frauen. 2,2 Prozent wurden im Untersuchungszeitraum wegen einer Angina pectoris stationär behandelt, 1,1 Prozent wegen eines Herzinfarkts. Nach Angaben der Forscher war die Zahl der Herzinfarkte und Angina-pectoris-Fälle in den ersten vier Jahren des Untersuchungszeitraums stabil - um dann mit der Einführung der Rauchverbote von 2007/2008 einen deutlichen Rückgang zu zeigen (siehe Grafik).

Hanewinkel sagt, Rauchverbote könnten sogar noch mehr bewirken. Studien aus anderen Ländern hätten ergeben, dass strenge Regeln die Zahl der Herzinfarkte um bis zu 17 Prozent drücken könnten - und nicht nur um 8,6 Prozent wie in Deutschland. Allerdings gebe es in diesen Ländern "absolute Rauchverbote ohne jegliche Ausnahmen", so der Forscher.

Auch die finanziellen Vorteile von Nichtrauchergesetzen könnten noch größer sein als in der aktuellen Studie berechnet. "Mehr als 60 Prozent der Versicherten waren Frauen, die erfahrungsgemäß eine geringere Herzinfarktrate haben als Männer", erklärte Helmut Gohlke von der Deutschen Herzstiftung, einer der Autoren der Untersuchung. Der Rückgang der Behandlungszahlen hätte bei einem größeren Anteil männlicher Teilnehmer folglich noch höher ausfallen können. Außerdem seien in der Studie nur die Kosten für die Behandlung, nicht aber die für Arbeitsausfall und Rehabilitation erfasst worden. Allein den Produktivitätsverlust durch einen Herzinfarkt schätzt Gohlke auf 20.000 Euro.

Daten aus anderen Ländern bestätigt

Studien aus Ländern, in denen Rauchverbote schon länger existieren als in Deutschland, sprechen eine deutliche Sprache. 2009 besagte eine Überblicksstudie in den USA, dass Rauchverbote die Zahl der Herzinfarkte senken. Das Gleiche meldeten Mediziner aus Italien, nachdem dort ein strenges Rauchverbot eingeführt worden war. Auch beim Gaststätten-Personal in Irland stellten Forscher positive Resultate fest, ebenso wie in Schottland - wo jüngst sogar ein Rückgang der Frühgeburten auf das Rauchverbot zurückgeführt wurde.

Herzkreislauferkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursache. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2010 allein 41 Prozent aller Sterbefälle dadurch verursacht. Insgesamt starben rund 353.000 Menschen an den Folgen einer Herzkreislauferkrankung, davon knapp 60.000 an einem Herzinfarkt. Weltweit rechnen Wissenschaftler mit Millionen Tabak-Todesopfern pro Jahr.

In Deutschland gelten Nichtraucherschutzgesetze in allen Bundesländern. Bayern hat die schärfste Regelung, dort gilt seit einem Volksentscheid im Jahr 2010 ein striktes Rauchverbot für alle Gaststätten. In den meisten anderen Bundesländern existieren Ausnahmeregelungen etwa für Festzelte oder Einraumgaststätten, in denen keine warmen Speisen angeboten werden.

DAK-Chef Herbert Rebscher forderte ein einheitliches Rauchverbot. "Bayern kann hier mit seinem konsequenten Nichtraucherschutz als Blaupause für andere Bundesländer dienen", sagte Rebscher. Auch die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Carola Reimann (SPD), rief die Länder zu mehr Einheitlichkeit beim Nichtraucherschutz auf: "Ich würde mir wünschen, dass alle Länder es machen wie Bayern und einheitlich auf Ausnahmen verzichten."

Die DAK begleitet die Veröffentlichung der Rauchverbotsstudie mit einer aktuellen Forsa-Umfrage. Demnach finden 82 Prozent der Befragten die Nichtraucherschutzgesetze gut, sogar 68 Prozent der Raucher seien dieser Meinung. 63 Prozent gaben an, dass sie sich früher häufig durch den Rauch belästigt gefühlt haben. 23 Prozent der Befragten gaben an, seit Einführung der Rauchverbote öfter in Cafés und Restaurants zu gehen.

Auch das scheint frühere Erkenntnisse zu bestätigen, denn zu starken Umsatzeinbußen in der Gastronomie haben die Rauchverbote offenbar nicht geführt. In Bayern, dem Bundesland mit der strengsten Regelung, sind die Umsätze sogar gestiegen.

mbe/dpa/AFP/dapd

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