Darminfekt Ehec-Schnelltest hilft nur bedingt

Für die Forscher ist es ein wichtiger Schritt, aber auch für die Ehec-Patienten? Der ärztliche Direktor des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf hält den neu entwickelten Ehec-Schnelltest zumindest für die akut Erkrankten für wenig hilfreich.

Ehec-Kolonien auf einer Petrischale: Zweifel an Schnelltest
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Ehec-Kolonien auf einer Petrischale: Zweifel an Schnelltest


Berlin/Münster - Wer in diesen Tagen mit Symptomen wie Bauchkrämpfen und blutigem Durchfall ins Krankenhaus geliefert wird, trägt den Ehec-Erreger mit allergrößter Wahrscheinlichkeit in sich. Das sagt Jörg Debatin, ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), der derzeit zusammen mit seinem Ärzteteam Dutzende Patienten mit dem hämolytisch-urämischen Snydom (Hus) behandelt.

Zwar haben in Münster Forscher um den Mikrobiologen Helge Karch jetzt einen neuen Ehec-Schnelltest entwickelt. Doch dieser wird laut Debatin "kurzfristig nicht so sehr helfen". Das sagte Debatin am Dienstag im ZDF-"Morgenmagazin". Weil im Augenblick zumindest alle Patienten im UKE mit den klassischen Symptomen ausnahmslos mit dem Darmkeim Ehec infiziert seien, brauche man diesbezüglich keinen Schnelltest, so der Mediziner.

Allerdings müsse man die Thematik differenziert betrachten, sagt sein UKE-Kollege Holger Rohde, der die Abteilung Mikrobiologie leitet, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: Der Schnelltest mache durchaus Sinn, vor allem für jene Labore und Kliniken, die weniger Erfahrung im Umgang mit Ehec-Erregern hätten. Für sie sei der Diagnose-Test wichtig und liefere schnell und sicher ein Ergebnis. Am UKE aber sei man unabhängig von dem Schnelltest: Bei jenen Patienten, die derzeit mit Hus in der Klinik liegen, habe man den Erreger bereits mit Hilfe der eigenen Diagnostik nachweisen können. Die Hamburger Mediziner werden den Schnelltest laut Debatin deshalb nur sehr bedingt einsetzen. Dennoch sei der Test wichtig, so die Hamburger Mediziner: Er könne vor allem bei möglichen künftigen Ausbrüchen hilfreich sein.

Am Vorabend hatte die Uniklinik Münster mitgeteilt, dass Wissenschaftler den Schnelltest zum Nachweis des Erregers entwickelt haben. Mit Hilfe des molekularbiologischen Verfahrens könnten bereits kleinste Mengen des Erregers binnen weniger Stunden auf die speziellen Eigenschaften des Ausbruchsstammes untersucht werden. Dabei würden spezifische Gene des Ausbruchsstammes vervielfältigt, teilte das Universitätsklinikum mit. Der Test könne in jedem molekularbiologischen Labor durchgeführt werden. Einzelheiten wollen die Wissenschaftler an diesem Dienstag bei einer Pressekonferenz bekanntgeben. Das Institut für Hygiene in Münster hatte vergangene Woche den genauen Typ des Darmkeims identifiziert.

Spanien reagiert empört

Laut Debatin nimmt die Zahl der neu mit Ehec infizierten Patienten in Hamburg zwar weiter ab. Nicht rückläufig sei hingegen die Zahl der Hus-Patienten. Die UKE-Ärzte behandeln nach seinen Angaben 82 Patienten mit dieser schweren Ehec-Komplikation. Deutschlandweit sind in der aktuellen Ausbreitungswelle des Erregers mindestens 14 Menschen infolge der Durchfallerkrankung gestorben.

Unterdessen sind die Augen weiterhin auf Spanien gerichtet, weil Gemüse-Produzenten im Land möglicherweise als Quelle für Erreger gelten. Jetzt verlangt Spanien Entschädigung, für alle europäischen Landwirte, die wegen der Ehec-Seuche Verluste haben. Das sagte die spanische Agrarministerin Rosa Aguilar am Dienstag bei einem Treffen mit EU-Kollegen im ungarischen Debrecen vor Journalisten. Spaniens Gemüse sei "sicher", sagte die Ministerin. Die Ursache der Infektionen solle man in Deutschland suchen, nicht in Spanien.

Unterstellungen, denen zufolge die Krankheit durch Gurken aus Spanien übertragen werde, richteten bei den dortigen Produzenten einen Schaden von wöchentlich 200 Millionen Euro an, sagte Aguilar weiter.

"Man soll aufhören, auf Spanien zu schauen", sagte die Ministerin. Deutschland müsse so schnell wie möglich die Ursache der Infektionen klären. "Wir sind enttäuscht von der Art, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen ist." Eine Senatorin aus Hamburg habe Spaniens Landwirten durch eine Äußerung über spanische Gurken großen Schaden zugefügt - "ohne einen einzigen Beweis".

Dass die Ursache nicht in Spanien liegen könne, werde auch dadurch deutlich, dass dort niemand an Ehec erkrankt sei. Es gebe lediglich zwei Ehec-infizierte Spanier, diese hätten sich die Infektion aber bei einer Reise in Deutschland zugezogen, sagte Aguilar. In Spanien sei der Ehec-Erreger nicht gefunden worden. Die Ministerin sagte bei einem informellen Treffen der EU-Agrarminister, dass die Lebensmittelsicherheitskontrollen in ihrem Land weit strenger seien als die EU-Normen.

"Ich esse noch Gurken"

Derweil sind die Verbraucher nach wie vor verunsichert, ob man derzeit frisches Gemüse essen sollte oder nicht. Auf die Frage, ob er selber noch Gurken und Tomaten esse, antwortete Joachim Westenhöfer, Professor für Ernährungs- und Gesundheitspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: "Ja, ich esse selber noch Gurken und Tomaten, dazu bin ich zu sehr Wissenschaftler und damit auch statistisch sehr gut ausgebildet. Ich denke, dass das Risiko, sich zu infizieren, sehr gering ist. Aber ich weiß natürlich auch, dass auch ein geringes Risiko immer eintreten kann."

Dass der Ehec-Skandal langfristige Folgen haben werde, daran glaubt Westenhöfer nicht: "Wenn ich das in der Rückschau auf alle bisherigen Ernährungsskandale projiziere, dann würde ich nicht erwarten, dass es eine nachhaltige Wirkung gibt. Sobald das Medienecho geringer wird, wird es wieder aus dem Bewusstsein verschwinden und die Leute werden in relativ kurzer Zeit wieder zu ihrer alten Ernährung zurückkehren."

Die Zahl der bestätigten Ehec-Infektionen und -Verdachtsfälle nahm am Montag bundesweit auf mehr als 1400 zu. Einen Tag zuvor waren es mehr als 1200. Auch außerhalb Deutschlands breitet sich das gefährliche Bakterium weiter aus. In Schweden hat es nach Angaben der EU-Kommission bisher 30 nachgewiesene Fälle gegeben, bei 13 davon handele es sich um schwer erkrankte Hus-Patienten. Auch in Dänemark, Großbritannien, Österreich und den Niederlanden hätten Menschen sich infiziert. Hoffnung gibt eine experimentelle Behandlungsmethode, mit der hierzulande bereits erste Erfolge erzielt wurden.

cib/dapd/dpa



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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
Emmi 31.05.2011
1. Super Wissenschaftler!
"Ich denke, dass das Risiko, sich zu infizieren, sehr gering ist. Aber ich weiß natürlich auch, dass auch ein geringes Risiko immer eintreten kann." Ein Risiko ist das Produkt aus Schadenshöhe beim Eintritt eines Schadensereignisses und Wahrscheinlichkeit des Schadensereignisses (das Risiko ist mithin 0, wenn entweder der zu erwartende Schaden oder die Wahrscheinlichkeit gleich 0 ist). Ein Risiko tritt also nicht ein, allenfalls das Schadensereignis. Sollte einem Wissenschaftler bekannt sein...
sverris 31.05.2011
2. wqer
Zitat von sysopFür die Forscher ist es ein wichtiger Schritt, aber auch für die Ehec-Patienten? Der ärztliche Direktor des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf hält den neu entwickelten Ehec-Schnelltest jedenfalls für wenig hilfreich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765856,00.html
Was denn nun: "Für die Forscher ist es ein wichtiger Schritt", oder "wenig hilfreich"?, der Direktor ist ja auch ein Forscher.
werner thurner, 31.05.2011
3. Nachdenken und was lernen!
Zitat von sysopFür die Forscher ist es ein wichtiger Schritt, aber auch für die Ehec-Patienten? Der ärztliche Direktor des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf hält den neu entwickelten Ehec-Schnelltest jedenfalls für wenig hilfreich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765856,00.html
Was mir bei der ganzen Diskussion auf den Geist geht, ist die Ignoranz und der Mangel an Grundlagen, wie diese Diskussion geführt wird. Ehec gab es schon immer, Reservoir für diesen Keim ist z.B. der Rinderdarm. Offensichtlich wurden diese Keime aus Gurken und Tomaten (und zwar aus den inneren Teilen,dem Saft, also nicht der Schale)nachgewiesen. Und offensichtlich kamen diese Gurken und Tomaten aus den Intensivproduktionen aus Holland und Spanien, wo k e i n Krumen Erde mehr verwendet(verschwendet!)wird, sondern die Wurzeln in Nährlösungen stecken. Und offensichtlich waren da einige Nährlösungen mit Ehec verseucht und gelangten dadurch in die Tomaten/Gurken. Normale Aufzucht von Gurken /Tomaten in der Erde, auch wenn diese mit Kuhdung (Ehec) verseucht ist führt offenbar nicht zur Aufnahme der e-coli in Gurken oder Tomaten, sonst käme dies wesentlich öfter vor. Also muss man bei der Zubereitung der Nährlösungen auf Sterilität achten oder (viel) besser nur Gurken/Tomaten welche normal in der Erde gezogen wurden konsumieren und die Gurken auf jeden Fall schälen, bzw. die Tomaten waschen vor dem Verzehr.
Sleeper_in_Metropolis 31.05.2011
4.
Teilweise haben da einige Experten zu einigen Themen komischen Ansichten : Zitat : "Zwar haben Münster Forscher um den Mikrobiologen Helge Karch jetzt einen neuen Ehec-Schnelltest entwickelt. Doch dieser wird laut Debatin "kurzfristig nicht so sehr helfen". " Natürlich wir der nicht "so sehr helfen". Das ist ein Schnelltest und kein Heilmittel. Er wird aber vermutlich sehr hilfreich sein, bei Patienten mit ähnlichen Symtomen eine EHEC-Erkrankung zeitnah nachzuweisen oder auszuschließen. Mehr soll ein Schnelltest auch gar nicht können. Zitat : "Dass der Ehec-Skandal langfristige Folgen haben werde, daran glaubt Westerhöfer nicht: "Wenn ich das in der Rückschau auf alle bisherigen Ernährungsskandale projiziere, dann würde ich nicht erwarten, dass es eine nachhaltige Wirkung gibt. Sobald das Medienecho geringer wird, wird es wieder im Bewusstsein verschwinden und die Leute werden in relativ kurzer Zeit wieder zu ihrer alten Ernährung zurückkehren." Ja, was denn auch sonst in diesem Fall ? Der Erreger war scheinbar durch verunreinigung auf Gurken gelandet, das heißt ja nicht, das man nun für alle Zeiten Gurken meiden sollte, oder was stellt sich Herr Westerhöfer da genau vor ? Er sollte da schon unterscheiden zwischen Lebensmitteln, deren Genuß prinzipiell risikoreich sein kann und temporär verunreinigter bzw. risikoreicher Lebensmittel.
Flari 31.05.2011
5. So ist das eben..
Zitat von sysopFür die Forscher ist es ein wichtiger Schritt, aber auch für die Ehec-Patienten? Der ärztliche Direktor des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf hält den neu entwickelten Ehec-Schnelltest jedenfalls für wenig hilfreich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765856,00.html
Für ein Mordopfer ist es auch relativ belanglos, ob sich der Täter danach schnell mit einem DNA-Test überführen lässt. Potentielle neue Opfer dürften den Nutzen dagegen durchaus anerkennen. Gerade bei der Suche nach der Infektionsquelle, dürfte der Schnelltest erhebliche Vorteile mit sich bringen, wenn man die Ergebnisse innerhalb weniger Stunden und relativ preiswert in den Händen hält, statt erst nach 3-5 Tagen.
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