Darmkeim Aggressive Ehec-Infektion erschüttert Mediziner

Sprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle: Der Ehec-Keim, der derzeit in Deutschland wütet, ist besonders aggressiv. Mitunter kommt es zu unerwarteten Krankheitsverläufen. Deutsche Mediziner sind ratlos - und Forscher zweifeln, ob sie die Quelle für die Infektionen jemals finden werden.

Dialyse bei Ehec-Patient in Hamburg: "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe"
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Dialyse bei Ehec-Patient in Hamburg: "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe"

Von Cinthia Briseño


Schlagartig kommen die schmerzhaften Bauchkrämpfe, dann der blutige Durchfall und das Fieber. Vor allem Menschen in Norddeutschland, die in diesen Tagen mit den Symptomen in die Klinik eingeliefert werden, sind höchstwahrscheinlich Träger des gefährlichen Erregers Ehec, Serotyp O104:H4.

Seit gut drei Wochen sorgt der Keim täglich für neue Schlagzeilen, Seuchenexperten und Behörden sprechen von einer ernsten Situation. Das Robert Koch-Institut (RKI) bleibt alarmiert: Es gebe "keinen Anlass für Entwarnung", sagte Reinhard Burger am Mittwoch im Bundestag vor den Abgeordneten des Verbraucherausschusses.

Der jüngste Ehec-Ausbruch stellt die Mediziner vor viele Rätsel, der Erregertyp erweist sich als besonders aggressiv und bereitet selbst erfahrenen Ärzten Sorgen. Jährlich kommt es bundesweit zu kleineren Ehec-Ausbrüchen mit etwa 1000 Infizierten, für gewöhnlich wissen die Ärzte, was zu tun ist. Doch die aktuelle Ehec-Seuche ist anders: "Wir beobachten unerwartete Krankheitsverläufe, die wir bisher nicht kannten", sagte der Direktor der Medizinischen Klinik I am Standort Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Hendrik Lehnert.

In Niedersachsen starb zuletzt eine 84 Jahre alte Patientin an der schweren Ehec-Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus). Damit sind bundesweit 16 Todesfälle registriert; 14 davon waren Frauen. 470 bestätigte Hus-Fälle gibt es nach RKI-Angaben derzeit in Deutschland. Ein großer Teil der Patienten liegen derzeit im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf stationiert. "Wir bereiten uns im UKE auf weitere schwer kranke Hus-Patienten vor", sagte Jörg Debatin, der ärztliche Direktor, bereits vor wenigen Tagen.

Experten suchen weiter fieberhaft nach der Herkunft der Erreger: "Man kann derzeit gar nichts ausschließen", erklärte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) im ZDF. Die Lieferwege müssten zurückverfolgt, Lieferlisten ausgewertet werden. EU-Gesundheitskommissar John Dalli sprach in Brüssel von einer "ernsten Krise". Er erwartet bei der Suche nach der Infektionsquelle rasche Aufklärung aus Deutschland.

Aufruf zur Blutspende

Tatsächlich erweist sich der Keim als besonders aggressiv. In den Darmzellen der Ehec-Infizierten spielt sich eine Kaskade ab, die tödlich enden kann: Die Bakterien sind nicht nur besonders widerstandsfähig und passieren unbeschadet die Magensäure. Haben sie sich erst einmal in der Darmwand eingenistet, produzieren sie ein gefährliches Gift. Dieses sogenannte Shigatoxin ist ein tückisches Protein. Es bindet sich an bestimmte Rezeptoren, die auf der Zelloberfläche der kleinen Blutgefäße in der Darmwand und den Nieren sitzen. Dadurch stülpt sich die Zelloberfläche ein, zusammen mit dem Toxin, welches auf diese Weise ins Zellinnere gelangt und dort sein Unheil anrichtet. Grob gesagt unterbricht es die Protein-Produktion der Zelle - sie stirbt.

Was auf molekularer Ebene ein höchst komplexer Vorgang ist, hat für den menschlichen Körper dramatische Auswirkungen, dem Ärzte nur bedingt etwas entgegensetzen können. Blutgerinnsel, zerstörte Blutplättchen und rote Blutkörperchen, Blutarmut, Nierenversagen - im schlimmsten Fall kommt es zu bleibenden Nierenschäden.

Patienten, bei denen dieses sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (Hus) besonders weit fortgeschritten ist und deren Blutbild bestimmte Werte unterschreitet, hilft mitunter nur noch eine Plasmapherese, eine spezielle Art der Blutwäsche. Damit kann das Blut vom gefährlichen Toxin gereinigt werden. Doch die Studienlage ist dünn, bei welchem Patienten eine Plasmapherese tatsächlich hilft, können Ärzte nicht genau sagen.

Angesichts des hohen Bedarfs an Blutkonserven und Blutplasma haben erste Krankenkassen jetzt zum Blutspenden aufgerufen. "Wir haben zwar eine gut organisierte, länderübergreifende Versorgung mit Blutkonserven, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Urlaubssaison unmittelbar bevorsteht, in der erfahrungsgemäß durch ein erhöhtes Unfallgeschehen auch wieder mehr Blutkonserven benötigt werden", erklärte der Sprecher des Landesverbandes der Ersatzkassen in Mecklenburg-Vorpommern, Bernd Grübler, am Mittwoch.

Täglich werden 500 Plasma-Einheiten benötigt

Am UKE gab man bekannt, dass die Ärzte noch für einige Wochen über ausreichend Blutplasma verfügen, selbst wenn weiterhin täglich 500 Einheiten benötigt würden. Der durchschnittliche Verbrauch läge sonst bei 60 Einheiten pro Tag.

Just haben Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (beide SPD) ebenfalls zum Blutspenden aufgerufen - und sich gleich selber Blut abzapfen lassen. Denn vom Zeitpunkt der Blutspende bis zur Gewinnung von verwendbarem Plasma vergehen nach UKE-Angaben rund drei Monate. "Deshalb ist es wichtig, jetzt, wo wir noch genügend Reserven haben, etwas zu tun - damit wir immer genügend Rücklagen haben", sagte Scholz.

Die Spendebereitschaft ist hoch, löst aber das Problem vieler Hus-Patienten nicht. Denn bei vielen treten zusätzlich neurologische Komplikationen auf - eine weitere gefürchtete Eigenschaft des O104:H4-Erregers, gegen die Ärzte derzeit ankämpfen müssen. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein etwa haben die Hälfte aller Ehec-Infizierten mit Hus neurologische Ausfallerscheinungen.

Schwere Hirnstörungen können die Folge sein

Die Folgen sind beunruhigend: Etwa drei bis vier Tage nach Beginn des HU-Syndroms würden die Hirnstörungen auftreten, sagte Lehnert. Wer Glück hat, muss lediglich Kopfschmerzen ertragen. Anderen Patienten ergeht es weitaus schlechter. Krampfanfälle, Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen bis hin zu Epilepsien - die Palette der neurologischen Folgen ist groß.

Einzige Hoffnung in solchen Fällen macht derzeit ein Antikörper, der an verschiedenen Kliniken getestet wird. Am Freitag wollen die Zentren in Hamburg, Hannover und Kiel die ersten Ergebnisse auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie vorstellen. Noch aber ist Skepsis geboten, bisher kennt man etwa mögliche Nebenwirkungen nicht. Vorsichtig optimistisch hatte sich bereits Hermann Haller, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geäußert: "Es nützt etwas, aber es ist kein Wundermittel."

Während die Ärzte um das Überleben ihrer Hus-Patienten kämpfen, suchen Seuchenexperten weiterhin fieberhaft nach der Quelle des tückischen Erregers. Seit Salatgurken aus Spanien als Auslöser für den aktuellen Ehec-Ausbruch ausgeschieden sind, stehen die Mikrobiologen, die derzeit Proben im Akkord analysieren, wieder am Anfang. Rindfleisch, Würstchen, Erdbeeren, Limetten - in jede Richtung ermitteln die Forscher derzeit. Einen heißen Kandidaten haben sie aber bisher nicht, die heiß ersehnte positive Probenanalyse: bisher Fehlanzeige.

Allzu optimistisch geben sich die Forscher bei der Suche nicht: In 80 Prozent der Fälle bleibe die Bestimmung der Quelle erfolglos, sagte Andreas Sammann vom Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt. Dem pflichtete RKI-Chef Burger bei: "Es wird nicht immer gelingen, den Keim zu finden." Es sei auch denkbar, dass Epidemien von alleine ausklingen, nachdem das verdorbene Lebensmittel ganz verzehrt oder entsorgt sei. Wann das aber der Fall sein wird, vermag niemand zu prognostizieren.

Mit Material von dpa

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Seite 1
timewalk 01.06.2011
1. GMO Link?
Zitat von sysopSprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle:*Der Ehec-Keim, der derzeit in Deutschland wütet, ist besonders aggressiv. Mitunter kommt es zu unerwarteten Krankheitsverläufen. Deutsche Mediziner sind ratlos - und Forscher zweifeln, ob sie die Quelle für die Infektionen jemals finden werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766156,00.html
Da fällt mir auf Anhieb nur dieser Zusammenhang auf GMOs Alter the Genetic Make Up of Our Healthy Bacteria Learn more: http://www.naturalnews.com/028635_GMOs_bacteria.html#ixzz1O2k0A19l
makutsov 01.06.2011
2. Müsste nicht
Müsste die Nahrungsmittel nicht langsam alle sein? Was korreliert denn mit der Anzahl der Erkrankungen? Der Wochenbeginn? Lieferzeiten für bestimmte Supermärkte?
aprilapril 01.06.2011
3. Ich bin wirklich....
Zitat von sysopSprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle:*Der Ehec-Keim, der derzeit in Deutschland wütet, ist besonders aggressiv. Mitunter kommt es zu unerwarteten Krankheitsverläufen. Deutsche Mediziner sind ratlos - und Forscher zweifeln, ob sie die Quelle für die Infektionen jemals finden werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766156,00.html
kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber langsam beschleicht mich das Gefühl, es könne sich um einen Anschlag mit terroristischem Hintergrund handeln. Gehen Ermittlungen auch in diese Richtung?
candide08 01.06.2011
4. Erpresser oder Terroristen am Werk?
Das über einen möglicherweise kriminellen Hintergrund so überhaupt gar nichts in dem sonst so überdrehten Medien-Apparat geschrieben oder erörtert wird, macht mich inzwischen erst recht stutzig.
chico 76 01.06.2011
5. Die
Zitat von sysopSprachstörungen, Epilepsien, Krampfanfälle:*Der Ehec-Keim, der derzeit in Deutschland wütet, ist besonders aggressiv. Mitunter kommt es zu unerwarteten Krankheitsverläufen. Deutsche Mediziner sind ratlos - und Forscher zweifeln, ob sie die Quelle für die Infektionen jemals finden werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766156,00.html
Quelle nicht finden werden? Erstaunlich. Zumindest hat es dazu gereicht, dass eine ganze Nation, wegen ihrer Gurken/Gemüse an den Pranger gestellt wurde. Nach Japan, Griechenland nun Spanien. Weiter so Deutschland, das Land der Besserwisser und Panikschürer. Wer kommt als nächstes? Wer mehr Ratten als Einwohner hat ( Berlin, Hamburg u.s.w.) sollte zurückhaltender sein, mit Vorverurteilungen, die sich bereits als falsch erwiesen haben. Warum ist noch kein Spanier erkrankt? Vor der eigenen Türe kehren, empfehlenswert.
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