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Darmkrankheit: Ärztekammer warnt vor Ehec-Panik

Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim - jetzt warnt der Vizepräsident der Bundesärztekammer vor Hysterie. Die Lage sei beherrschbar, jeder könne sich durch häufiges Händewaschen und den Verzicht auf bestimmte Gemüsesorten schützen.

Ehec-Keime im Labor: Lage beherrschbar Zur Großansicht
DPA

Ehec-Keime im Labor: Lage beherrschbar

Passau - In Deutschland grassiert der Ehec-Erreger. Doch trotz der zunehmenden Erkrankungen durch den gefährlichen Durchfallkeim hält die Bundesärztekammer die Situation für beherrschbar. "Hier geht es zwar um einen potentiell lebensgefährlichen Erreger, doch ich warne vor Panikmache", sagte der Vizepräsident der Kammer, Frank-Ulrich Montgomery, der "Passauer neuen Presse". Die Lage lasse sich beherrschen, auch wenn die Fallzahlen stiegen.

Jeder könne sich schützen, indem er sich streng an die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts halte, häufig die Hände wasche und vorübergehend auf bestimmtes Gemüse verzichte. Das Institut hatte geraten, auf den Verzehr von rohen Gurken, ungekochten Tomaten und Salat zu verzichten.

Der Hannoveraner Nierenarzt Jan Kielstein sagte dagegen, die Warnungen seien "keine Panikmache". Kritik von Landwirten an der Informationspraxis von Behörden und Medizinern könne er nicht teilen, betonte der Nierenspezialist von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Es sind natürlich alle sehr verunsichert, wie mit einer solchen Situation umzugehen ist." Nach der Schweinegrippe-Zeit bestehe der Hang zu eher vorsichtigen Warnungen, da die Bevölkerung die Ausbreitung damals als nicht so dramatisch wahrgenommen habe. "Daraus aber eine große Zurückhaltung zu entwickeln, was Warnungen angeht, wäre sicherlich falsch."

Verbraucherministerin Aigner und Bundesgesundheitsminister Bahr wollen sich am Montag im Berliner Robert Koch-Institut (RKI) über den gefährlichen Darmerreger informieren. Beide Politiker werden gemeinsam mit Vertretern der Länder über den aktuellen Stand der Untersuchungen unterrichtet. Auch sollen die getroffenen Maßnahmen im Zusammenhang mit den Erkrankungen am sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) diskutiert werden.

"Wir werden weitere Menschen verlieren"

Bis zum Wochenende sind in Deutschland zehn Menschen im Zusammenhang mit Ehec-Infektionen gestorben - alle Opfer stammten aus Norddeutschland: vier aus Schleswig-Holstein, drei aus Niedersachsen, zwei aus Hamburg und eines aus Bremen. Von den zehn Toten in Deutschland sind neun Frauen.

Hunderte sind erkrankt, viele Patienten liegen in äußerst kritischem Zustand auf der Intensivstation. Vor allem im Norden ist die Situation ernst. "Wir werden weitere Menschen verlieren", sagte Jörg Debatin, Chef des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Vier Kinder und 14 Erwachsene sind auf der Intensivstation. 30 am hämolytisch-urämischen Syndrom Erkrankte haben keine Nierenfunktion mehr. Wer einen schweren Hus-Verlauf überlebe, müsse auch mit bleibenden neurologischen Störungen und Nierenschäden rechnen. Wegen Überlastung verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte nach Niedersachsen. Dort wurden mehr als 140 bestätigte Erkrankungen, rund 50 Ehec-Verdachtsfälle und mehr als 40 Hus-Fälle registriert.

Bundesweit registrierten die Behörden mehr als 1200 bestätigte und verdächtigte Ehec-Fälle. Die Behörden in Schleswig-Holstein und Niedersachsen gehen indes davon aus, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigen wird. Den Angaben nach könnten zwischen einer Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit bis zu zehn Tage liegen.

"Quelle der Infektionen noch aktiv"

Mediziner setzen bei schweren Hus-Fällen inzwischen auf den neuen Wirkstoff Eculizumab. Der sogenannte monoklonale Antikörper hatte im vergangenen Jahr bei drei Ehec-infizierten Kindern die Hus-Symptome drastisch gebessert, wie Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten. Die neue Behandlung wird etwa in den Unikliniken Hamburg, Hannover und Schleswig-Holstein eingesetzt. Ob sie wirkt, lässt sich nach Angaben der Kliniken aber erst nach etwa einer Woche beurteilen.

Laut dem Europäischen Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (EDCD) in Stockholm ist der derzeitige Ausbruch des Darmkeims Ehec einer der größten seiner Art weltweit und der größte jemals in Deutschland. In einem Gefahrengutachten geht das EDCD davon aus, dass "die Quelle der Infektionen noch aktiv ist". Unmittelbare Gefahren für andere europäische Länder sieht die Behörde derzeit noch nicht.

Das Hamburger Hygiene-Institut hatte den Darmkeim auf drei Salatgurken aus Spanien gefunden, doch schlossen die Experten weitere Quellen nicht aus. In Mecklenburg-Vorpommern gab es nach Angaben des dortigen Landwirtschaftsministeriums erstmals Hinweise auf kontaminierte Gurken. Bei drei Früchten sei Shigatoxin nachgewiesen worden - eine giftige Substanz, die von Coli-Bakterien produziert wird. Mit weiteren Tests müsse aber noch nachgewiesen werden, ob sie von Ehec-Erregern stammten. Die Gurken kämen aus unterschiedlichen Lieferungen, sagte die Sprecherin. Nur wenn sich der Ehec-Verdacht erhärte, wolle sie den Ursprung nennen.

ulz/dapd/dpa-AFX

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1. Da habe ich meine Zweifel...
tschort 30.05.2011
Zitat von sysopImmer mehr Menschen infizieren sich mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim - jetzt warnt der Vizepräsident der Bundesärztekammer vor Hysterie. Die Lage sei beherrschbar und jeder könne sich durch häufiges Händewaschen und den Verzicht auf bestimmte Gemüsesorten schützen, sagt Frank-Ulrich Montgomery. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765578,00.html
Solange die Infektionsquelle nicht identifiziert wurde, kann es passieren, dass auch andere Lebensmittel infiziert werden. Es steht fest, dass die infizierten Gurken aus Spanien kommen, aber kein Spanier an HUS erkrankte. Wie kann man sowas erklären?
2. Biogasanlagen
nethopper01 30.05.2011
Gestern habe ich mit einem Freund telefoniert. Er arbeitet in einem Klinikum und ist als Hygiene- und Umweltmediziner tätig. Ich fragte ihn nach seiner Meinung zu den Ursachen der EHEC Ansteckungen. Er sagte, die Gurken aus Spanien, seien nur ein politisches Ablenkungsmanöver. Die Ursache liege seiner Meinung nach in verseuchtem Wasser, mit dem Gemüse und Salat bewässert und berieselt wird. Oberflächenwasser, teilweise auch bereits Grundwasser sei durch Überdüngung verseucht. Ursächlich sei neben Gülle Restgärmasse aus Biogasanlagen, die auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht wird. Gerade Biogasanlagen seien Brutstätten für Bakterien, EHEC, aber auch z.B. für Botulismus. Dies wird aber, obwohl den verantwortlichen Stellen bekannt, von allen politischen Parteien totgeschwiegen, weil es nach den Entscheidungen für die Energiewende nicht in die politische Landschaft passe. Sollte diese Einschätzung richtig sein, dann hätte die Energiegewinnung durch nachwachsende Rohstoffe bereits jetzt mehr Todesopfer gefordert als 40 Jahre Kernkraft. Nichts ist ohne Risiko.
3. Ich warne auch!
efka 30.05.2011
Hallo und Guten Morgen Das alles umfassende Hysterienthema EHEC lässt doch alle Realität in Vergessenheit geraten. Vergleicht doch mal die realen Todeszahlen von dem Killervirus (oder ist es ein Bakterium?) mit denen von Verkehrstoten: http://www.dvr.de/aktuelles/sonst/2575.htm Ihr seit alle Hysteriker und Hypochonder! Nur weil ein Pseudoexperte die Worte: Tomate, Salat oder Gurke im Radio und TV im Zusammenhang mit der Abkürzung EHEC formulieren kann und die Ministerriege und die Ethikkommission mit verzweifeltem Merkelblick politogen lamentiert - Keiner mehr ißt Gurken, Salate und Tomaten. Mal Hand aufs Herz: Wer fährt denn noch AUTO? Na? Alle! Dann vergleicht mal die Todeszahlen von EHEC und von Verkehrstoten: http://www.dvr.de/aktuelles/sonst/2575.htm Ich fordere erst mal: Fahrverbot für ALLE - vorsichtshalber mal für Männer und Frauen! Also: Realitäten ansehen und dann Massensuizid! Aber telegen ists halt mit Dackelblick die furchtbare Killerseuche zu postulieren! Volksverdummung par Excellence! efka
4. Ach ja?
C-Schmidt, 30.05.2011
Dazu zwei Anmerkungen: 1. Mehrere Opfer haben lange Zeit keine Gurken gegessen. 2. Nahezu JEDE Kuh trägt heute inzwischen den Keim in sich und scheidet ihn aus. Diese Fäkalien/Gülle wird großflächig auf Feldern aufgebracht. Der Keim überlebt außerhalb des Wirtes gut 6 Monate.... Ich denke, das die Besorgnis vieler Menschen berechtigt ist. Leider.
5. xxx
Schleswig 30.05.2011
Zitat von sysopImmer mehr Menschen infizieren sich mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim - jetzt warnt der Vizepräsident der Bundesärztekammer vor Hysterie. Die Lage sei beherrschbar und jeder könne sich durch häufiges Händewaschen und den Verzicht auf bestimmte Gemüsesorten schützen, sagt Frank-Ulrich Montgomery. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765578,00.html
Bei mir drängt sich immer mehr der Verdacht auf, dass es sich um eine gezielte Verunreinigung handelt. Warum ist das Verbreitungsgebiet im Norden so hoch? Es sollte doch ein leichtes sein, wenn der Erreger von hier ausgeht ihn zu finden. Und wenn der Erreger von Spanien ausgeht, so sollte ebenso leicht möglich sein ihn zu lokalisieren. So viele Möglichkeiten gibt es doch nicht, wenn ich die Stecke zurück verfolgen kann. An der Quantität und Qualität des Personal wird wohl nicht liegen. Sage ich jetzt einmal so leicht daher. Aber warum nur Gurken, Tomaten und Salate. Es gibt auch noch anderes Gemüse.
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