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Darmkrankheit: Ehec-Seuche breitet sich ungebremst aus

Die Ansteckungen mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim nehmen unvermindert zu. Kliniken melden viele neue Fälle, zehn Infizierte sind gestorben - und Ärzte erwarten weitere Opfer. Zugleich klagen Bauern über massive Einnahmeausfälle.

Ehec-Seuche: Kampf gegen den Darmkeim Fotos
DPA

Berlin/Schwerin - Die Ehec-Seuche scheint derzeit kaum zu stoppen: Wie das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) am Sonntag meldete, sind inzwischen rund 300 Patienten am gefährlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) erkrankt. Die Zahl der Menschen, die zwar keine lebensgefährlichen Komplikationen zeigten, aber mit Ehec angesteckt seien, liege noch um ein Vielfaches höher.

Am Wochenende erhöhte sich die Zahl der Ehec-Toten auf zehn. In Hamburg starb eine 87-Jährige, in Kiel eine 38-Jährige, im Süden Schleswig-Holsteins eine 84-Jährige und in Lübeck eine 86-Jährige. Alle erlagen dem hämolytisch-urämischen Syndrom, das mit blutigem Durchfall, Nierenversagen und dem Zerfall der roten Blutkörperchen einhergeht.

In Mecklenburg-Vorpommern gab es nach Angaben des dortigen Landwirtschaftsministeriums erstmals Hinweise auf kontaminierte Gurken. Bei drei Früchten sei Shigatoxin nachgewiesen worden - eine giftige Substanz, die von Coli-Bakterien produziert wird. Mit weiteren Tests müsse aber noch nachgewiesen werden, ob sie von Ehec-Erregern stammten. Die Gurken kämen aus unterschiedlichen Lieferungen, sagte die Sprecherin. Nur wenn sich der Ehec-Verdacht erhärte, wolle sie den Ursprung nennen.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) bekräftigte die Warnung vor rohen Gurken, Tomaten und Salat. "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand", sagte Aigner der "Bild am Sonntag". Bundesregierung, Länder und Behörden wollen über die Ausbreitung des Darmkeims am Montag bei einem Spitzentreffen in Berlin beraten.

Bauern beklagen finanzielle Einbußen

In einer Emnid-Umfrage für die Zeitung gaben 58 Prozent der Befragten an, derzeit auf ungekochte Gurken, Tomaten und Salat zu verzichten. Schon klagen Deutschlands Bauern über starke Absatzeinbrüche. Der Vizechef des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Hans-Peter Witt, sieht "irrsinnige Schäden". Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Dies sei für viele Bauern existenzgefährdend.

Große Obst- und Gemüseerzeuger lassen inzwischen Stichproben ihrer Produkte testen und erklären sie nach entsprechenden Laborbefunden als "Ehec-frei". Doch die Tests haben nach Ansicht der Bundesregierung nur begrenzte Aussagekraft. Derzeit sei noch nicht bekannt, an welchem Punkt der Lebensmittelkette die Kontamination der Waren stattgefunden habe, sagte ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums, Holger Eichele, am Sonntag in Berlin. Unklar sei auch noch, ob die bisher gefundenen Ehec-Erreger auf spanischen Gurken von einer Kontamination bei der Erzeugung herrührten.

Grundsätzlich begrüße das Ministerium, dass die Wirtschaft - parallel zu den Kontrollen der zuständigen Landesbehörden - mit eigenen Untersuchungen für mehr Sicherheit sorge, sagte Eichele. Mit der Wirtschaft sei vereinbart, dass sie ihre Ergebnisse den Behörden zur Verfügung stelle. Die Untersuchungsdichte und -tiefe der Wirtschaft könne für die Risikoorientierung der Behörden-Untersuchungen genutzt werden.

"Wir werden erwachsene Patienten verlieren"

Der Höhepunkt der Ehec-Welle ist offensichtlich noch nicht erreicht. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt", sagte ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums. Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) erwartet eine weitere Zunahme. Zwischen einer Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit könnten bis zu zehn Tage liegen, betonte er.

Die norddeutschen Kliniken stöhnen unter dem Ansturm der Verdachtsfälle. Stündlich würden neue erwachsene Hus-Patienten eingeliefert, sagte Jörg Debatin, Vorstandschef des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Am Samstag seien zehn Erwachsene eingeliefert worden. Bis zum Sonntagnachmittag wurden laut Debatin weitere sechs Erwachsene sowie zwei Kinder mit Hus in der Klinik aufgenommen. Insgesamt werden demnach derzeit 58 Patienten mit Hu-Syndrom im UKE behandelt, davon 18 auf der Intensivstation. "Wir müssen weiterhin davon ausgehen, dass wir erwachsene Patienten verlieren werden", sagte Debatin.

Ähnlich äußerte sich die europäischen Gesundheitsbehörde: Der derzeitige Ausbruch des Darmkeims Ehec sei einer der größten seiner Art weltweit und der größte jemals in Deutschland. In einem Gefahrengutachten geht das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm (EDCD) davon aus, dass "die Quelle der Infektionen noch aktiv ist".

Mediziner setzen bei schweren Hus-Fällen inzwischen auf den neuen Wirkstoff Eculizumab. Der sogenannte monoklonale Antikörper hatte im vergangenen Jahr bei drei Ehec-infizierten Kindern die Hus-Symptome drastisch gebessert, wie Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten. Die neue Behandlung wird etwa in den Unikliniken Hamburg, Hannover und Schleswig-Holstein eingesetzt. Ob sie wirkt, lässt sich nach Angaben der Kliniken aber erst nach etwa einer Woche beurteilen.

Nach Angaben der EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC in Kopenhagen handelt sich um einen der weltweit schwersten Ausbrüche solcher Ehec-Varianten, die Hus auslösen können - und um den bislang größten beobachteten Ausbruch in Deutschland. Unmittelbare Gefahren für andere europäische Länder sieht die Behörde jedoch derzeit nicht.

mbe/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 251 Beiträge
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    Seite 1    
1. Angst
dr.vonundzu 29.05.2011
Die Schweinegrippe hab ich gehabt und unbeschadet überlebt. Neige sonst nicht zur Panik. Aber ich muss gestehen, ich habe diesmal wirklich Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, potentielles Opfer zu sein. Wundere mich über mich selbst.
2. Und wenn es doch ein Anschlag ist ?
einfachgerecht 29.05.2011
Ich finde es sehr erschreckend, wie schnell und wie hoch die HUS Quote ist, denn sonst sind noch nie so viele Menschen in einem Jahr an diesem Bakterium erkrankt. Kann es nicht doch sein, das mit Absicht Gemüse kontaminiert wurde mit dem Bakterium? Ich glaube es bald. Denn wenn es Gurken aus Spanien wären, warum ist dann Spanien keine Erkrankung und alles geht von Norddeutschland am heftigsten aus. Ich finde das alles sehr merkwürdig und beängstigend.!!!!
3.
San Martin 29.05.2011
Zitat von sysopDie Ansteckungen mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim nehmen unvermindert zu. Kliniken melden viele neue Fälle,*zehn Infizierte sind gestorben*- und Ärzte erwarten weitere Opfer. Zugleich klagen Bauern über massive Einnahmeausfälle. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765552,00.html
Kann egoistisch klingen, aber gut dass wir hier nichts aus der EU verzehren. haben wir nicht nötig. Gruß aus Buenos Aires. NB: Vielleicht wird der Erreger ja so stark weil alles was Europäer essen genmanipuliert ist? Schon mal daran gedacht? Dummerweise glaubt man die Natur zu beherrschen.
4. Die Wohlstandsgesellschaft wird bestraft
achazvonthymian 29.05.2011
Irgendwann musste die Strafe kommen für die Völlerei, die Prasserei, dieses ungezügelte Verhalten der West-Menschen an der Natur. Jeder zweite Deutsche ist dickbäuchig, schon Zweijährige müssen Diäten verordnet bekommen, Schulkinder ertrinken im Schwimmunterricht, weil sie auf Grund ihres Übergewichts absacken wie Schottersteine. Das ist die nun Strafe. Im ALDI-Regal werden derzeit Gurken für 15 Cent pro Stück angeboten, keiner will sie kaufen. Ich habe gerade zum Trotz 50 Stück gekauft. Ich werde nicht bestraft, weil ich nie geprasst habe. So einfach ist das.
5.
Jemand03 29.05.2011
Wo genau ist jetzt eigentlich der "Wert" dieser Meldung? Es gibt derzeit NICHTS neues zu berichten aber quasi im Stundentakt wird mit einer "schmissigen" Überschrift suggeriert, dass die Apokalypse nun unabwendbar geworden ist. Das ist übelste Panikmache, der Situation gänzlich unangemessen und schürt die Angst der Menschen nur noch mehr.
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