Europas größte Anatomie-Sammlung: Die Körper-Kunst von Halle

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Spektakuläre Anatomie: Die Highlights der Meckelschen Sammlungen Fotos
Janos Stekovics

Verästelte Gefäßsysteme, Skelette von Föten, aufgeblasene Därme, konservierte Herzen: In Halle befindet sich eine der größten Anatomie-Sammlungen Europas. Der Bildband "Das vorzüglichste Cabinett" stellt die spektakulärsten Exponate vor.

Es ist ein einzigartiger Schatz, der im Institut für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität in Halle lagert: Rund 8000 präparierte Körperteile von Mensch und Tier finden sich in den Regalen, fein säuberlich sortiert und beschriftet. Die sogenannten Meckelschen Sammlungen gehören zu den umfangreichsten anatomischen Kollektionen in Deutschland und Europa. Einen Einblick in dieses besondere Arsenal bietet nun ein üppiger Bildband, herausgegeben vom Leiter der Sammlungen, Rüdiger Schultka.

"Das vorzüglichste Cabinett", so heißt das Buch, erinnert an eine zeitgenössische Bezeichnung der Meckelschen Sammlungen. Es ist ein passender Titel. Denn das, was der Betrachter Seite für Seite zu sehen bekommt, ist wirklich vorzüglich: fein verästelte Gefäßsysteme, zerbrechliche Skelette von Föten und Kindern, aufgeblasene Därme, konservierte Herzen – festgehalten in ästhetischen Fotografien von Janos Stekovics. Dazu erläutert Schultka unter anderem Präparationstechniken und Geschichtliches.

Werk einer Ärztedynastie

Die ältesten Anschauungsexemplare in Halle entstammen einer Zeit, als die Anatomie von einem Großteil der Gesellschaft noch mit Skepsis betrachtet wurde. Nur langsam begannen sich im 18. Jahrhundert anatomische Sammlungen von barocken Kuriositätenkabinetten in Einrichtungen zu verwandeln, die Forschung und Lehre dienten.

Damals fing der Anatom Johann Friedrich Meckel an, Präparate zur systematischen Analyse menschlicher und tierischer Körper zusammenzutragen. Bis 1830 hatte die Ärztefamilie Meckel ein umfangreiches privates Arsenal mit mindestens 12.000 Objekten in ihrem Besitz. Nachfolger ergänzten und pflegten die Sammlungen. Bis heute ist ein wesentlicher Teil davon erhalten geblieben.

"Das vorzüglichste Cabinett" ist Lehrbuch und Kunstband zugleich: Die Präparate zeugen von handwerklichem Können und filigraner Feinarbeit. Die Bilder dieser Kunstwerke zeigen den menschlichen und tierischen Körper im Detail, darunter auch seltene Fehlbildungen wie das Prune-Belly-Syndrom oder am Kopf zusammengewachsene Zwillinge.

Wie unser Körper funktioniert und was passiert, wenn ein Defekt im genetischen Bauplan auftaucht, wird hier in faszinierender Weise anschaulich. Eher zart besaitete Gemüter sollten dabei allerdings wohl lieber einige Seiten überblättern.

Auch der Sohn Johann Meckels, Philipp Friedrich Theodor, wurde übrigens Teil der anatomischen Sammlung seines Vaters. Er hatte zu Lebzeiten verfügt, er wolle nach seinem Tod skelettiert werden. Seine sterblichen Überreste sorgten nach seinem Ableben am 17. März 1803 dann auch für eine Überraschung: "Am Skelett fand man anatomische Besonderheiten: ein dreizehntes Rippenpaar sowie einen zusätzlichen Wirbel zwischen Brust- und Lendenwirbelsäule", schreibt Schultka. Meckel wäre vermutlich entzückt gewesen.

Rüdiger Schultka: "Das vorzüglichste Cabinett", Verlag Janos Stekovics, 35 Euro (gebundene Ausgabe)

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Körperwelten
Humpty76 30.06.2013
Kann mir jemand erklären, warum das Kunst bzw. Wissenschaft ist, während man sich über die Exponate eines Gunther von Hagens dazumals maßlos echauffiert hat? Ich sehe da keinen Unterschied...
2. menschenwürde
adazaurak 30.06.2013
irgendwie habe ich Problem das mit der Idee der Würde des Menschen unter einen Hut zu bringen. Aber so etwas erwarte ich vom Spiegel eh schon lange nicht mehr. Wer sich zum Sprachrohr der EURO Befürworter (= Banksters Liebling) macht hat ja offensichtlich jegliche moralische Basis verloren.
3.
opreewalter 30.06.2013
Zitat von sysopJanos StekovicsVerästelte Gefäßsysteme, Skelette von Föten, aufgeblasene Därme, konservierte Herzen: In Halle befindet sich eine der größten Anatomie-Sammlungen Europas. Der Bildband "Das vorzüglichste Cabinett" stellt die spektakulärsten Exponate vor. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/das-vorzueglichste-cabinett-bildband-zu-meckelschen-sammlungen-a-906883.html
Wirklich hoch interessante Sammlung. Werde mir das Buch bestellen und zu den Werken von Gunther von Hagen setzen. Wer sich die Bilder nicht ansehen möchte - der soll's denn auch bleiben lassen. Meckern zeugt doch nur von Unkenntnis. Ich sag immer: Wer viel meckert bekommt Falten im Gesicht und so.....
4.
LaPoldi 30.06.2013
Von Hagen ist mehr Kommerz als Wissenschaft und wird es auch immer bleiben. Und solche hier in der MLU befindlichen Exponate dienen und dienten nicht einer schaurigen Unterhaltung, sondern einem wissenschaftlichen Zwecke, egal ob Lehre, Studium oder das festhalten seltenster Defekte. Und hier wieder Artikel 1 (1) GG anzuführen ist wieder Ausdruck eines fehlenden Verständnisses des Wirkungsbereiches von Grundrechten, aber sei's drum, das GG schützt halt jede Minderheit, auch ihre...
5. Es IST Wissenschaft...
seppiverseckelt 30.06.2013
Zitat von Humpty76Kann mir jemand erklären, warum das Kunst bzw. Wissenschaft ist, während man sich über die Exponate eines Gunther von Hagens dazumals maßlos echauffiert hat? Ich sehe da keinen Unterschied...
...und was Gunter von Hagens macht zuallererst AUCH ! Natürlich wird durch das Plastinationsveerfahren die grenze richtung "künstlichkeit" und also Kunst absichtsvoll überschreitten- derv Körper der einmal Mensch gewesen bekommt eine "ander wertigkeit" wie von Hagens richtig bemerkt aber die Grundlage seines schaffens IST die Anatomische WISSENSCHAFT als Schrittmacherin und Begründerin der Wissenschaftlichen SCHULMEDIZIN abendländischer Prägung- wer DAS nicht wahrhaben will darf gerne auf ALLE Errungenschaften heutiger Medizin verzichten- aber wirklich AUF ALLE ! Zu dieser Interessanten und großen Meckelschen Sammlung des 18 Jahrhunderts bleibt zu bemerken dass das ÄLTESTE Wissenschaftlich-Medizinische Präparat der Anatomiegeschichte sich- Bitte Schön!- in BASEL befindet- als teil des anatomischen Museums von Basel- es ist das Skeltt des Jakob Karrer -auch als Vesalsches Skelett bekannt- welches der Verfasser des Allerersten Modernen Anatomischen Lehrbuches, nämlich Andreas Vesalius, im Jahre 1543 -also bereits im SECHZEHNTEN JAHRHUNDERT, in der Spätrenaissance- anlässlich der Drucklegung diesessiebenbändigen Lehrwerkes -De Humani corporis Fabrica- in Basel aus den Sterblichen Überresten des dortselbst Geköpften Verbrechers Jakob Karrer anfertigte- mitsamt von Ihm selbst eingeführter Knochenbleice in Seifenlauge! Wer sich also für die anfaänge von Anatomie als Grundlagenwissenschaft der Moderenen schulmedizinischen wissenschaft Interessiert, der sei -neben Leipzig und der dortigen vorzüglichen Sammlung- auch Dringend auf Basel verwiesen! Nicht umsonst wurden die ersten beiden Nominae anatomicae eben dort -in Basel und Leipzig- veranstaltet- zum andenken an jene Vorzüglichen anatomischen Lehrer auf deren schultern wir heute mit unserem Medizinischem Wissen stehen !
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