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Spaß-Studie: Länger leben mit dem Sternzeichen Fische

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Corbis

Kein Astrologie-Comeback

Erstaunlich: Schwerkranke mit dem Sternzeichen Fische überlebten eher als andere Patienten, so eine große Studie. Ist das die Rückkehr der Astrologie? Nein, nur eine Eulenspiegelei dänischer Forscher.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Knapp 800 Patienten haben an der Studie teilgenommen, alle litten an einer lebensbedrohenden Blutvergiftung (Sepsis) und benötigten Infusionen. Mediziner an 26 Zentren in Dänemark, Norwegen, Finnland und Island gaben den Betroffenen einen Flüssigkeitsersatz, der bei einigen Hydroxyethylstärke (Hes) enthielt. Die Studie sollte klären, ob der zuvor in Kritik geratene Hes-Zusatz den Patienten hilft oder etwa schadet.

Nach Abschluss der Studie suchten Peter Hjortrup von der Uniklinik Kopenhagen und Kollegen in den Daten nach weiteren Erkenntnissen - und prüften eine These, die sie selbst nicht ernst nahmen: "Weil die meisten Fische in Salzwasser leben, nahmen wir an, dass im Sternzeichen Fische Geborene in einer Studie bessere Überlebenschanen haben, in der es um Flüssigkeitsersatz geht", schreiben sie im "Critical Care an Resuscitation Journal".

Kein Vorteil für Wassermänner

Und tatsächlich: Von den Fische-Patienten - insgesamt waren es 70 Teilnehmer- überlebten 64 Prozent, bei allen anderen Sternzeichen waren es nur 52 Prozent. Bei Patienten mit Sternzeichen Wassermann, schreiben die Forscher noch, war dies nicht zu beobachten, obwohl man das auch hätte vermuten können.

Hjortrup und Kollegen wollen mit dem Fachartikel nicht die Astrologie fördern. Ihre Schlussfolgerung: Die Arbeit zeige, dass sich mit einer verlockenden Hypothese und einem ihr zuträglichen Einsatz von statistischen Methoden bei nachträglichen Datenanalysen großer Studien statistisch signifikante Ergebnisse gewinnen lassen.

"Wir wollten unsere Leser amüsieren. Aber im Prinzip kann die Arbeit auch in der wissenschaftlichen Ausbildung genutzt werden", schreibt Hjortrup in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Die Arbeit weise auf einen durchaus ernsten Aspekt hin: das sogenannte Datenfischen. In dem Berg von Zahlen, den klinische Studien liefern, lässt sich nachträglich immer etwas finden, dass statistisch signifikant ist, wenn man ausdauernd sucht. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die entdeckten Zusammenhänge stimmen.

Weit hergeholt

Im konkreten Fall ist Zufall die naheliegende und zugleich offensichtliche Erklärung. Es gibt zwölf verschiedene Tierkreiszeichen. Die Überlebensraten schwanken von Sternzeichen zu Sternzeichen, das ist völlig normal. So wie es auch normal ist, dass man, wenn man sechsmal einen Würfel wirft, nicht jede Augenzahl einmal würfelt, sondern manche doppelt oder dreifach und andere gar nicht.

Die Abweichung kann laut der Studie sogar statistisch signifikant sein, was aber nicht bedeutet, dass dies wirklich für alle Patienten gilt. Würden die Forscher Daten einer Studie mit anderen Erkrankten analysieren, hätten womöglich jene mit dem Sternzeichen Stier oder Jungfrau die höchsten Überlebenschancen.

"Die Fische-Hypothese war offensichtlich weit hergeholt", schreibt Hjortrup. "Aber wäre es eine glaubwürdigere Hypothese gewesen, dann wäre es nicht so naheliegend, darauf hinzuweisen, dass es ein Zufallsfund sein könnte."

In vielen Bereichen der medizinischen Forschung fehle noch Transparenz. Und dazu gehöre auch, mitzuteilen, ob man eine Hypothese aufgestellt hat, bevor eine Studie begann oder ob man sie erst formuliert hat, als schon alle Daten vorlagen.

Die Aussage "Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast", enthalte eben ein Körnchen Wahrheit, so Hjortrup. Leser sollten sich deshalb einen kritischen Blick bewahren.

Was sollte untersucht werden, was wird veröffentlicht?

Auf einen Missstand in Sachen Transparenz weist auch das seit einigen Monaten Projekt "Compare" hin. Die Beteiligten untersuchen bereits veröffentlichte medizinische Studien. Konkret überprüfen sie, welche zu untersuchenden Endpunkte im vorab erstellten und veröffentlichten Studienprotokoll genannt werden - und über welche dann im Fachartikel berichtet wird.

Ein Endpunkt ist beispielsweise: Wie hoch ist der Blutdruck der Probanden nach zwölf Wochen, wenn sie ein neues Medikament oder ein Placebo eingenommen haben? Je nach Studie können Todesfälle, Krankenhauseinweisungen, beobachtete Nebenwirkungen und vieles mehr als Endpunkte definiert werden. Manchmal werden nur zwei, drei Endpunkte definiert und berichtet, manchmal auch mehr als ein Dutzend.

"Compare" zeigt, dass es auch bei den wichtigsten medizinischen Fachblättern nicht die Ausnahme ist, dass vorab definierte Endpunkte bei der Veröffentlichung unter den Tisch fallen und später definierte berichtet werden - und zwar ohne dass dies im Artikel kenntlich gemacht wird. Von bisher 67 überprüften Studien seien nur neun nicht zu beanstanden. 300 vordefinierte Endpunkte wurden nicht berichtet, 357 wurden ohne expliziten Hinweis später aufgenommen, heißt es aktuell auf der Webseite. Und das passiert, obwohl die Fachjournale sich in einer Leitlinie dazu verpflichtet haben, jeden Tausch der Endpunkte in der Veröffentlichung unbedingt zu erwähnen.

Auch wenn es akademisch klingen mag, ist das für alle relevant: Solche Praktiken erhöhen die Gefahr, dass aus der Forschung falsche Schlüsse gezogen werden und diese sich später auf Behandlung von Patienten auswirken.

Und natürlich kann es sinnvoll sein, in bereits vorliegenden Daten nach weiteren Erkenntnissen zu fahnden. Es muss nur klar sein, dass dabei gefundene Zusammenhänge nur als Startpunkt folgender Untersuchungen dienen können - was man sich bei den überraschend widerstandsfähigen Fische-Patienten aber getrost schenken kann.

Zusammengefasst: Statistik ist geduldig und gute Forschung transparent.

Traue keiner Statistik

Zur Autorin
Nina Weber

Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

  • E-Mail: Nina.Weber@spiegel.de

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insgesamt 36 Beiträge
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1. no go area astrology
granathos 22.03.2016
wenn die Widerstandsfähigen allesamt Schnurrbartträger gewesen wären, so hätte es weitere Untersuchungen gegeben, bis der fehlende Zusammenhang klar gewesen wäre. In Sachen Astrologie wird dies aber natürlich von vornherein alles unterlassen. Tja, es könnten ja auch ganz gräßliche Ergebnisse dabei herauskommen.
2. Die Erde
Leeoos 22.03.2016
ist eine Scheibe! Das weiß doch wohl jeder! Deswegen ist es unsinnig zu versuchen, Indien auf dem Seewege gen Westen erreichen zu wollen! Tja, vielleicht sollte es man sich doch nicht "getrost schenken", den "Zusammenhang Sternkreiszeichen - Gesundung" zu untersuchen?! (ernst gement) Erkenntnisgewinn gäbe es so oder so, entweder sind Fische (oder Zwillinge oder was auch immer) für bestimmte Therapien empfänglicher, oder eben die Astrologiegläubigen müssten sich andere Argumentationen überlegen.
3. Da das ja wohl auch für die Physik stimmt,
l/d 22.03.2016
darf man die Funde der Physiker am CERN, die man aus dem "Rauschen" herausgefiltert hat, wohl mit etwas Vorsicht betrachten. Zumal die Physik unter dem Druck steht, den Milliardenaufwand zu rechtfertigen - mit neuen Erkenntnissen oder bestätigten Modellen. Wobei ich nicht gegen CERN bin, Grundlagenforschung muss sein.
4. einfach nicht zu Ende gedacht
sok1950 22.03.2016
Mit der Geburt und in den ersten Tagen wird der Mensch geprägt - von seiner Umgebung. Da ist es schon relevant, ob man im Winter oder im Sommer geboren wird. Inzwischen geben das sogar Wissenschaftler zu. Das Sternbild Fische gilt für die Zeit vom 12. März bis zum 19. April - Wetter, Sonnenscheindauer usw. beeinflussen nicht nur Erwachsene sondern auch Babys.
5. erschreckend...
freiheitimherzen 22.03.2016
... daß von 67 überprüften Studien nur 9 nicht zu beanstanden waren. D.h. auf ca. 13% kann man sich verlassen, auf ca. 78% nicht. Ob das den Wissenschaftsgläubigen zu denken geben wird? Viele Grüße
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