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Datenlese Pillenknick? Kannst du knicken!

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Antibabypille: In Deutschland seit den Sechzigern auf dem Markt

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Die Antibabypille beendete den Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg - so lautet eine beliebte Theorie. SPIEGEL ONLINE konfrontiert sie mit demografischen Daten und belegt: Die Pille war nicht schuld am Knick, weder in Deutschland noch anderswo.

Unter den demografischen Mythen hält sich der "Pillenknick" am hartnäckigsten. Wahrscheinlich, weil er mit Sex zu tun hat. Besser noch: Mit der sexuellen Befreiung der Achtundsechziger. Trotzdem ist die Idee ziemlich haltlos.

Die Theorie geht so: Als mitten im Nachkriegs-Babyboom die Antibabypille auf den Markt kam, brachen deswegen die Geburtenraten ein (Details zur Berechnung im Kasten "Was ist die Geburtenrate?"). Denn die Frauen konnten auf einmal selbst bestimmen, wie viele Kinder sie zeugen wollten. Und so viele wie zuvor wollten sie eigentlich gar nicht. Stattdessen wählten sie jetzt Sex ohne Zeugung.

Was ist die Geburtenrate?
Mit der „Geburtenrate“ ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau gemeint, die Demografen als zusammengefasste Geburtenziffer bezeichnen. Sie gibt für jedes Kalenderjahr an, wie viele Kinder die Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren durchschnittlich zur Welt brachten.
Warum wird dieser Wert verwendet?
Die zusammengefasste Geburtenziffer beschreibt Frauen aus 35 verschiedenen Geburtsjahrgängen und kann darum von der endgültigen Kinderzahl pro Frau eines einzelnen Geburtsjahrgangs am Ende von dessen gebärfähiger Phase („Kohortenfertilität“) abweichen. Sie ist dennoch die übliche Geburtenrate in der öffentlichen Demografiedebatte, da sie für jedes Kalenderjahr aktuell ist. Ausgelöst durch heftige Einzelereignisse kann sie durchaus stark schwanken.
Die Geschichte hat einen wahren Kern: Es gab einen Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg (in Deutschland von etwa 1956 bis 1969) und mittendrin wurde die Pille eingeführt (in Deutschland am 1. Juni 1961). Tatsächlich sanken die Geburtenraten, nachdem die Pille auf dem Markt war. Aber gibt es deswegen einen kausalen Zusammenhang?

Dagegen spricht zunächst einmal das merkwürdige Timing. Denn einen Babyboom inklusive "Knick" der Geburtenraten gab es in fast allen entwickelten Ländern. Aber nicht immer gleichzeitig.

Deutschland und die USA im Vergleich: Knick mit Verzögerung

Geburtenraten in Deutschland und den USA während des Babybooms Zur Großansicht

Geburtenraten in Deutschland und den USA während des Babybooms

Als Amerika 1960 die Pille bekam, war der Gipfel des Babybooms schon überschritten. Die Kinderzahl pro Frau erreichte ihren Höchststand nämlich schon 1957. Die Trendwende muss also andere Gründe gehabt haben als das neue Verhütungsmittel.

In Westdeutschland war es andersherum: Obwohl es die Pille seit 1961 gab, stieg die Geburtenrate noch fünf Jahre lang weiter (ihren Höchststand erreichte sie 1966 mit 2,54 Kindern pro Frau). Der Zenit des Babybooms lag auf beiden Seiten des Atlantiks also um ein Jahrzehnt auseinander, obwohl die Antibabypille fast gleichzeitig auf den Markt kam.

Als die Geburtenraten in den Sechzigern und Siebzigern purzelten, war die Pille außerdem gar nicht weit genug verbreitet, um einen so großen Effekt zu haben.

USA: Einfluss der Pille zu gering

Entwicklung der Geburtenrate in den USA sowie Nutzung der Pille und anderer moderner Verhütungsmittel Zur Großansicht

Entwicklung der Geburtenrate in den USA sowie Nutzung der Pille und anderer moderner Verhütungsmittel

In den USA ist das gut dokumentiert: Im Jahr 1965 schluckten 19 Prozent der "sexuell aktiven" Frauen das Verhütungsmittel, bis 1975 kletterte die Quote zwar auf ein Hoch von 27 Prozent, fiel danach aber gleich wieder. Heute verhütet nicht mal ein Fünftel der Amerikanerinnen mit der Pille. Das große Minus bei der Geburtenrate kann das nicht erklären: Von der Markteinführung der Pille bis Mitte der Siebziger sank sie dauerhaft um die Hälfte.

In Deutschland dürfte der Einfluss der Pille noch geringer gewesen sein. Zwar gibt es keine Verbreitungsdaten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Aber die Familienberater von pro familia haben historische Stimmen aus dieser Zeit zusammengetragen. Sie beschreiben, wie schwierig es in den vermeintlich so wilden 68ern war, an die Pille zu kommen:

  • Viele Ärzte kannten sich demnach kaum mit moderner Verhütung aus.
  • Anfangs verschrieben sie die Pille nur verheirateten Frauen, die ohnehin schon Kinder hatten und über 30 waren.
  • Generell empfahlen sie Abstinenz, wenn keine Kinder gewünscht waren.
  • Auch unter vielen Frauen galt die Pille noch lange als Todsünde, ähnlich wie eine Abtreibung.

Japan: Knick ganz ohne Pille

Dass der Geburtenrückgang nach dem Babyboom ganz andere Gründe haben könnte als die Pille, sieht man nirgendwo besser als in Japan: Dort knickten die Geburtenraten schon in den Fünfzigern massiv ein. Und das ganz ohne Pille.

Entwicklung der Geburtenrate in Japan sowie Nutzung der Pille und anderer moderner Verhütungsmittel Zur Großansicht

Entwicklung der Geburtenrate in Japan sowie Nutzung der Pille und anderer moderner Verhütungsmittel

Die Pille war und ist dort immer schon ein Tabu. Nur etwa ein Prozent der Japanerinnen nehmen sie. Wesentlich radikaler als Verhütungsmittel beeinflusste dort übrigens der Aberglaube die Geburtenrate: Weil Frauen, die in den "Feuerpferd-Jahren" des chinesischen Kalenders geboren werden, angeblich Unheil über die Familie bringen, kam es im Feuerpferd-Jahr 1966 zu deutlich mehr Abtreibungen und Kindstötungen.

In Japan sieht es so aus, als seien der Sinkflug der Geburtenraten und der Anstieg der Kondomnutzung zusammengefallen. Waren es also die modernen Verhütungsmittel insgesamt, deren Siegeszug in den Schlafzimmern dem Babyboom den Garaus machte? Plausibel ist es eher andersherum: Moderne Verhütungsmittel wurden populär, weil die Menschen weniger Kinder wollten. Und zwar nicht erst seit der 68er-Generation.

Deutschland: Geburtenraten schrumpfen seit 150 Jahren

In Deutschland sinken die Geburtenraten übrigens schon deutlich länger: Der Trend ist 150 Jahre alt und hat seine Ursachen sogar noch früher, in der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Seitdem ist eine Umwälzung der Wirtschafts- und Lebensweise, der Medizin, der Arbeitswelt und vor allem der Geschlechterrollen in Gang, die zunächst die Sterblichkeiten und dann die Kinderzahlen pro Frau sinken ließ.

Die historische Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland Zur Großansicht

Die historische Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland

"Demografischer Übergang" nennen die Bevölkerungsforscher dieses komplexe, multikausale Phänomen, und sie wissen, dass es bisher in allen entwickelten Ländern passiert ist. Ausnahmen vom Abwärtstrend der Kinderzahlen pro Frau hat es auch schon nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise gegeben: Die Geburtenraten stiegen kurzfristig, fielen dann aber wieder (ganz ohne Pille).

Viele Wissenschaftler glauben zwar, dass sich der Nachkriegs-Babyboom vom langfristigen Jahrhundert-Übergang unterscheidet. Sie streiten bis heute darüber, wieso er kam und verging. Die Theorie vom Pillenknick spielt dabei aber nur eine kleine Rolle: Man kann sie belächeln.

48 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
harald441 19.03.2014
joG 19.03.2014
capote 19.03.2014
thseeling 19.03.2014
hansulrich47 19.03.2014
BettyB. 19.03.2014
Herr Hold 19.03.2014
jottpunkt 19.03.2014
abstinent 19.03.2014
butalive76 19.03.2014
capote 19.03.2014
gärtnerin_65 19.03.2014
seelenklemptner 19.03.2014
Altesocke 19.03.2014
regula2 19.03.2014
3-plus-1 19.03.2014
bubamara80 19.03.2014
gundi 19.03.2014
lexik 19.03.2014
timwev 19.03.2014
Altesocke 19.03.2014
stefff 19.03.2014
misterknowitall 19.03.2014
seelenklemptner 19.03.2014
korox 19.03.2014
firehorse67 19.03.2014
universaldiletant 19.03.2014
j.c78. 19.03.2014
tadamtadam 19.03.2014
pittiken 19.03.2014
pittiken 19.03.2014
SchnurzelPuPu 19.03.2014
uksubs 19.03.2014
kaksonen 19.03.2014
pittiken 19.03.2014
lachina 19.03.2014
lies.das 19.03.2014
thelma&louise 19.03.2014
Altesocke 19.03.2014
lexik 19.03.2014
Altesocke 19.03.2014
zoli8oy 19.03.2014
karteileiche007 19.03.2014
Altesocke 19.03.2014
renewallich 19.03.2014
forenaccount 19.03.2014
joachim_m. 19.03.2014
joachim_m. 19.03.2014

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  • Nicole Sturz
    Björn Schwentker ist Wissenschafts- und Datenjournalist, der sich auf Themen der Demografie spezialisiert hat. Er ist unter anderem freier Mitarbeiter für das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, arbeitet für SPIEGEL ONLINE aber unabhängig davon als freier Journalist. Seine Beiträge hier geben nicht die Sichtweise des Instituts wieder. Die Ergebnisse seiner Recherchen finden sich auch in seinem Blog.

Was man über die Pille wissen sollte
Wie funktioniert die Pille?
Die eine Pille gibt es nicht. Auf dem Markt sind unterschiedliche Arten, die meistens zwei weibliche Geschlechtshormone enthalten, Östrogen und Gestagen. Moderne Pillen kommen mit deutlich niedrigeren Hormonmengen aus als das erste in Deutschland verfügbare Präparat "Anovlar" in den sechziger Jahren. Mittlerweile gibt es die Minipille, die nur Gestagene enthält. Einige dieser Minipillen müssen besonders exakt eingenommen werden, um verhütend wirken zu können.

Eine Schwangerschaft verhindern alle Pillenarten, indem sie den Eisprung verhindern, das Eindringen von Spermien in die Gebärmutter erschweren und die Schleimhaut der Gebärmutter so verändern, dass ein befruchtetes Ei sich nicht einnisten kann.
Was sind Ein-, Zwei- und Dreiphasenpillen?
Am verbreitetsten sind Einphasenpillen. In einer Packung sind 21, 22 oder 28 Dragees enthalten. Bei Pillen mit 21 oder 22 Dragees enthält jede Pille die gleiche Hormonmenge, jeden Tag wird eine Pille genommen. Anschließend folgt eine Pause von sieben (21) oder sechs (22) Tagen, während der es zur Monatsblutung kommt, weil dem Körper die Hormone entzogen werden. Bei Pillen, die 28 Dragees in einer Packung enthalten, sind je nach Präparat die letzten vier, sechs oder sieben Pillen ohne Wirkstoff. 28 Pillen sind es nur, um Einnahmefehler zu vermeiden.

Bei Zwei- und Dreiphasenpillen sind die Mengen an weiblichen Geschlechtshormonen und das Mischungsverhältnis je nach Einnahmetag unterschiedlich. So soll der weibliche Zyklus nachgeahmt werden. Diese Pillen müssen unbedingt in der richtigen Reihenfolge eingenommen werden, sonst verhüten sie unter Umständen nicht zuverlässig.
Wie sicher verhütet die Pille?
Die Wirksamkeit verschiedener Verhütungsmittel vergleichen Mediziner mit Hilfe des Pearl-Indexes. Die Pille hat bei richtiger Anwendung einen Pearl-Index von unter 1, das heißt weniger als eine von hundert verhütenden Frauen wird innerhalb eines Jahres trotz Pille schwanger.

Entscheidend dafür, ob die Verhütung mit der Pille klappt, ist die korrekte Einnahme. Beginnt eine Frau, mit der Pille zu verhüten, wird das erste Dragee üblicherweise am ersten Zyklustag eingenommen, also dem ersten Tag der Monatsblutung. Von diesem Tag an verhütet die Pille. Der Schutz vor einer Schwangerschaft erstreckt sich auch über die Einnahmepause und die Monatsblutung.

Außer bei der Minipille ist eine vergessene Pille noch nicht schlimm, wenn sie innerhalb von zwölf Stunden noch genommen wird. Mehrere vergessene Dragees hintereinander allerdings gefährden den Verhütungsschutz. Erst nach einer durchgehenden Einnahme für sieben Tage besteht der Schutz erneut - solange müssen andere Verhütungsmethoden wie zum Bespiel Kondome verwendet werden.

Für die Minipille gilt: Die meisten Präparate müssen täglich in einem engeren Zeitfenster eingenommen werden als die normale Pille.
Wann wirkt die Pille nicht?
Immer dann, wenn eine Pilleneinnahme vergessen wurde - und bei normalen Pillen nicht innerhalb von zwölf Stunden nachgeholt wurde - ist der Empfängnisschutz gefährdet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet einen Online Schnelltest, der zeigt, ob die Verhütung noch gewährleistet ist.

Verschiedene andere Medikamente können trotz zuverlässig eingenommener Pille die Verhütung gefährden: Antibiotika, Abführmittel, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Epilepsiemedikamente. Auch pflanzliche Wirkstoffe wie Johanniskraut machen die Pille unwirksam. Der Beipackzettel der Medikamente enthält Informationen über die Wechselwirkungen mit der Pille. Arzt und Apotheker sollten, wenn sie solche Wirkstoffe verschreiben bzw. verkaufen, darauf hinwiesen, dass für die Dauer der Einnahme und sieben Tage darüber hinaus zusätzlich zum Beispiel mit Kondomen verhütet werden muss.

Durchfall und Erbrechen können dazu führen, dass die Hormone aus der Pille nicht aufgenommen werden und der Verhütungsschutz so unterbrochen wird. Im Zweifelsfall sollte der Frauenarzt aufgesucht werden.
Welche Nebenwirkungen gibt es?
Zu den unerwünschten Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, sexuelle Lustlosigkeit, Zwischen- und Schmierblutungen, Stimmungschwankungen und Spannungsgefühle in den Brüsten. Manchen Frauen hilft der Wechsel auf ein anderes Präparat.

Sehr seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen sind venöse Thrombosen und Lungenembolien. Thrombosen sind Blutgerinnsel, die vor allem in den tiefen Beinvenen entstehen und sich lösen können. Als Embolus wandern Gerinnsel in die Lungengefäße. Bei Frauen, die sonst keine Risikofaktoren für diese Krankheiten haben, bleibt das Risiko sehr gering: Während es normalerweise zu fünf bis zehn Fällen bei 100.000 Frauen in einem Jahr kommt, steigt das Risiko mit der Pille auf zwischen 20 und 40 Fällen, je nach Präparat.

Stärker erhöht ist das Embolie- und Thromboserisiko bei Raucherinnen und Frauen mit Gerinnungsstörungen. Auch das Herz-Kreislauf-Risiko steigt bei Frauen, die rauchen und die Pille nehmen. Ein unbehandelter Bluthochdruck treibt das Risiko weiter in die Höhe. Bei Diabetikerinnen muss der Frauenarzt individuell entscheiden, ob die Patientin mit der Pille verhüten kann.

Unter anderem wegen der möglichen Risiken durch andere Krankheiten auch bei Familienmitgliedern, etwa Bluthochdruck oder Herzinfarkte bei engen Verwandten, ist es wichtig, dass der Frauenarzt vor dem Verschreiben der Pille eine Anamnese erhebt. Frauen, die mit der Pille verhüten, sollten halbjährlich ihren Frauenarzt sehen.
Wer bezahlt die Pille?
Bei Frauen bis zum 20. Lebensjahr übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die Pille. Danach muss die Verhütung aus der eigenen Tasche bezahlt werden.
Schwangerschaft nach der Pille?
Wird die Pille abgesetzt, kann die Frau sofort schwanger werden. In der Praxis dauert es gelegentlich einige Monate, bis der Körper seinen natürlichen Rhythmus wiederfindet und es zum Eisprung kommt.

Quelle: BZgA, DGGG

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