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Datenlese Sponsoring für die Gesundheit

"Mach's mit": Auch an dieser Präventions-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, hier abgebildet mit Gesundheitsminister Daniel Bahr, beteiligten sich Sponsoren mit erheblichen Summen Zur Großansicht
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"Mach's mit": Auch an dieser Präventions-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, hier abgebildet mit Gesundheitsminister Daniel Bahr, beteiligten sich Sponsoren mit erheblichen Summen

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Fast 77 Millionen Euro erhielt die Regierung in den Jahren 2011 und 2012 von Sponsoren. Der Großteil der Spenden ging an das Gesundheitsministerium, das damit vor allem Projekte der Aids-Prävention und Kampagnen gegen Alkoholmissbrauch finanzierte. Eine gefährliche Schieflage, kritisieren Politiker.

Staatliche Institutionen liegen ihnen besonders am Herzen: Sponsoren ließen den Bundesbehörden in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 76,9 Millionen Euro zugute kommen. Dass Ministerien, Politiker und Bundesinstitute durch private Unternehmen gesponsert werden, gibt stets Anlass für Kritik. Um den Vorwurf der Korruption zu entkräften, macht die Bundesregierung die erfolgten Zahlungen seit 2003 öffentlich.

Die Bekanntgabe der Sponsoringleistungen an die Bundesverwaltung erfolgt jeweils durch das Innenministerium.

Spitzenreiter Gesundheitsministerium

Der Großteil der Spenden entfiel 2011 und 2012 mit rund 52 Millionen Euro erneut auf das Gesundheitsministerium (BMG) und dessen nachgeordnete Einrichtungen - vornehmlich für Kampagnen zur Prävention. An zweiter Stelle folgt der Bereich des Kultur- und Medienbeauftragten (BKM) der Regierung mit 9,5 Millionen Euro. Das Auswärtige Amt (AA) erhielt gut 3,1 Millionen Euro, die vor allem in Veranstaltungen der Auslandsvertretungen flossen, etwa am Tag der Deutschen Einheit. Das Innenministerium (BMI) bekam rund 3 Millionen Euro, etwa für die Ausstattung des Technischen Hilfswerks. Das Bundespräsidialamt erhielt knapp 2,2 Millionen Euro - die unter anderem für das Bürgerfest 2012 verwendet wurden. Und das Bundeskanzleramt erhielt eine Leistung im Wert von 3477,50 Euro für eine Pflanzaktion zum "Tag des Baumes".

Die Prävention ist ein zentraler Bereich der Gesundheitsförderung. Kritiker bemängeln, dass er insgesamt in Schieflage geraten könnte, wenn das BMG wichtige Projekte über Sponsorengelder finanziert. Ihr Vorwurf: Die staatlichen Akteure der Prävention machen sich abhängig vom Wohlwollen privater Financiers.

Die grüne Abgeordnete Maria Klein-Schmeink wollte von der Bundesregierung wissen, wie hoch der Anteil der aus Sponsoringmitteln finanzierten Personalkosten an den Gesamtausgaben für HIV- und Alkohol-Prävention beträgt. Die Antwort auf ihre kleine Anfrage ergibt, dass es jeweils gut die Hälfte sind. Dabei sind die aus Sponsoringmitteln finanzierten Stellen befristet. "Es darf nicht sein, dass Prävention durch Marketingmaßnahmen gesteuert wird und die wichtige Arbeit in diesem Bereich von Sponsoring abhängig ist", sagt Klein-Schmeink.

Weiterer Kritikpunkt: Private Krankenkassen, die im Gegensatz zu den gesetzlichen Kassen keinen gesetzlichen Auftrag zur Förderung der Prävention haben, nutzten die Form des Sponorings als Marketinginstrument. Tatsächlich kamen die größten Einzelspenden vom Verband der privaten Krankenversicherung: Zehn Millionen Euro pro Jahr gab er für die Prävention von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen. Jährlich 3,2 Millionen Euro zahlten die Privaten für Projekte im Bereich HIV/Aids.

Interessenskonflikte deuten sich auch bei Geldgebern aus der zweiten Reihe an: So gab die Staatliche Lotto- und Totto-GmbH aus Stuttgart 340.000 Euro an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für die Prävention der Spielsucht, der Verband der Deutschen Automatenindustrie zahlte für denselben Zweck 111.500 Euro.

Das Schlechte anbieten, das Gute tun

Dass die Verbände, die Suchtmittel anbieten und daran verdienen, viel Geld geben, um die gute Seite zu stärken, hat übrigens Geschichte. Schon zu Zeiten der rot-grünen Regierung kassierten die verschiedenen Ministerien und Behörden 80 Millionen Euro von Sponsoren. Zur Sponsoring-Königin der Jahre 2005 und 2006 wurde Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gekürt. So gaben etwa der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) und eine Reihe von Tabak-Konzernen 5,1 Millionen Euro "für Präventionsmaßnahmen zum Nichtrauchen von Kindern und Jugendlichen".

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4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
joachim_m. 11.07.2013
Modest 11.07.2013
inecht 12.07.2013
jimmy_2012 12.07.2013
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