Debatte um PID: Bundestag streitet über Gentests bei Embryos

Es ist eine heikle Frage: Sollen Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas erlaubt werden oder nicht? Zur Stunde diskutieren Abgeordnete im Bundestag über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik, drei Anträge liegen zur Abstimmung vor. Zuvor warben Gegner nochmals eindringlich für ihre Positionen. 

Vorbereitung der Eizellen für eine künstliche Befruchtung: Parlament debattiert über PID Zur Großansicht
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Vorbereitung der Eizellen für eine künstliche Befruchtung: Parlament debattiert über PID

Berlin - Den Abgeordneten im Bundestag steht ein langer Diskussionstag bevor: Am Donnerstagmorgen hat Bundestagspräsident Norbert Lammert im Parlament die Debatte über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) gestartet - sie ist auf mindestens drei Stunden angesetzt.

Diese drei Anträge liegen dem Bundestag vor:

  • Antrag Pro PID: Die begrenzte Zulassung von Gentests an künstlich erzeugten Embryonen soll Paaren, die eine Veranlagung für eine schwere Erbkrankheit haben, die Chance auf ein gesundes Kind ermöglichen. PID soll deshalb im Grundsatz verboten, aber in Ausnahmefällen zulässig sein - etwa wenn die Eltern die Veranlagung für ein schweres vererbbares Leiden haben oder eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Eine vorherige Beratung ist Pflicht, eine Ethikkommission muss zustimmen. PID darf nur an Zentren mit Lizenz vorgenommen werden.
  • Antrag Pro PID mit Ausnahmen: Auch nach diesem Gesetzentwurf soll PID grundsätzlich verboten werden, Ausnahmen sind erlaubt, die Kriterien werden jedoch noch strenger gefasst: Die PID soll nur für Paare zugelassen werden, die eine genetische Veranlagung dafür haben, "dass Schwangerschaften in der Regel mit einer Fehl- oder Totgeburt oder dem sehr frühen Tod des Kindes innerhalb des ersten Lebensjahres enden". Auch hier wird Beratung sowie die Zustimmung einer Ethikkommission vorgeschrieben.
  • Komplettes Verbot: Die Gegner warnen vor einer Zukunft mit "Designer-Kindern". Die künstliche Befruchtung bekäme nach ihrer Meinung durch PID eine neue Dimension. Nicht nur über Krankheiten, sondern auch andere Merkmale wie das Geschlecht könne durch die Tests zuvor aufgeklärt werden. Die Forschung würde versuchen, Nutzen aus Embryonen zu ziehen, die zu "Abfallprodukten" würden. Dabei hätten Embryonen von Anfang an Menschenwürde, auch wenn sie im Reagenzglas erzeugt würden.

Zunächst verständigten sich die Abgeordneten darauf, per Stimmzettelverfahren abzustimmen. Alle Anträge stehen demnach gleichzeitig zur Abstimmung. Erhält gegen Mittag keiner im ersten Wahlgang die Mehrheit, kommt es zum zweiten Durchgang mit den beiden stärksten Anträgen.

Derzeit sind Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas vor dem Einpflanzen in den Mutterleib zur Erkennung schwerer genetischer Schäden erlaubt. Allerdings ist die Präimplantationsdiagnostik gesetzlich nicht weiter geregelt. Nun soll es eine Regelung geben. Der Streit entzündete sich vor allem daran, was geschieht, wenn bei Embryonen Behinderungen und Erbkrankheiten festgestellt werden. Die PID macht es möglich, solche Embryonen zu "verwerfen" - also nicht einzupflanzen.

"PID bedeutet Selektion"

Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Flach (FDP) forderte in der Bundestagsdebatte die Zulassung der Gentests an Embryos aus dem Reagenzglas. Der Gesetzgeber werde vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern, wenn er eine Frau zwinge, zur Abwendung einer schweren Erbkrankheit oder einer Fehl- oder Totgeburt eine Abtreibung vorzunehmen, sagte Flach. Nach heutiger Rechtslage ist eine Abtreibung dann erlaubt. "Wir sehen keinen automatischen Anspruch auf eine PID vor", versicherte Flach.

Der Patientenbeauftragte Wolfgang Zöller (CSU) hielt entgegen, der staatliche Schutzauftrag gegenüber Menschen mit Behinderung werde mit der PID infragegestellt. "Ein menschlicher Embryo entwickelt sich von Anfang an als Mensch und nicht zum Menschen." Zöller: "PID bedeutet Selektion." Unter den künstlich hergestellten Embryonen würden die einen ausgewählt, die anderen verworfen.

Der SPD-Ethikexperte René Röspel warb für den dritten Antrag, einen Mittelweg. Die PID solle nur erlaubt sein, wenn die Entwicklungsfähigkeit des Embryos unwiderruflich nicht gegeben sei. "Wir wollen nicht, dass darüber entschieden wird, ob ein Leben gelebt werden darf. Aber wir akzeptieren die Tatsache, dass im Embryo die Entscheidung bereits getroffen ist, dass er nicht leben kann."

Gegner und Befürworter werben für ihre Positionen

Bereits vor der Bundestagsdebatte hatten PID-Befürworter und Gegner nochmals für ihre Positionen geworben: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat Befürchtungen zurückgewiesen, dass im Falle einer begrenzten Zulassung der umstrittenen Gentests an Embryonen aus künstlicher Befruchtung Designerbabys entstehen könnten. "Diese Sorge ist unbegründet", sagte die CDU-Politikerin am Donnerstag im ARD-"Morgenmagazin". Hier gehe es um eine völlig andere Frage. Einer kleinen Gruppe von Paaren werde die Möglichkeit gegeben, bei einer künstlichen Befruchtung die Präimplantationsdiagnostik machen lassen zu dürfen.

Es gehe dabei um eine schwere Erbkrankheit, die auf einem einzelnen Gen sitze, fügte von der Leyen hinzu. Der Bundestag will heute über die Präimplantationsdiagnostik PID entscheiden. Dafür wird der Fraktionszwang aufgehoben. Für die abschließende Plenardebatte sind fast fünf Stunden vorgesehen.

Der CDU-Politiker Peter Hintze befürwortete eine begrenzte Anwendung der Präimplantationsdiagnostik. Das Gesetz erlaube sogar noch in den ersten drei Monaten einen Schwangerschaftsabbruch. Es sei aber "um ein Hundertfaches humaner", Eltern künstliche befruchteter Embryonen zu erlauben, einer verhängnisvollen Krankheit auszuweichen, als "dem Martyrium seinen Lauf zu lassen", sagte er dem Radiosender MDR Info. Im Deutschlandfunk sagte er: "Bei der PID geht es ausschließlich darum, ein Verhängnis, um das ich weiß, nicht weitergeben zu müssen." Die betroffenen Eltern wünschten sich sehnlichst ein Kind.

Grünen-Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt sprach sich im Deutschlandradio Kultur gegen die PID aus. Die Methode sei kein Heilsversprechen. Sie könne die Eltern zwar sehr gut verstehen, sagte Göring-Eckardt. Die PID sei aber keine Garantie, dass es zur Schwangerschaft komme. Es gehe nicht nur um wenige, sondern um "sehr sehr viele Fälle".

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, betonte, dass nach den Erfahrungen anderer Länder nicht mit einer massenweisen PID zu rechnen sei. "Ich gehe davon aus, dass sie jährlich in 150 bis 200 Fällen zur Anwendung kommen wird", sagte Montgomery, der gleichwohl grundsätzliche Bedenken gegen die PID geltend machte, der "Schweriner Volkszeitung".

cib/dpa

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1.
janne2109 07.07.2011
der Gentest sollte erlaubt werden und den künftigen -sehr wohl mündigen !!!- Eltern, die Entscheidung ihn machen zu lassen, selbst überlassen werden. Wozu die Errungenschaften der Medizin und angrenzender Fächer wenn sich die Gesetze verhalten wie im Mittelalter?
2. ...
atzlan 07.07.2011
Zitat von sysopEs ist eine heikle Frage: ollen Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas erlaubt werden oder nicht? Zur Stunde diskutieren Abgeordnete im Bundestag über die umstrittene Präimplantationsdiagnostik, drei Anträge liegen*zur Abstimmung vor. Zuvor warben Gegner*nochmals eindringlich für ihre Positionen.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,772870,00.html
Auf welcher verfassungsrechtlichen Grundlage beruht eigentlich das Verbot aller drei Anträge, bestimmte Merkmale des eigenen Kindes frei aussuchen zu können?
3. .
atomkraftwerk 07.07.2011
Was soll daran eine heikle Frage sein? Blödsinn. Es gibt nichts zu diskutieren. PID hat aus humanistischen, sozialen und ökonomischen Gründen gefälligst zur Pflicht zu werden und zwar für alle. Aber wir sind ja hier im fortshcrittfeindlichen D wo man lieber dem Mittelalter nachhängt und Pfaffengelatsche noch immer über der Wissenschaft steht.
4. Meine Freundin und ihr ausgeprägter Kinderwunsch
Besquare 07.07.2011
Ich bin aus folgendem Grund für die PID: Meine Freundin hat seit ihrer Kindheit Neurodermitis, und jede menge Allergien, und irgendwelche Knochenprobleme die mit auf die Medikation von ihr zurückzuführen sind. Ich werde ihr ohne Gewissheit diesen Kinderwunsch nicht erfüllen, da ich sehe was sie tag täglich an der Backe hat, wegen ihrer Krankheit. Und nüchtern Betrachtet haben die Meilensteine der Medizin dazu geführt, das fast jedes Kind was gezeugt wird durch kommt und vermittels der vollen Dröhnung durchkommt. Die gesunkene Kindersterblichkeitsrate ist toll. ABER die fehlende Selektion führt auch dazu, das gewisse erbliche Defizite erhalten bleiben. Hier geht es nicht um Designer-Kinder, das Erbgut soll nicht und darf nicht verändert werden, hier geht es um gesunde Kinder...und die Gesundheit ist defi das höchste Gut eines Menschen...warum also nicht kontrollieren wenn man kann...früher hat das die Natur selber geregelt,da wir auch hier die Natur entmündigt haben müssen wir -zum wohle aller- eine sachliche und vernünftige basis schaffen, um dieses Defizit wieder auszugleichen. das ist Human. Wer von euch will ein Kind haben, was von anfang an dauergast bei ärzten ist??? ich glaube niemand. Daher ist das eine logische und irgendwann zwangsläufige Konsequenz unserer medizinischen Innovationen. Und diese Gretchenfrage ergibt sich schon allein aus dem Unterschied zwischen K- und R-Selektion. Wenn wir alle Regeln und Mechanismen dieser Welt über den Haufen werfen und/oder verändern, dann müssen wir uns auch vernünftig mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Der Hochadel hat sich im Mittelalter zu einer kränkelnden subspezies entwickelt, nur weil er so gut versorgt war!!!
5. Unverständlich
Pulvertoastmann 07.07.2011
Man bedenke: Die Abtreibung eines gesunden (!) Fötus ist bis zum dritten Schwangerschaftsmonat (mit Einschränkungen) erlaubt. Die Abtreibung eines schwerbehinderten Kindes ggf. sogar noch darüber hinaus. Und da wird ernsthaft darüber debattiert, ob man Embryonen mit beeinträchtigtem Erbgut verwirft, solange sie lediglich aus ein paar Zellen bestehen? Zumal heutzutage in der Reproduktionsmedizin ohnehin schon Embryonen verworfen oder Not-Kryokonserviert werden, weil in der Regel pro Behandlungsdurchlauf mehr Embryonen entstehen, als dem Paar nachher zurückverpflanzt werden dürfen. Zugegeben ist die Frage "Wo beginnt menschliches Leben?" nicht zweifelsfrei zu beantworten. Allerdings ist diese Frage meiner Meinung nach für die PID irrelevant, solange gleichzeitig sehr viel krassere Maßnahmen im Schwangerschaftsverlauf (wie eingangs erwähnt) zulässig sind. Mit dem Verzicht auf die PID zwingt man betroffene Paare nachgerade zu Trial & Error - ein Embryo wird eingesetzt, es kommt zur Schwangerschaft, nach einigen Monaten steht fest, das Kind ist schwer behindert. Also abtreiben und noch mal von vorn. Das kann es doch einfach nicht sein.
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.