"Deepwater"-Katastrophe BP meldet Erfolg im Kampf gegen die Ölpest

Hoffnungsschimmer im Golf von Mexiko: Nach mehreren Fehlschlägen gelang es erstmals, ein Absaugrohr in die defekte Steigleitung einzuführen und Öl abzupumpen. Zugleich warnen Experten vor gigantischen Ölteppichen unter Wasser.

Bergungsschiff im Golf von Mexiko: Ist das der Durchbruch?
dpa

Bergungsschiff im Golf von Mexiko: Ist das der Durchbruch?


Hamburg/London/New Orleans - Waghalsige Versuche mit einer Stahlkuppel waren hoffnungslos gescheitert, drei Tage hatten sich Experten bemüht, ein Absaugrohr in das Leck einzuführen. Nun ist offenbar erstmals ein wichtiger Teilerfolg gelungen. Ein Rohr wurde in die zerstörte Steigleitung gesteckt, um das hervorsprudelnde Öl in einen Tanker abzupumpen. Die Vorrichtung sei erfolgreich angebracht worden, sagte ein Unternehmenssprecher am Sonntag.

Ingenieure hatten seit Donnerstag daran gearbeitet, das Rohr in 1.600 Metern Tiefe an die Leitung anzuschließen. Mit ferngesteuerten Untersee-Robotern gelang es nun, das 15 Zentimeter dicke Rohr mitsamt einer Dichtung in die 53 Zentimeter breite Leitung zu stecken.

Zunächst hatte der Konzern angegeben, der größte Teil des austretenden Öls könne so aufgefangen werden. Dann zog der Vizechef des Konzerns, Kent Wells, die Aussage aber wieder zurück. Die Menge des abgepumpten Öls nehme aber kontinuierlich zu, sagte er. Experten gehen davon aus, dass etwa 85 Prozent des austretenden Öls aus dem Rohr ins Meer gelangt.

Seit der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" fließt täglich Öl in den Golf. Wie viel, das weiß niemand genau. BP verweist immer noch auf die ersten Schätzungen der US-Regierung, die von etwa 5000 Barrel am Tag ausging. Wissenschaftler halten diese Zahl jedoch für viel zu niedrig. Sie gehen inzwischen von 25.000 bis 80.000 Barrel am Tag aus, also vier bis 12,7 Millionen Liter. Im schlimmsten Fall liefe damit binnen einer Woche also mehr Öl in den Golf, als auf zwei Exxon-Valdez-Tanker gepasst hätte

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Golf von Mexiko: Der verzweifelte Kampf gegen die Ölpest
Neben der sichtbaren Verschmutzung auf der Meeresoberfläche gibt es darunter auch riesige Ölfahnen mit bis zu 16 Kilometern Länge und fünf Kilometern Breite, wie die Meereswissenschaftlerin Samantha Joye am Samstag mitteilte. "Es könnte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich das System von der Einleitung solch großer Mengen Öl und Gas erholt."

Parallel dazu begann das Unternehmen mit einem umstrittenen Verfahren, das Öl direkt am Leck mit Chemikalien zu zersetzen. In der kommenden Woche wollen Experten dann versuchen, das größere der beiden Lecks mit Gummi- und Fasermüll zu stopfen und zuzubetonieren. BP hofft, dass eine der Übergangslösungen funktionieren wird, bis ein Ersatzbohrloch einsatzbereit ist. Dies wird noch mindestens zwei Monate dauern.

Wissenschaftler befürchten laut "New York Times", dass die in den vergangenen Wochen zur Zersetzung des Öls an der Oberfläche eingesetzten Chemikalien für die Unterwasser-Ölteppiche verantwortlich sein könnten. Das Öl werde durch die chemische Reaktion möglicherweise schwerer und steige deshalb nicht an die Wasseroberfläche. In dem Gebiet der Ölfahnen sinkt laut Untersuchungen des Forschungsschiffs "Pelican" der Sauerstoffgehalt des Wassers stark ab, was gravierende folgen für Flora und Fauna haben könne.

USA fordern volle Kostenübernahme von BP

Angesichts der anhaltenden Misserfolge nimmt die Kritik von US-Präsident Barack Obama an BP und den am Bau der Unglücksbohrinsel beteiligten Firmen an Schärfe zu. Deren Versuch, sich gegenseitig die Schuld für das Unglück in die Schuhe zu schieben, bezeichnete er als "lächerliches Schauspiel". Er werde sich erst zufriedengeben, wenn das Leck gestopft und der Golf vom Öl gesäubert seien und die Anrainer wieder ihrer normalen Arbeit nachgehen könnten, sagte Obama am Freitag.

Nach Berichten über allzu lasche Genehmigungsverfahren bei Offshore-Bohrungen kündigte der US-Präsident an, er wolle die engen Kontakte zwischen Industrie und Aufsichtsbehörden beenden. Angesichts der immer katastrophaleren Lage im Golf von Mexiko hat die US-Regierung den britischen Ölkonzern BP aufgefordert, sich klar zur Übernahme aller Kosten der Ölpest bereitzuerklären. Zuvor war ein weiterer Versuch gescheitert, die aus dem lecken Bohrloch strömenden Ölmassen zu stoppen. Aufgrund von eigenen Untersuchungen vermuten Wissenschaftler, dass viel mehr Öl ausströmt, als bisher angenommen.

In einem am Samstag veröffentlichten Schreiben forderten Heimatschutzministerin Janet Napolitano und Innenminister Ken Salazar BP-Chef Tony Hayward auf, noch einmal öffentlich festzustellen, dass der Konzern für alle entstehenden Schäden der Ölkatastrophe aufkommen werde. Die US-Regierung gehe davon aus, dass BP nicht versuchen werde, eine gesetzliche Haftungsgrenze von 75 Millionen Dollar (60 Millionen Euro) in Anspruch zu nehmen, hieß es in dem Schreiben.

Dies hatte Hayward zwar bereits in der vergangenen Woche bei einer Kongress-Anhörung zugesagt. Schon jetzt hat der Konzern fast 400 Millionen Dollar für die Einsatzarbeiten im Golf von Mexiko ausgegeben, ohne den Ölfluss stoppen zu können. Niemand kann vorhersagen, wie hoch die Kosten - einschließlich Schadensersatzzahlungen - letztlich sein werden.

hil/APD/Reuters



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Seite 1
Hilfskraft 30.04.2010
1. Berauscht vom Bohr-Boom
Zitat von sysopDie Ölpest im Süden der USA nimmt immer dramatischere Ausmaße an und erreicht inzwischen die Küste. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Hat das Krisen-Management funktioniert?
Wenn man den Hals nicht voll kriegt, erstickt man halt dran. H.
kdshp 30.04.2010
2. aw
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entlarvt die Schwachstellen der Tiefseebohrung: Die Förderfirmen bauen immer größere Anlagen, doch auch die Risiken steigen. Auf der Plattform "Deepwater Horizon" wurde auf ein spezielles Sicherheitssystem verzichtet - möglicherweise aus Kostengründen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,692282,00.html Hallo, ja das ist nicht nur auf ölbohrinseln so! Ich erlebe täglich das hier in deutschland unternehmen an der sicheheit sparen. Wenn was passiert ist der schaden oft viel höher als die ganze sicherung vorher. Deswegen sollte BP hier nicht nur alles bezahlen sondern auch eien strafe zahlen und oder gar verboten werden sollte.
Gegengleich 30.04.2010
3. Ersticken?
Zitat von HilfskraftWenn man den Hals nicht voll kriegt, erstickt man halt dran. H.
Was heißt erstickt dran? Schauen Sie mal nach den weltweit größten Konzernen. Und dann, wieviele Öl-Mulits darunter sind. Von Ersticken kann da keine Rede sein.
Hubert Rudnick, 30.04.2010
4. Berauscht vom Öl?
Zitat von sysopDie Ölpest im Süden der USA nimmt immer dramatischere Ausmaße an und erreicht inzwischen die Küste. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Hat das Krisen-Management funktioniert?
Erdöl ist in unserer Gesellschaft ein sehr wichtiger Rohstoff, dass man damit auch sehr viel Geld verdienen kann, dass zeigen uns die Konzerne jeden Tag. Aber wer die Rohstoffvorkommen unseres Planeten ausbeuten will, den Nutzen davon tragen möchte, der sollte auch dazu gezwungen werden, dass die Menschen auch hinterher noch gut in ihren Regionen leben können. Man sagt wo gearbeitet wird, da geschehen dann auch Unglücke und Katastrophen, dass gehört anscheinend zusammen, aber wir sollten mit der Zeit gelernt haben diese zu minimieren und die Schäden zurückzudrängen. Wenn nun bei der Förderung der Rohstoffe es zu Katastrophen kommt, dann sollten aber auch die Betreiber schnellsten und fachgerecht zum Schutze der Menschen und der Umwelt was erfolgreiches dagegen machen. Sollte denn keiner heutzutage in der Lage sein, diese Katastrophe schneller einzudämmen? Ich glaube nicht, dass man solche oder andere Katastrophen total ausschließen kann, aber man sollte besser auf so etwas vorbereitet sein. Wir Menschen hinterlassen über unsere Spuren, aber viele davon sollte man eben schnellsten beseitigen.
Realo, 30.04.2010
5. Lesen & verstehen !
Zitat von kdshpDie Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entlarvt die Schwachstellen der Tiefseebohrung: Die Förderfirmen bauen immer größere Anlagen, doch auch die Risiken steigen. Auf der Plattform "Deepwater Horizon" wurde auf ein spezielles Sicherheitssystem verzichtet - möglicherweise aus Kostengründen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,692282,00.html Hallo, ja das ist nicht nur auf ölbohrinseln so! Ich erlebe täglich das hier in deutschland unternehmen an der sicheheit sparen. Wenn was passiert ist der schaden oft viel höher als die ganze sicherung vorher. Deswegen sollte BP hier nicht nur alles bezahlen sondern auch eien strafe zahlen und oder gar verboten werden sollte.
Die Bohrinsel gehörte Transocean. BP hat sie lediglich nachträglich gemietet. Einen 3 Preventer nachträglich einzubauen ist nicht möglich. Also bitte posten Sie nicht so einen Quatsch....Danke !
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